konferenzmitschnitt

mehr als
quer
mit spezialiäten
transfer der
in der leere wirkenden kräfte
kooperationsfähigkeitskompetenzen
präziser aber frei wir werden
unsere studierenden besser füttern
die musiker wissen um den hinterausgang
denn die mittel werden knapp
wir wissen das alle

all diese dinge haben wir bewusst getarnt
man kann sehr viel tun in der kommunikation
mit relativ wenig effekt

jetzt gebe ich kurz ihnen das wort
alumnibewirtschaftung aus be=
triebswirtschaftlicher perspektive

der aufbau unterschiedlicher dialogfenster
im pluridiziplinären umfeld ausgedrückt
oder zum ausdruck gebracht: eine recherche
für das galgenfeld wie viel interessen
leben da aneinander vorbei

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im zug

er sagte, ich solle zuschließen. er sagte es auf einer sprache, die ich nicht verstand, aber er drehte dabei die hand, als verschließe er etwas, und er zeigte auf eine kleine kette, die neben der obersten liege hing, ich war allein im abteil.

er brachte bettzeug, das ich neben mich legte. als er eine stunde später sah, dass ich noch immer neben dem bettzeug lag, scheuchte er mich auf und bezog die liege. er war klein, rundlich, ein großvater.

ich schlief knopfschmerzlastig. ein pochen zwischen den augenbrauen. vor dem fenster kaufland.

ich las kapuscinski: die welt im notizbuch. wir hielen in sichtweite eines bahnhofs. ein bahnhof ist ein ort, wo ein zug hält und menschen zu- und aussteigen. könnten. zwei grenzer stiegen zur passkontrolle in den zug. der schaffner stand am fenster und warf brotstücke hinaus. das brot fiel auf hohes gras, das so trocken war, dass es unter dem brot aufrecht blieb. ein hund lag daneben und rührte sich nicht.

der schaffner stieg aus und füllte mit trinkbrunnenwasser einen kanister. neben ihm tollten zwei hunde. der brothund hatte, da der schaffner nicht mehr hinschah, ein brotstück geschnappt und kaute daran. er blieb liegen, als der zug sich in bewegung setzte. von nun an waren alle ortsnamen kyrillisch, ich lokaler analphabet. der großvater fragte, ob ich zigaretten wolle, er hatte bleistiftdünne. oder tee. komm, komm, der einladene arm, und stopp, die schließende hand.

[sommer 12]

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Der Niemandsländer

Der Niemandsländer lebt hier und da, aber niemals benennbar. Er unterhält allein Untermieten und vermeidet es tunlichst, seinen Namen an Briefkasten oder Klingelschilder zu schreiben. Der Niemandsländer verwendet Care Of, er knüpft seine Adresse stets an den Namen eines Anderen.

Kürzlich hatte die Vermieterin des Niemandsländers, eine gutmütige Dame mittleren Alters, seinen Briefkasten und neben der Haustüre auch die Klingeltopografie mit seinem Namen versehen.
– Es geht doch nicht an, mein lieber Herr N., dass Sie nirgends angeschrieben stehen. Sie zahlen so vorbildlich Ihre Miete, Sie machen mir keine Sorgen, wenn doch alle Mieter so wären … Nun, ich habe diesen Misstand beseitigt, bitte entschuldigen Sie, dass es so lange gedauert hat.
Kaum hatte der Niemandsländer die Tür hinter ihr geschlossen, brach er in Schweiß aus, ein dünner Film bildetete sich auf dem Rücken, dem Hals, dazu die feuchten Hände: Der Niemandsländer verfasste seine sofortige Kündigung, brachte sie zur Post und packte seine Kleider zusammen. Der Niemandsländer besitzt nicht mehr als er mit zwei Händen davontragen kann. So nahm er zwei Koffer in die Hände, nickte seiner Vermieterin zu, die vor den Briefkästen stand, und verließ das Haus.
Sie schien darüber etwas verdutzt, aber vielleicht verreiste der Niemandsländer, so ein angenehmer Mann, und so dachte sie sich nicht dabei. Der Kündigung am Folgetag lag die großzügige Begleichung der nächsten Monatsmiete bei, sodass sich die Vermieterin erfreut zeigte über den Auszug des Niemandsländers. Nur dass er nichts gesagt hatte, als sie über die Schilder berichtet hatte, befand sie für seltsam. Sie entfernte die Aufkleber, dafür genügte eine zweidaumengroße Flasche Alkohol.

Der Niemandsländer mietete sich derweil in einer Pension ein, die keine drei Straßen weit entfernt lag. Sein Eintrag im Meldeschein war undeutlich, aber da er für eine Woche im Voraus bezahlt hatte, wiederum ein großzügiges Trinkgeld inklusive, und außer durch seine unterschwelligen Unruhe keinen besonders besorgniserregenden Eindruck auf den Rezeptionisten gemacht hatte, kümmerte sich dieser weiter um sein Kreuzworträtsel. Er riet später seinen Namen.

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Lesetipp: »Istanbul Notizen« von Mely Kiyak

»Istanbul Notizen« erschien im November 2013 als erstes eBook beim Digitalbuchverlag Shelff. Die Autorin Mely Kiyak war im Sommer 2013 zu Gast in der Künstlerakademie in Instanbul. Eigentlich wollte sie nur Ruhe zum Beobachten und Schreiben. Aber sie landete in einer Türkei, der genau in diesem Moment der Geduldsfaden riss. Also lauschte Kiyak, was die Leute sagten, fragte nach und schrieb mit. Ihre Beobachtungen, Begegnungen und Kommentare formen 120 lose beschriebene Seiten. Kiyaks Notate gleichen auf den ersten Blick mehr einem mündlichen Bericht als einer Journalisten- oder Literatensprache. Was allerdings vollkommen kontrastiert wird von der Schönheit ihrer Sprachbilder. Auf fast jeder Seite möchte man Sätze anstreichen, weil sie wahr sind, schön oder gleich beides. So erklären die Stammbesucher des Gezi Parks: »Mein Kind, wir wollen, dass es grün bleibt. Schau dich um. Wir sehen vor lauter Beton den Himmel nicht mehr.« Einandermal überrascht die scheinbare Beiläufigkeit in Kiyaks Beschreibung: »Wie ich meine Hand in die Seitentasche dieses Pullovers stecken wollte, war da schon eine drin. Das muss man sich einmal vorstellen. Man denkt sich nichts böses und trifft auf eine behaarte Männerhand die einen gemütlich nach Münzen oder anderen Wertgegenständen abtastet.« Egal ob Straßendiebe, Demonstranten, Sicherheitsmänner oder Reisebüroleiter, am Ende bilanziert Kiyak: »Man trifft auf Menschen, die so aufregend sind, so anders, so anders fein, und anders lustig, und alle Begegnungen lassen die Herzkranzgefäße tanzen« – die Leserherzkränze tanzen mit.

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der baumstamm und das kind

das kind ist strohblond, fast weißgold wie die mutter. die mutter trägt ein sackkleid, das der wind zum 100-jährigen baumstamm bläht. der baum setzt das kind in ein karussell, dreht, lacht, dreht – und während das kind kreischt, wartet der baum, dass das karussell zum stillstand kommt. er hebt das kind heraus und auf seine schultern. der baum läuft ein stück, dann setzt er das kind wieder ab. es greift nach den kieseln am boden, wirft sie umher und klatscht. der baum lächelt, hebt das kind zurück auf seine schultern und geht fort.

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