Kategorien-Archiv: Journal

Das ist gut.

im zug

er sagte, ich solle zuschließen. er sagte es auf einer sprache, die ich nicht verstand, aber er drehte dabei die hand, als verschließe er etwas, und er zeigte auf eine kleine kette, die neben der obersten liege hing, ich war allein im abteil.

er brachte bettzeug, das ich neben mich legte. als er eine stunde später sah, dass ich noch immer neben dem bettzeug lag, scheuchte er mich auf und bezog die liege. er war klein, rundlich, ein großvater.

ich schlief knopfschmerzlastig. ein pochen zwischen den augenbrauen. vor dem fenster kaufland.

ich las kapuscinski: die welt im notizbuch. wir hielen in sichtweite eines bahnhofs. ein bahnhof ist ein ort, wo ein zug hält und menschen zu- und aussteigen. könnten. zwei grenzer stiegen zur passkontrolle in den zug. der schaffner stand am fenster und warf brotstücke hinaus. das brot fiel auf hohes gras, das so trocken war, dass es unter dem brot aufrecht blieb. ein hund lag daneben und rührte sich nicht.

der schaffner stieg aus und füllte mit trinkbrunnenwasser einen kanister. neben ihm tollten zwei hunde. der brothund hatte, da der schaffner nicht mehr hinschah, ein brotstück geschnappt und kaute daran. er blieb liegen, als der zug sich in bewegung setzte. von nun an waren alle ortsnamen kyrillisch, ich lokaler analphabet. der großvater fragte, ob ich zigaretten wolle, er hatte bleistiftdünne. oder tee. komm, komm, der einladene arm, und stopp, die schließende hand.

[sommer 12]

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Lesetipp: »Istanbul Notizen« von Mely Kiyak

»Istanbul Notizen« erschien im November 2013 als erstes eBook beim Digitalbuchverlag Shelff. Die Autorin Mely Kiyak war im Sommer 2013 zu Gast in der Künstlerakademie in Instanbul. Eigentlich wollte sie nur Ruhe zum Beobachten und Schreiben. Aber sie landete in einer Türkei, der genau in diesem Moment der Geduldsfaden riss. Also lauschte Kiyak, was die Leute sagten, fragte nach und schrieb mit. Ihre Beobachtungen, Begegnungen und Kommentare formen 120 lose beschriebene Seiten. Kiyaks Notate gleichen auf den ersten Blick mehr einem mündlichen Bericht als einer Journalisten- oder Literatensprache. Was allerdings vollkommen kontrastiert wird von der Schönheit ihrer Sprachbilder. Auf fast jeder Seite möchte man Sätze anstreichen, weil sie wahr sind, schön oder gleich beides. So erklären die Stammbesucher des Gezi Parks: »Mein Kind, wir wollen, dass es grün bleibt. Schau dich um. Wir sehen vor lauter Beton den Himmel nicht mehr.« Einandermal überrascht die scheinbare Beiläufigkeit in Kiyaks Beschreibung: »Wie ich meine Hand in die Seitentasche dieses Pullovers stecken wollte, war da schon eine drin. Das muss man sich einmal vorstellen. Man denkt sich nichts böses und trifft auf eine behaarte Männerhand die einen gemütlich nach Münzen oder anderen Wertgegenständen abtastet.« Egal ob Straßendiebe, Demonstranten, Sicherheitsmänner oder Reisebüroleiter, am Ende bilanziert Kiyak: »Man trifft auf Menschen, die so aufregend sind, so anders, so anders fein, und anders lustig, und alle Begegnungen lassen die Herzkranzgefäße tanzen« – die Leserherzkränze tanzen mit.

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Schizophrenie, die guten Stimmen

Kürzlich bei einem Vortrag über Schizophrenie.
Die Frage aus dem Publikum:

»Warum macht das Dopamin eigentlich, dass man Stimmen hört, die einem schlechte Sachen sagen und einem befehlen, man solle sich umbringen?«
»Das ist nicht bei allen so. Es gibt auch Leute, die gute Stimmen hören.«
»Werden die auch behandelt?«
»Ja. Das hat ja nichts mit der Realität zu tun.«

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Arnon Grünberg und Ilija Trojanow im Gespräch bei „Zürich liest“

Trojanow schätzt an Grünbergs Reportagen die Genauigkeit, Neugier, Offenheit und den empathischen Blick.

Trojanow: Ich glaube schon, dass die die Leute manchmal erstaunt sind, was man alles sehen kann. Verblüfft über den Blick des Anderen.
Eine Holländerin, deren Urlaub in Griechenland Grünberg begleitet hat, stellte dort in einem Supermarkt fest, dass Dosenmais in Griechenland teurer war als in Holland. Eine Begebenheit, die sie nicht über sich geschrieben wissen wollte, die Grünberg aber trotzdem veröffentlicht hat.
Trojanow: Aber sie zweifelt nicht daran, dass sie das gesagt hat.
Grünberg: Nein, aber daran, dass es geschrieben werden musste.

Grünberg: Nestbeschmutzer ist auch ein Kompliment.
Trojanow: Bei dir sieht man, welchen Erfahrungswert diese extreme Recherche [des eigenen Ausprobierens] bringt. An Schmerzgrenzen zu gehen und die Dinge selbst zu tun: Du warst Zimmerjunge und Masseur. Das stärkt Empathie.
Grünberg: Man überwindet die eigene Schwäche.
Trojanow: Was fasziniert dich am Ausnahmezustand?
Grünberg: Wir sind die Ausnahme, deshalb wollen so viele Menschen nach Europa. Ich versuche, das Andere zu verstehen. Nach einer gewissen Zeit ist mir klar geworden: Das Leben des Schriftstellers bestehend aus Lesungen und Kongressen wäre mir zu eng.
Trojanow: Durch die Flucht meiner Familie aus Bulgarien bin ich von klein auf mit Unruhe gesegnet. Alles änderte sich alle paar Jahre. Wenn man sich dieser Veränderung häufig aussetzt, mag man sie später nicht mehr missen.
Grünberg: Kannst du dir vorstellen, jetzt nochmal gänzlich umzuziehen?
Trojanow: Nein, im Moment nicht. Meine Bibliothek in Wien ist zu schön.

Grünberg: Kann man das Trainieren für die olympischen Spiele – du hast gesagt, du bereitest dich in allen Disziplinen auf den nächsten Wettbewerb vor – mit deinen Bulgarien-Reportagen vergleichen?
Trojanow: Bulgarien ist für mich eine offene Wunde. Solche Länder scheinen zu schreien: Beschreib mich! Während unsere Länder eher sagen, was willst du, die Supermarktregale sind gefüllt, lass mich in Ruhe.
Worüber schreibt man in Zeiten der Informationsüberflutung? Heute ist es eine große Qualität, das zu erzählen, was sonst kaum erzählt wird.
Grünberg: Wenn man wirklich gut hinschaut, ist fast alles interessant. Neugier ist wichtig. Die Distanz in meinem Schreiben liegt darin, dass ich wieder weggehe [also nicht im Moment des Dabeiseins, sondern in der Möglich- und Wirklichkeit, dieses Dabeisein zu beenden].
Trojanow: Ich gehe anstelle des Lesers an einen Ort und mache an seiner statt dort Erfahrungen. Wichtig ist dann zu zeigen, dass mich das berührt hat. Dann erst findet eine Transformation von mir auf den Leser statt.

Sie sprechen über „Wo Orpheus begraben liegt“, Trojanows kürzlich erschienenen Reportagenband mit Bildern von Christian Muhrbeck.

Trojanow: Das Buch ist ein Zwitter. Ich arbeite mit genauer Recherche und später mit literarischen Mitteln. Ich habe auch die Freiheit, etwas zu erfinden. Ich schreibe eine Geschichte, die auf den Geschichten und Persönlichkeiten vieler verschiedener Menschen fußt. Die Texte, die so entstehen, haben modellhaften Charakter.
Grünberg: Im Falle Bulgariens wirst du oft als ‚Nestbeschmutzer‘ bezeichnet.
T: ‚Nestbeschmutzer‘, sagen die Privilegierten in den Städten. Die Leute, die ich beschreibe, wollen, dass man ihre Geschichten erzählt. Sie sagen: ‚Ich nehme dich in die Pflicht. Ich erzähle dir etwas und du musst was daraus machen.‘
Es gibt oft große Hoffnungen, die Welt oder Europa werden sich ihrer annehmen, sobald die Geschichten erst einmal sichtbar gemacht werden. Das ist schwierig.
Grünberg: Was sagst du den Leuten?
Trojanow: Das hängt davon ab, wie gut wir uns kennen.

Jeder Schriftsteller hat seine eigene Karaffe.

Grünberg liest eine Reportage über amerikanische Männer auf Brautschau in der Ukraine aus seinem Buch  „Couchsurfen und andere Schlachten“. Als er am Pult steht, wirft das über ihm thronende Bühnenlicht Schatten seiner Locken auf den Sakkokragen.

Am Anfang von Grünbergs Text lacht das Publikum. Pointen hageln mit Einschlägen im Zehnsekundentakt. Aber je länger es liest, desto seltener wird das Lachen. Bald bleibt fast gänzlich aus. Stattdessen steckt es in den Hälsen der Menschen fest, beinahe erstickt es sie. Die Gesichtszüge der Besucher sind inzwischen ernst bis entglitten – auf einen Schlag ist klar, dass all das Absurde, von dem Grünberg erzählt, bittere Wirklichkeit ist.

Trojanow: Die Sätze, die du zitierst, kann man sich so nicht ausdenken.
Eine meiner schlimmsten Recherchen zwang mich drei Wochen auf ein Kreuzfahrtschiff. Was die Leute da sagen – angesichts schlafender Hafenarbeiter auf den Quais: Mensch, die haben es nicht weit zur Arbeit! – ich dachte, ich kann gar nicht so viel Fantasie haben, wie ich bräuchte, um mir so etwas auszudenken.

Grünberg: Wichtig für meine Arbeit ist, dass ich wirklich Teil dessen werde, was ich beschreibe. Es funktioniert nicht, zu denken: Ich bin hier, aber ich bin außen vor.
Ich habe das Glück, dass ich schnell denke: Ich bin einer von ihnen oder ich könnte es sein.

Trojanow: Entscheidend ist, dass du ehrlich bist, wenn du einen Menschen sehr nah, sehr genau portraitierst. Dass du offenlegst, was du machst. Eine andere Frage ist: Wann kommt man eigentlich an? Am Anfang steht immer eine uralte Inszenierung. Erst nach einigen Tagen nehmen dich die Menschen zwar noch als Fremdkörper wahr, aber sie richten ihr Handeln und Reden nicht mehr nach dir aus.

Trojanow: Das unangenehme Gefühl als Reporter, wenn jemand anruft und sagt: Hey, wir leben, mach dir keine Sorgen, es geht uns gut, – und du feststellst, dass es dich zwar freut, das zu hören, aber es dir kein unmittelbares Anliegen war, es zu erfahren. Das schmerzt, dabei fühle ich mich schlecht.

Grünberg: „In diesem Land können nur die Ungeborenen glücklich sein“ – ist das ein Satz, den du so gehört hast?
Trojanow: Das ist die Quintessenz unzähliger Sätze.
Ich glaube überhaupt nicht, dass du einen Hoffnungsschimmer erzählen musst, wo du als Autor keine siehst. Aber egal, wen du beschreibst, du musst ihm seine Würde lassen.

Sie sprechen über Trojanows aktuelles Romanprojekt.

Viele Autoren neigen dazu, das Böse zu überzeichnen. Es ist extrem schwer, aus der Sicht einer Figur mit mittelmäßiger Bosheit und Intelligenz zu erzählen. Die Figur muss sich und ihr Handeln rechtfertigen können, sie muss ihre eigene Lebenslüge glauben.
Problem 1: Die Figur muss glaubhaft sein.
Problem 2: Ich muss jeden Tag mit dieser Figur verbringen.
Grünberg: Gibt es etwas, das du an ihr magst?
Trojanow: Ihre Sprache imponiert mir. Manchmal würde ich gern so sprechen können. Sehr direkt, bodenständig und manchmal sehr bildhaft.
Grünberg: Du arbeitest schon lange an diesem Text. Hat die Figur dich verändert?
Trojanow: Sie nicht, aber ihr guter Gegenspieler. Jedes Buch, das wir schreiben, verändert uns. Aber nicht jede Figur.

Nachdem beide Autoren jeweils einen zweiten Text gelesen haben, flüstert Trojanow Grünberg etwas ins Ohr – und die letzten Worte, die die Besucher der Veranstaltung vernehmen, sind der Dank an Rainer Kersten, den Übersetzer von Grünbergs Buch.

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gaiff, notizen

serge avedikian:

natürlich können neue technische möglichkeiten dem kino eine neue sprache erschließen. wir dürfen nicht vergessen, dass der film eine sehr junge kunstform ist. das problem der heutigen technischen neuerungen ist allerdings, dass vieles dazu neigt, probleme und themen nur noch zu illustrieren.

es geht um den unterschied zwischen fühlen machen und zeigen. wenn ich es schaffe, dass jemand durch meinen film etwas fühlt, dann ist das kunst. wenn er nur etwas sieht, ohne dass es ihn berührt, ist das leere illustration – seifenoper.

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Schrift ist wie Sex, ein Mittel des Überlebens

»Schrift ist, wie Sex, ein Mittel des Überlebens. So analogisiert Hans-Georg Gadamer die Reproduktion der Spezies und des Wissens in einem Aufsatz zu Schrift und Gedächtnis, in dem er auf den methodischen Vorrang der Schrift gegenüber der lebendigen Rede verweist, ›sofern die Eingrabung von Spuren, wie sie die Zeichen der Schrift vor denen der verhallenden Rede voraushaben, einen Weltaspekt von eigenem Realitätsdrang repräsentiert‹ (16 und 10). Schrift ist freilich auch ein Mittel gegen die Flüchtigkeit des Tages, das den Menschen eines tieferen, zumindest aber über die Zeit der Gegenwart hinausgehenden Sinns seiner Existenz versichert.«
Roberto Simanowski (2002): Hyperfictions. Vom Schreiben im Netz. Frankfurt: Suhrkamp. S. 59.

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Zweites Fundstück des Tages: Stephan Porombka: Hypertext. Zur Kritik eines digitalen Mythos.

»Unser ästhetisches Empfinden wird angeregt durch das harmonische Gegengefüge von Ordnung und Unordnung, wie es uns in natürlichen Gegenständen begegnet – in Wolken, Bäumen, Gebirgszügen oder Schneekristallen. Ihre Formen gehen allesamt auf dynamische Prozesse zurück, die physikalische Gestalt angenommen haben, und besondere Formen von Ordnung und Unordnung sind typisch für sie.«
Eilenberger, zit. nach Gleick (1987), S. 174ff.

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