Published März 31st, 2014 by

ein postautofahrer rauchend
neben dem bus dessen zielfeld
den aufsteigenden dampf
einer kaffeetasse zeigt

[herbst 11]

Published Dezember 21st, 2013 by

mehr als
quer
mit spezialitäten
transfer der
in der leere wirkenden kräfte
kooperationsfähigkeitskompetenzen
präziser aber frei wir werden
unsere studierenden besser füttern
die musiker wissen um den hinterausgang
denn die mittel werden knapp
wir wissen das alle

all diese dinge haben wir bewusst getarnt
man kann sehr viel tun in der kommunikation
mit relativ wenig effekt

jetzt gebe ich kurz ihnen das wort
alumnibewirtschaftung aus be=
triebswirtschaftlicher perspektive

der aufbau unterschiedlicher dialogfenster
im pluridiziplinären umfeld ausgedrückt
oder zum ausdruck gebracht: eine recherche
für das galgenfeld wie viel interessen
leben da aneinander vorbei

Published Dezember 21st, 2013 by

Der Niemandsländer lebt hier und da, aber niemals benennbar. Er unterhält allein Untermieten und vermeidet es tunlichst, seinen Namen an Briefkasten oder Klingelschilder zu schreiben. Der Niemandsländer verwendet Care Of, er knüpft seine Adresse stets an den Namen eines Anderen.

Kürzlich hatte die Vermieterin des Niemandsländers, eine gutmütige Dame mittleren Alters, seinen Briefkasten und neben der Haustüre auch die Klingeltopografie mit seinem Namen versehen.
– Es geht doch nicht an, mein lieber Herr N., dass Sie nirgends angeschrieben stehen. Sie zahlen so vorbildlich Ihre Miete, Sie machen mir keine Sorgen, wenn doch alle Mieter so wären … Nun, ich habe diesen Misstand beseitigt, bitte entschuldigen Sie, dass es so lange gedauert hat.
Kaum hatte der Niemandsländer die Tür hinter ihr geschlossen, brach er in Schweiß aus, ein dünner Film bildetete sich auf dem Rücken, dem Hals, dazu die feuchten Hände: Der Niemandsländer verfasste seine sofortige Kündigung, brachte sie zur Post und packte seine Kleider zusammen. Der Niemandsländer besitzt nicht mehr als er mit zwei Händen davontragen kann. So nahm er zwei Koffer in die Hände, nickte seiner Vermieterin zu, die vor den Briefkästen stand, und verließ das Haus.
Sie schien darüber etwas verdutzt, aber vielleicht verreiste der Niemandsländer, so ein angenehmer Mann, und so dachte sie sich nicht dabei. Der Kündigung am Folgetag lag die großzügige Begleichung der nächsten Monatsmiete bei, sodass sich die Vermieterin erfreut zeigte über den Auszug des Niemandsländers. Nur dass er nichts gesagt hatte, als sie über die Schilder berichtet hatte, befand sie für seltsam. Sie entfernte die Aufkleber, dafür genügte eine zweidaumengroße Flasche Alkohol.

Der Niemandsländer mietete sich derweil in einer Pension ein, die keine drei Straßen weit entfernt lag. Sein Eintrag im Meldeschein war undeutlich, aber da er für eine Woche im Voraus bezahlt hatte, wiederum ein großzügiges Trinkgeld inklusive, und außer durch seine unterschwelligen Unruhe keinen besonders besorgniserregenden Eindruck auf den Rezeptionisten gemacht hatte, kümmerte sich dieser weiter um sein Kreuzworträtsel. Er riet später seinen Namen.

Published Dezember 21st, 2013 by

landgang winters: schon tage
bevor sie die insel verlassen
verstummen die männer
ihre sätze werden kürzer
spotten und versuchen sich
an der sprache des festlands

 

Published Dezember 21st, 2013 by

sonnenklarer oktober
als du im vorbeifahren
einen bahnarbeiter sahst:
seine nackten schultern
eine zigarette in der hand
und die beine baumelnd
über den gleisen

 

[aus dem 11er archiv]

Published Dezember 15th, 2013 by

das kind ist strohblond, fast weißgold wie die mutter. die mutter trägt ein sackkleid, das der wind zum 100-jährigen baumstamm bläht. der baum setzt das kind in ein karussell, dreht, lacht, dreht – und während das kind kreischt, wartet der baum, dass das karussell zum stillstand kommt. er hebt das kind heraus und auf seine schultern. der baum läuft ein stück, dann setzt er das kind wieder ab. es greift nach den kieseln am boden, wirft sie umher und klatscht. der baum lächelt, hebt das kind zurück auf seine schultern und geht fort.

Published Oktober 4th, 2013 by

»Wie riecht Glück?«, fragt ein Journalist die Hunde auf dem Betonplatz am See. Er gibt ihnen eine Blume in die Pfote. Sobald die Hunde  nachdenken, eilt er zu seiner Kamera, schaut auf das sonnenverblendete Display  und reckt einen Daumen in die Luft.

»Glück«, sagt ein Hund, »riecht nach türkischem Mokka mit zwei Stücken Zucker und es fühlt sich an, wie wenn man einen zu gierigen Schluck nimmt und den Satz im Mund hat, drauf beißt und sich fragt, ob er wacher macht als die schwarze Brühe allein.«

»Nach Tierspital«, sagt eine Hündin. »Wenn man sich fest wünscht, man könnte etwas entfernen, das in einem ist. Wie einen Tumor oder Krebszellen, aber dieses Etwas ist ortslos. Oder überall. Man kann es nicht rausschneiden, nicht verstrahlen, nicht einmal daran sterben. Es tut nichts. Es ist einfach da. Da, da, da und es schaut aus dem Spiegel.
Wenn das weg ginge, das wär Glück.«

Ein letzter Hund schüttelt sich voller Abscheu. Er erinnert den Journalisten an einen Spatzen, der erschrickt, weil er sich auf einen Kindergeburtstag verirrt hat, gleichsam aber die Menschen zu gut kennt, als dass er um sein Leben fürchtete. Der Hund sieht den Journalisten an, kurz, dann durch ihn hindurch – und er löst sich aus seinem Tag wie ein ausgewaschener Fleck.

Published September 20th, 2013 by

mittags ein wolkenriss mit der brutalität
einer milzruptur. lichtflut, das gleißende
weiß eines tisches und die spieglung
meines körpers im fensterglas, überall
feigenkerne: ein rot senf
gelb bis violettes bildrauschen
nach dem sonnengehasch, ebenso
plötzlich wie der wolkenriss
seine heilung: neues grau
verschliertes licht.

#bielerwettergedicht

normgrau

der ausblick grau gestreift,
dass es scheint, es sei schnee
schon im september, die stadt
eisfarbig verschliert,

dazu ein stetes rauschen

– einer sagt: jetzt beginnen die sechs
normgrauen monate, eine andere:
da siehst du ein halbes jahr keine sonne –

ein wind, sein plötzlicher regenwurf
gegen die fenster in meinem rücken,
durch rahmen und undichtungen
trieft sauberer schweizer regen,
sammelt sich in den zwischen=
brettern, weicht sie auf, zieht
kleine fäulnisseen

und der sommer verreckt

im pladdern zwischen see,
hang und kronen.

#bielerwettergedicht

Published September 7th, 2013 by

eriwan 1666
»vor der karawanserei gibt es einen kleinen markt mit läden, wo man allerlei proviant verkauft, daneben eine schöne moschee und zwei cabarets à cahvé.«
Jean Chardin

eriwan 2012
die karawanserei heißt avtokajan und die minibusse, die aus eriwan nach tiflis oder teheran fahren, parken mit den schnauzen zum gehsteig. dahinter wechseln sich kioske, in denen man kekse, weißbrot und zigaretten kauft, mit kinositzen ab. zum ende der sowjetunion hat man die kinos geplündert und die kirchen mit neuem inventar bestückt. heute gibt es holzbänke, aber am avtokajan sind die kinositze geblieben.

eine alte frau mit grauem haar, bunter schürze und so faltiger haut, dass man seine fahrkarte wie in einen automaten hineinstecken könnte, läuft langsam den gehsteig ab. sie hat einen korb in der hand, darin jesuskettchen, türkisch blaue augen, streichhölzer und papiertücher. die alte bleibt neben einem hippie stehen, tätschelt seinen unterarm und zeigt auf ihren korb, die augen, den jesus, und gen himmel. der hippie schließt die augen, schüttelt langsam den kopf, faltet die hände und hebt sie vor sein gesicht. eine junge frau neben ihm steht auf und verschwindet. die alte setzt sich auf ihren platz. sie zieht eine plastiktüte aus der schürze und atmet einige male hinein. dann schnäuzt sie gelben schleim in die durchsichtige tüte, die dabei raschelt. die alte verknotet die öffnung, legt die tüte neben sich und schiebt sie, mit einer bewegung, wie man sie zum anstoßen einer murmel macht, vom sitz.

die junge frau kommt zurück, sie trägt zwei kleine porzellantässchen, beide auf untertassen. ihr klirren verrät, dass die hände der frau zittern. sie stellt die tassen auf ihren koffer. ihr mann bietet eine zigarette an, gibt feuer und sie stehen rauchend nebeneinander.

***
zuerst erschienen in: la liesette litteraire #3

Published September 7th, 2013 by

»joa’.« ein kurzes zwischen ja und jo changierendes bekenntnis einer deutschen mit  schüttem blondem haar auf sonnenroter ferienkopfhaut. sie hat sich im café umgesehen, es für gut befunden und steuert nun auf die terrasse zu. ihre begleitungen in schwarz, rot und graumeliert folgen. einer schwarzhaarigen frau scheint die sonne durch löchrigen hut kleine lichtpunkte aufs gesicht. die haut einer anderen ist vom jahrelangen kettenrauchen geknittert und als sie lacht, faltet sich ihr gesicht, als wäre es aus stoff. die drei frauen legen sich ihre handtaschen auf die schoß und entfalten die speisekarten. der einzige mann in der runde bekommt sein essen zuerst. #laboheme #eriwan #touristen