das gespiegelte kupferhuhn ist nicht meine erfindung

das gespiegelte kupferhuhn ist ein kleines vom leben ausgeschlossenes zukunftshuhn

(ein ei nämlich)
dessen weiß und kupfer auf meinem teller lag

ich aß es mit fladen (die metallklammer des mehlsacks
eingebacken spuckte ich aus) und gestreckter butter

die mutter des kupferhuhns das erfuhr ich später
sieht jeden morgen wenn sie aus dem stall tritt
den kupferrauch der fabrik

und weil der wind häufig die richtung wechselt
steigt der rauch jeden tag anderswo
wer weiß wo=
hin

die mutter des kupferhuhns schert es nicht nur
dass sie (von den eiern die man ihr ließ)
nie ein küken durchgebracht hat

stimmt traurig

es ist daher gut dass man ihr die eier wegnimmt
so muss die mutter die krüppel wenigstens
nicht sterben sehen.

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Jeghische Tscharenz: Persönliche Weise

Nachdichtung von տաղ անձնական (Չարենց)

In Kars ließ ich am Flussufer mein Haus aus unbehauenem Stein,
Ich verließ Kars, den Karser Park und den blauen Himmel der Heimat
Und Karine Kotantchyan, der ich dieses Mal nicht sagte: Mach’s gut –
Ohne diesen letzten Gruß gehe ich nun durch fremde Städte.

Ohne diesen letzten Gruß gehe ich und bin umgeben von Menschen, tausenden und abertausenden Gesichtern,
Um mich herum lärmt die Welt, das ungleiche menschliche Leben,
Wer wird sagen, warum du, und wer wird sagen, wohin du kommst
Die Gesichter, ach, sind so stumpf, als seien sie mit Äxten geschlagen.

Dieses Leben scheint ein graues, lahmes und irres Lied.
Dieses Leben scheint die offene Wunde im Herz eines Menschen.
Und für wen, für wen jetzt dieses sehnsuchtsvolle Lied?
Mein Herz ist gefüllt mit dem Zinn und Blei der Jahre.

Und um mich lass diese bucklige Welt lachen, sich auflösen,
Ich – verkrüppelt und irr und ein ewig Fliehender
Muss zum Himmel gehen, an den Rande Amenthes –
Meinen hohen, alten und sternigen Weg der Träume

Und mein Herz vergibt nun alle Sünden,
Ich muss mich entfernen auf ewig, muss gehen, meine Augen schon in der Ferne,
Und wenn Ihr Karine Kotantchyan auf den Straßen von Kars seht –
Sagt ihr, Tscharenz wollte sagen: Mach’s gut, mach’s gut …
1919

 

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you should have asked

hund. first

hund. second

I mean
ich meine
you should have asked
du hättest fragen müssen
you should have asked that dog
du hättest den hund schon fragen müssen
you should have asked that dog whether it agrees to be photographed
du hättest den hund schon fragen müssen ob er einverstanden ist dass du ihn hier fotografierst

I mean
didn’t you see how it turned away
du hast doch gesehen wie er weggedreht hat
from the first to second image
didn’t you see that change
auf dem zweiten bild sieht er
genervt aus

Do you think it’s fine to expose
findest du das jetzt gut dieses wesen
this creature without giving him
so ausstellen ohne
any chance to deny
jeglichen ausweg

Definitely it would have
es hätte sicher
disagreed if you just

I mean
you should have asked

 

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Arshile Gorky

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© CivilNet.TV

»Kürzlich war mein Denken erfüllt vom Duft armenischer Aprikosen. In meinem Studio, natürlich, gab es keine; aber der Duft war so deutlich, dass mir schien, ich sei just auf den Baum geklettert, um sie für meinen Großvater zu pflücken.«

Arshile Gorky

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Ein Loch im Rost. Eine Reise in die armenische Dichtung

Der Umschlag der Anthologie »Zeitgenössischen Armenischen Lyrik« zeigt ein rostiges Tor, darauf ein in Stein geschlagener Engel. Auf der Rückseite bildet der Umriss des Engels ein Loch im Metall: Man blickt durch einen bewölkten Himmel auf den Ararat.

Durch Loch im Zaun steigt der Leser in das kleine fremde Land im Südkaukasus. Es fühlt sich an wie Abenteuer. Nichts ist geplant, aber alle sind euphorisch: Das hier ist Pionierarbeit. Die bisherigen Übertragungen armenischer Literatur ins Deutsche lassen sich an den Fingern und Zehen eines einzelnen Menschen abzählen, es sind Gedichte, Romane, Erzählungen und Epen. Zählt man die Namen der Übersetzer, genügt schon eine Hand.

Für die »Zeitgenössische Armenische Lyrik« ist es immerhin ein Dutzend Übersetzer, die den Leser nach Armenien führen. Manche Übersetzungen sind glasklar und gerade. Andere, von armenisch-deutschen Übersetzer-Duos geschaffen, delirieren sich in sinnlosem Reim und Rhythmus oder versinken in Stilmittelfluten à la »Ruhende Raupe / Geistesblitz des Genies«.

Die Essenz des verworren-schwammigen Vorwortes: Umbrüche. Wenn man über die armenische Literatur seit den 1960er Jahren spricht, so lässt sie sich auf den gemeinsamen Nenner des »Umbruchs« bringen. Es gibt Transformationen, Übergänge, Brüche. Die konkreten historischen Ereignisse spiegeln sich in einigen Texten der Anthologie: Der Völkermord an den Armeniern im osmanischen Reich 1915. Die langen Jahre der Sowjetherrschaft. Im Dezember 1988 das Erdbeben von Spitak. Anfang der 90er Jahre der Krieg zwischen Armenien und Aserbaidschan um die Enklave Berg Karabach. Die »dunklen Jahre«. Noch heute leben 35,8% der armenischen Bevölkerung unter der Armutsgrenze. Violett Grigoryan zeigt den Alltag dieser Menschen in ihrem Gedicht »Über Liebe und Krieg«. Fast entsteht der Eindruck, man lese eine Reportage:

»Für ein bisschen, ein kleines bisschen Vergnügen
gebe ich mein ganzes Geld.
Meine Hübschen, zarte Geldscheinchen.
Stapel von Zehnern,
entschuldigt mich Närrin,
dieses Jahr habe ich wieder keine Schuhe gekauft,
für ein bisschen, ein kleines bisschen Vergnügen
laufe ich noch ein paar Jahre barfuß.
Du da, Gespenst, Hohepriester des Kiosks,
du gaunerischer Schatten im Kerzenschein,
Magier der Bude,
gib mir Kaugummi, Wein und Zigaretten.«

Auch das Gedicht »Falle« von Hovhannes Grigoryan trägt derart reportagenhaften Züge. Es erzählt von einer vielköpfigen Familie, die in einem Eisenbahnwaggon lebt. Ein Reporter besucht die Familie und das einzige, was er zu erzählen findet, ist eine Fliege in der Luft und wie synchron sich da die Hälse recken. Schließlich steckt der Reporter das letzte Essen ein und verschwindet »als der Waggon an Fahrt zunehmend / fortfahren würde da zu bleiben / wo er stand«. Grigoryan erzählt ruhig und schörkellos in der Übersetzung von Raffi Kantian. Seine Sprache hat die Kargheit des Waggons, vom dem sie spricht. An anderer Stelle erzählen die armenischen Gegenwartsgedichte von den universalen menschlichen Themen: Von Liebe, Konflikten und Tod.

»Noch ein Lied«, ebenfalls von Grigoryan, ist ein wunderbares Anti-Kriegslied, voller Wiederholungen und leichter Varianzen. So wie sich die Tode wiederholen und einander gleichen, von ihren kleinen eigenen Zügen abgesehen.

»NOCH EIN LIED

Und jene, die gestern umgebracht wurden,
und jene, die morgen umgebracht werden,
und jene, die brüllten
›Hoch das Vaterland‹,
und jene, die es nicht mehr schafften:
Sie alle hatten
blaue oder schwarze Augen,
hatten Vornamen und Namen,
Anlässe für Freude und Trauer.
Auch wenn alle heimatlichen Instrumente erklingen,
auch wenn alle Mütter wehklagen in verschiedenen Sprachen,
die Sprache der Trauer bleibt gleich,
gleich bleibt die Farbe der Tränen
und verständlich für jedermann.
Ich jedoch,
dem man viele Sünden nachsagt,
feure vielleicht morgen,
vielleicht schon heute,
in olivgrüner Uniform
die letzte Kugel ab im Namen der Zivilisation
und falle brüllend
›Hoch das Vaterland‹,
oder vielleicht schaffe ich es nicht mehr zu brüllen.
Und meine Mutter beweint mich in Schiraker Mundart
und verflucht in derselben Mundart
alle Kriege dieser Welt.«

Andere Gedichte begeben sich ins Surreale. Varlen Aleksanyan lässt ein Flügelwesen sprechen. Es fragt, was tue man mit Flügeln in einer Welt, die nicht erlaube, sie zu strecken, damit zu umarmen, zu beten, zu tanzen, gar zu fliegen? Nicht einmal in die Seiten dürfe man sie stemmen. Allein wenn sie hängen, ertöne Applaus.

Eine Kollektion verschiedener Apokalypsen wohnt, ziemlich erstaunlich, vor allem bei den jüngeren Autoren. Man macht sich bereit für den Untergang, winters oder kurz danach. Ins Marine Petrosyans Gedicht »alles ist zuende« geht die Welt in Schnee unter. Zuerst vergesse man den Alltag, dann erkenne man die Todesgefahr und schließlich frage man sich: »wozu denn ein haus / wenn / der schnee sogar die vögel bedeckt / die im himmel sind«.

Was bei Andranik Karapetyan folgt, ist nicht weniger bedrohlich: Der Winter löst sich auf, Taube für Taube verlässt das Weiß seine Flächen und die Vögel landen auf den Schultern des Erzählers – bis schließlich »draußen ein Frohlocken der Farben war, / Und der Schwere des Weißes / Meine Schultern nicht mehr aushielten, / Fühlte ich plötzlich eine ungeheure Erleichterung. // Zahllose Tauben / Hoben mich mit in den Himmel …«

Bei dieser Anthologie mag man berührt sein von den guten Gedichten oder enttäuscht von jenen, die vielleicht auch nur in deutscher Übersetzung schrecklich klingen. Manche, über die die Reimwut hinweggefegt ist wie ein Wirbelsturm, der alles Feine und Bestaunenswerte zerstört hat.

Das Büchlein ist ein Schnellschuss, dem mehr Sorgfalt gut getan hätte. Aber es ist zumindest ein Einstieg. An den scharfen Kanten des Zauns, durch den die Übersetzer nach Armenien gestiegen sind, um die armenische Dichtung ins Deutsche zu holen, bleibt einiges hängen. Aber es entsteht auch der Wunsch nach mehr Gedichten von Hovhannes und Violett Grigoryan, Marine Petrosyan und Andranik Karapetyan – und gern in der Übersetzung von Raffi Kantian.

Der Band »Zeitgenössische Armenische Lyrik« ist ein Produkt sachsen-anhaltisch-armenischer Kooperation: Der armenische Schriftstellerverband besorgte die Textauswahl, für die Übersetzungen arbeiteten deutsche und armenische Übersetzer und Lyriker gemeinsam.

Es ist zu hoffen, dass aus dieser Kooperation noch mehr Projekte entstehen werden – ihrerseits sorgfältiger gearbeitet, lektoriert und gestaltet. Aber vor allem eines muss sich ändern: Die Bücher müssen für das deutschsprachige Publikum verfügbar werden. Man muss erfahren, dass es dieses Buch gibt – und es mühelos bestellen können. Die Zielgruppe der Publikation sollte nur einen Mausklick, einen Anruf oder einen Gang zur Buchhandlung davon entfernt sein. Wenn Vertriebswege im deutschsprachigen Raum entstehen, ist der erste Schritt gemacht, damit uns die armenische Dichtung zugänglicher wird.

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Barekendan – Karneval auf armenisch

Samstag, der 9. Februar 2013, Feierabendzeit. Auf dem Vorplatz des Verkehrsknotenpunktes Jeritasardakan tanzen Jugendliche: manche in armenischen Trachten, andere mit selbst gebastelten Masken. Hinter ihnen spielt ein Junge Dhol, ein zweiter Zurna. Ein alter Mann gesellt sich dazu. Zuerst tanzt er allein, dann zur Gruppe hin. Schließlich verschwindet er so rasch, als habe er mit all dem nichts zu tun. Die Jugendlichen aber tanzen weiter. In ihren Gesichtern leuchten rot bemalte Nasen und Pausbacken, schimmern Frohsinn und goldene Faschingspailletten. Syuzanna Siradeghyan, eine junge Ethnografin, verteilt Liedtexte an Passanten und erklärt, was ihre Gruppe dort treibt:

»Wir feiern ›Barekendan‹. Das ist ein altes armenisches Fest, ein bisschen wie Karneval in Deutschland. Man verkleidet sich, tut verrückte Dinge – man bricht aus dem Alltag aus. Aber in den dunklen Jahren haben wir Barekendan verloren und heute wissen viele Leute nicht mehr, was das ist. Das wollen wir ändern.«

Eine junge Frau mit schwarzer Maske und roten Lippen fügt hinzu:

»Unser Ensemble will die alte Tradition wieder auferstehen lassen. Früher hat man zwei Wochen lang gefeiert – es war die Zeit vor dem großen Fasten. Es gab Gelage, fettig und viel, ganze Dörfer feierten gemeinsam. Mädchen und Jungen verkleideten sich und zogen durch die Straßen. Begleitet von Zurna und Dhol sangen und tanzten sie –  und die Anwohner schenkten ihnen Süßigkeiten.

Mit Barekendan vertreibt man das Böse und bittet das Gute zu sich. Und während dieses Festes gibt es keine Unterschiede zwischen den Menschen: kein Arm und Reich, kein Alt und Jung. Nicht einmal König und Volk.«

Vom Vorplatz zieht die Gruppe weiter und durchläuft die Unterführungen der Abovyan-Straße. Die Musiker spielen, die Händler und Passanten schauen und staunen. Gereckte Mobiltelefone produzieren Wackelfilmchen für den nächsten Kaffeeplausch, eine nächste Zigarettenpause. Die schwarz Maskierte kommentiert:

»Wir hoffen, dass die Leute sich an Barekendan erinnern, wenn sie uns sehen. Und wer weiß, vielleicht feiern sie es später wieder selbst.«

An ihren Umzug hängt die Gruppe einen Tanzkurs in einer schummrigen Bar. Zwischen den Liedern, während man Softdrinks oder Kaffee schlürft, erklärt eine knarrende Märchenonkelstimme die Herkunft des Festes. Dann füllt sich die Tanzfläche, das nächste Lied klingt an und die Fotografin macht körnige unscharfe Bilder, bis sie schließlich selber tanzt.

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Hovhannes Grigoryan. Eine Übersetzung

Im Gedanken an Hovhannes Grigoryan, gestorben am 7. Februar 2013.

Ich weiß:
Ich werde am ersten Tag eines Winters sterben.
Die Menschen werden die schneebedeckten Füße abklopfen
auf dem Wischlappen der Türschwelle und staunend werden sie sehen,
wie der Schnee auf meiner kalten Wange schmilzt.
Meine plötzlich gealterte Frau wird suchen
und die Ofenzange nicht finden,
um die längst verstorbene Katze aus dem Raum zu bringen,
danach wird sie sich verzweifelt setzen, den Kopf schütteln,
niedergeschlagen, ob dieser seltsamen Katze und meines unbedachten Schritts.
Meine Schwester, die nach mir geboren wurde und einige Stunden später stirbt,
wird den frierenden Gästen Tee ausschenken
und mit der freien Hand
auf meine Brust deuten, die beladen ist mit Winterblumen und einer schiefen Kerze,
deren geschmolzene Tropfen gerade auf meine Stirn rinnen
und in meine Augen hinein … und genau in diesem Moment
werden alle auf einmal am Fuß heraustreten und ein Lärm –
mit einem Heulen werden sie mich aus dem Haus bringen
hoch auf ihren Händen tragen, sehr hoch
und aus dieser Höhe werde ich mein Leben von Anfang bis Ende sehen,
was darunter geblieben ist, unter dem ganzen Schnee verloren,
und durch diesen wunderbaren Anblick versteinert, verstummt
finde ich für meine Bewunderung kein Wort.

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hin und kein zurück

die impfausweise waren mitte neunzehnhundertneunzig
noch jene aus ddr-zeiten die krankenhäuser die nun
nicht mehr polyklinik hieszen hatten
noch schränke voller hammersichelroter hefte und wir
spielten ein schaut-mal-ich-bin-noch-bin-nicht-mehr-gemogel
mit hammerzirkelrotem pass
obwohl wir waschechte wendekinder waren die
wilkanakekse nur aus nostalgie ihrer eltern aßen:
butterkekse mit viel kakao

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Fundstück des Tages: Sprachschluderei auf allen Ebenen – Von richtiger Moral und falscher Grammatik | Deutschlandradio Kultur

Einen wunderbaren Radiobeitrag zum fragwürdigen Umgang deutscher Massenmedien mit der deutschen Sprache hat die Schriftstellerin, Übersetzerin und Journalistin Pieke Biermann sür Deutschlandradio Kultur verfasst. Die Perle:

»Satzzeichen aus dem Würfelbecher, auch bei feinsten Edelfedern.«

via Sprachschluderei auf allen Ebenen – Von richtiger Moral und falscher Grammatik | Politisches Feuilleton | Deutschlandradio Kultur.

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