Highfest – ein internationales Theaterfestival in Yerevan

Beim Meeting am Nachmittag übersetzt mein Kollege, bis der Chef sagt, er wolle für mich übersetzen. Die nächste Stunde Meeting ist Armenisch. Durchbrochen mit der Frage: Verstehst du etwas? Meinem begeisterten Ja! Seinen zwei deutschen Sätzen. Und wieder Armenisch.

Mein Kollege fragt flüsternd, ob ich etwas verstünde. Ja! Also verschwendest du gerade nicht deine Zeit?

Nach der Arbeit will ich ins Theater, eine amerkanische Produktion sehen, es ist gerade Theaterfestival in der Stadt. Ich bin spät dran, finde das Theater nicht und gebe auf. Dann eben Puppentheater, da weiß ich wenigstens den Ort. Minuten zuvor hatte ich mein Programm verschenkt. Statt um sieben findet die nächste Veranstaltung, Birthday, eine tschechische Komödie, um acht statt. Ich gehe in mein Stammcafé. Es ist grau, die Prachtstraße touristenleer, niemand flaniert, eine jede Bewegung, die stattfindet, ist nötig. Sonst nichts.

Ich will mich nach draußen setzen. Die Straße beobachten. Zwischen den leeren Stühlen und Tischen und mir befinden sich zwei armenische Männer. Einer lümmelt so in seinem Stuhl, dass der den gesamten Weg versperrt. Kurz stehe ich vor ihm. Kareli e? Er entschuldigt sich, über mich ergeht ein Redefluss, dem ich entnehme, dass es ihm leid tue. Er macht dem Weg frei, der Redefluss schwappt hinter mir her. Ein Kellner kommt, ich bestelle Cappuccino, warm, wie immer. Er bringt mir stattdessen einen Schokoladenteigtaler, gefüllt mit flüssiger warmer Schokolade und bedeckt mit gezuckerter Kondenzmilch und einer Kugel Vanilleeis. Von den Jungs vor der Tür, sagt er. Ich bedanke mich – bei ihm, und laut genug auch bei den Jungs vor der Tür.
Barev Hayastan. Mein Cappuccino kommt später.

Birthday, Tschechien.

Der kleine Saal des Puppentheaters war zu klein, einige Menschen setzten sich auf die Böden neben den Reihen.
Drei Frauen und ein Mann spielten wortlos eine Geburtstagsfeier, eingeleitet vom Gemurmel eines Kellners, das, unverkennbar und gleichsam an der Grenze zum Abwegigen Happy Birthday ausdrückte. Er, in Schwarz mit übergroßer Krawatte und einem unter dem Hemd hervorragenden Tuch, sah, im Vergleich zu den Damen, gemäßigt verrückt aus. Sie trugen bunte Hosen, ein Bein um das andere gewickelt, für zwanzig Zentimeter Stoff, Blumen, Karo, Punkte, Papier unter den Hüten, unter dem BHs, die sie über die Kleidung trugen. Die eine stopfte auf der Bühne noch Papier in den Hut, die andere in den Büstenhalter. Eine dritte kam hinzu. Sie aßen am Tisch, wurden bedroht von Fingerpuppen, ein Kampf wird zu einem Lied, was einleitet, leitet auch aus, aber nicht, ohne dass sich die Welt, die dabei erschaffen wird, nicht völlig ändert.

Absurd, das Leben, die Dinge, denen ein Sinn gegeben wird, die Bedeutungen und Beziehungen, die wechseln und die Welten, die schon fast pantomimisch, wenn auch durch allerlei Klang unterstützt, ineinander übergingen, zerfielen und auferstanden. Zwei Löffel, die sich langsam annähern. Klack, da treffen sie zusammen, Klackklackklack, sie verschwinden, tauchen wieder auf, dazu ein kleiner Löffel: Welt!

Höhepunkt: Ein Brot, als Geschenk gedacht, wird zum Kind der Beschenkten. Es schreit, man versucht es zu beruhigen, stopft ihm den Mund – den Riss in der Mitte – füttert und tränkt es, doch es stirbt. Eine der Gastgeberinnen hört, ob sie einen Herzschlag erkennen kann, nichts, wieder? Nichts! So wird es zerrissen, gefressen, geteilt, im Kreise gereicht. Irgendwann sitzen alle vier im Kreis, die drei Frauen und der Kellner. Bari akhodjak. Das Licht geht aus, die Leute klatschen. Bari akhdodjsak, guten Appetit, wiederholt, aus den Mündern der Spielenden, das Publikum ist sichtlich erfreut. Draußen regnet es noch immer junge Hunde. Das hörte man auch während des Stückes im Theatersaal, aber nur ganz am Anfang. Dann riss das bizarre Spiel alle Aufmerksamkeit an sich.

Über Wiebke Zollmann

Geboren 1990. Schreibt, übersetzt, fotografiert. Absolventin des Schweizerischen Literaturinstituts in Biel/Bienne. 2014-2015 DAAD-Sprachassistenz in Eriwan, Armenien.
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