Kategorien-Archiv: Logbuch

Das Logbuch legt das Notizbuch der Autorin offen: Fundstück, Idee, Entwurf und Fragment, Fertiges und Werdendes, das während des Studiums am Schweizerischen Literaturinstitut (SLI) entsteht.

Offen, aber nicht öffentlich, denn für den Zugang ist eine Registrierung nötig.

Gute Lektüre!

bruitistischer Weltuntergang

Vorzeichen 1: Heuschrecke: zirp, zirp, zirp, zirp, zirp, zirp, zirp
Vorzeichen 2: Schafe: mäh, mäh, mäh, mäh, mäh, mäh, mäh, mäh
Blitz: Zlicht
Donner donnert: Donner, Donner.
Blitz: Zlicht
Donner donnert: Donner, Donner.
Blitz: Zlicht
Donner donnert: Donner, Donner.
Blitz: Zlicht
Donner donnert: Donner, Donner.
Blitz: Zlicht
Donner donnert: Donner, Donner.
Blitz: Zlicht
Donner donnert: Donner, Donner.
Blitz: Zlicht
Donner donnert: Donner, Donner.
Die apokalyptischen Reiter galoppieren mit ihren Pferden über die Erde. Klackergeräusch für Hufe. Dort, wo sie sind, reißt die Erde auf.
Erde reißt auf: Reißgeräusch von Papier.
Das Schaf wird immer leiser und hört auf.

Ein Engelschor singt schlecht.
Diskutierende Götter beklagen sich über den Engelschor: Seufzen. Tze, tze, tze. Aischamamama. Immer lauteres Reden.
Der Engelschor klingt so schlecht, dass alles einstürzt, alle Häuser.
Singen.
Zusammensturzgeräusch. Hände auf Tischen. Krachkrach. Bumm.
Alle Götter werden erschlagen.
Stille.
Überall liegen erschlagene Götter. Das hungrige kannibalistische Einhorn läuft durch die Stille und fragt sich, ob es die Götter fressen kann. Murmelt vor sich hin. Hände als Hufgeräusche.
Plötzlich ein Feuer. zschzschzschzsch.
Das Einhorn schnappt den Gott und schleift ihm zum Feuer. Dann grilliert es ihn.
Das zornige Lamm tritt auf. Es hält einen Monolog. 3 Minuten Mäh.
Das Einhorn wiehert noch. Das zornige Lamm erschlägt das Einhorn.
Dann ist das Lamm das postapokalyptisch herrschende Wesen.

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remembrance / erinnerung

we’re sharing the same picture having taken the same perspective only changed a preference in order to distinguish ourselves your world is bluer than mine white tends to become blue from afar we’re exchanging the remembrance of the same day in a conference hall propperly climatized with 15 degrees less than outside

wir teilen das gleiche bild haben dieselbe perspektive nur eine einstellung verändert um uns voneinander zu unterscheiden deine welt ist blauer als meine weiß bläut in der ferne wir tauschen die erinnerung an denselben tag ein gut klimatisierten saal 15 grad kälter als draußen

 

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taron, du machst das alles sehr gut

du machst das alles sehr gut, taron, ich finde, du machst das alles wirklich ganz ausgezeichnet. aber schau, taron, das ist jetzt nicht schön. nicht? ja, siehst du. ich sags nochmal: du machst alles richtig. du leistest wunderbare arbeit, du triffst die richtigen entscheidungen. aber

das hier ist nicht schön!

es wäre gut, wenn du einen weg findest, dass das alles hier abgebaut wird. das wäre eine sehr gute entscheidung. schau, taron, in drei jahren wird das alles nicht schön aussehen. und wir haben doch gesagt, dass wir eine schöne stadt wollen.

taron, meinst du, du findest einen weg?

gut. gut, taron.

dann möchte ich jetzt den polizisten danken.

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öpnv

ein mann anfang dreißig, groß und mit bierbauchansatz, der stolz über den gürtel drängt, kramt in seiner laptoptasche; darin befinden sich statt eines computers eine große colaflasche, einige papiere und ein mobiltelefon, das er vom hektischen piepsen erlöst:

“ja, rené? … ja, wir treffen uns um neun … ich brauche nur weihrauch und weihwasser, dann geht das alles in ordnung.”

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bilinguism, variationen über sprachen

zwei sprachen, eins

du betrittst den raum mit einer doppelsprache, zwei kleider übereinander. die untere, die fremdsprache, kennst du besser als ich jene meiner mutter, ich schwöre und bei gelegenheit leihe ich deine wörter aus.
trotzdem trägt die untere den akzent deiner herkunft. so niedlich! deshalb hast du ihr einen anderen übergestülpt, ein graues grobmaschiges cape. du ziehst die wörter länger, hast ihre betonung verändert und für ein paar laute ersatz gesucht: eine französin mit hamburger dialekt und kölschem isch.

***

zwei sprachen, zwei

wir reden über drei ebenen von sprache.

wir reden von der muttersprache, der untersten, der natürlichsten. deine muttersprache hat ihren tonfall, dein wort trägt ihn mit leichtigkeit.

über der muttersprache liegt die sprache, die du für mich sprichst.

du hast zwei davon:
du hast eine zweite sprache, unangestrengt, mit ihrem akzent, wie ihn die muttersprache formt.
und du hast eine dritte sprache, eine unbequemere, übergestreift: sie ist für draußen, fürs ausgehen.

als ich deine dritte hörte, glaubte ich, sie sei die erste.
ich dachte, so also spräche man in deiner heimat, und ich begeisterte mich.

dann fiel deine dritte sprache ab. mitten in einem witz, du sahst schlecht aus, die augen rotfasrig durchzogen. die zweite sprache brach durch.

ich nahm den wechsel als geschenk:
für mich brauchst du die äußere sprache nicht.

***

die deines landes

ich wollte in deine sprache ziehen.

sie war das erste,
was ich von deinem land hörte.

ich dachte, so spräche man bei dir.

die laute, die betonungen verschoben.

ich dachte: so.

wenn man in kirchen die hände öffnet,
um den segen zu empfangen,

warum nicht für deine sprache.

ich hielt sie in der hohlen hand, so leicht.
so leicht war deine sprache.

ich schloss die hand, hob sie
zum mund, schluckte die worte.

ich erbrach mich.

ich sprach nicht, wartete, dann
der erste satz:

ich sprach dich.

ich war angekommen.

ich hatte deine sprache gewonnen.

es war nicht die des landes.
sagte man dann.

aber es warst du.

***

worthaut

deine worte wohnen / zogen hinein / in meine stirn, unter den augenbrauen / in den lidern / an ihren enden / sie brechen / (als wimpern) aus der haut / härrchen, die / wenn sie fallen / einen wunsch tragen / dich.

***

die sprache douce; wie muttermilch.

***

weltenempfänger

der weltenempfänger in der küche des freundes: noch spricht er das französisch einer frau vor meiner zeit.

***

sprachkompass

ich habe die marotte angenommen mich nach dir auszurichten kompassartig ich ändere meine richtung egal woher ich drehe mich auf der welt ostwärts westwärts ich strebe auf einen mittelpunkt zu deine sprache wenn ich sie erreiche wird sich die richtung auflösen ich werde auf dem boden liegen gen himmel starren in dein wort schauen in deinem wort gewogen mich selbst in den schlaf singend; ich höre wie du lachst das geliebte tiefe lachen sommerkalt winterwarm: abends gehe ich in die fremde und setze mich
in richtung deines worts

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ich träume

ich träume von der zugänglichkeit der texte. ich träume davon, mir texte zu kaufen und sie dann mit beliebigen werkzeugen zu bearbeiten: ich möchte sie kommentieren, markieren, sie untereinander verlinken. ich möchte original und übersetzung nebeneinander stellen, ich möchte wörterbücher in meinem reader haben, teile vergleichen, bestaunen und teilen können. ich möchte meine sammlung öffnen und fragen stellen, ich möchte jene anderer besehen. jeder kann entscheiden, ob und welche teile seiner textgefüge er sichtbar macht. es wird dann schlüsselfiguren geben, menschen, deren textunversen bekannt werden und die als kuratoren bestimmte themen erschließen. ich träume, guten tag.

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le peuple s’est réveillé

jeden morgen wacht das volk auf: alle, für die keine blumenkränze vor dem häusern stehen
und abends hereingeholt werden wie das sortiment einer misstrauischen gärtnerei.

jeden morgen wacht dieses volk auf, wäscht sich und trinkt kaffee
aus kleinen goldrandtassen, die es danach gründlich ausspült.

im satz läge die zukunft, aber das volk wäscht sie fort
und verstopft damit den abfluss.

der nicht-präsident sagt in radio:
le peuple s’est réveillé.

und seine wort mischt sich unters spülwasser, den fort=
fließenden satz, den schaum und erstickt.

le peuple s’est réveillé,
wiederholt sich der nicht-präsident,

und gleich geht es zur arbeit, so es noch welche hat, wenn nicht,
bleibt es daheim und isst zu mittag.

später stellt es pralinen auf den tisch und kocht abermals kaffee,
denn das volk weiß nicht, wie wach es schon ist.

es nimmt sich ein stück schokolade, einen schluck kaffee,
dann dreht erneut den wasserhahn auf und versenkt seine zukunft.

wenn das porzellan sauber ist, legt sich das volk schlafen, man
konstatiert, es reagiert nicht mehr.

und der präsident, der richtige, denkt:
mon peuple s’est endormi, il y a longtemps.

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schnee, stilübung

der flug ist verpasst, und obwohl das flugzeug noch in sichtweite ist, lässt man mich nicht hinein.

eine stimme sagt:
– man holt keine flugzeuge zurück, das ist zu teuer.
die stimme ist so breit, dass sie zwei plätze besetzt.

ein mann hat einen behinderten sohn, dessen handicap in der zeit besteht. er bewegt sich langsamst, ich sehe ihm beim denken zu.
der vater sagt:
– bad weather,
und fuchtelt mit dem arm, da endet sein englisch.

die stimme rettet ein russisches mütterchen, das seit drei tagen auf dem flughafen herumirrt, weil es keine sprache beherrscht, die seine verlorenheit ausdrückt. die stimme kümmert sich, das mütterchen küsst sie und fliegt nach haus.

es wird für die anderen zeit, sich zu einem ersatzgate zu begeben. das zeigt der zeitbehinderte sohn. er steht vor seinem koffer, er krümmt seinen rücken, langsam, er verharrt in der krümmung, streckt die arme zum koffer, eine hand erreicht den griff, die zweite umfasst die erste, der junge bleibt in dieser position, time for boarding, er richtet den körper wirbel für wirbel für winkel au, auf. die stimme bleibt sitzen.

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notizen, hrach

schneeregen, jerewan. ich hänge einem anforderungskatalog von webseiten nach und einem bekannten, der mir schreibt, es ginge um leben oder tod, und damit einen potentiellen job meint. stress, die tasse voll thymiantee klirrt auf ihren weißen untersatz, die blättchen schwimmen darin, ein glas voller zuckertüten steht ungerührt, ich versuche, meinem bekannten verständlich zu machen, dass ich als lebensretter untauglich bin, noch ein schluck – ich weiß nicht, warum ich aufblicke. vielleicht, weil die wörter und seelen in der luft schwirren, wie gaia sagt, und sie sich treffen wollen: ein winken, aufspringen: die umarmung – willkommen!

wir laufen durch den schneeregen, vorbei an einer edellouge, einem mäßig miesen jazzcafé und landen im jazzve, der langweiligsten und bekanntesten lokalen kaffeekette. der kellner kommt dreimal, aber tschischtn assaz (=ehrlich gesagt) wissen wir nicht, was wir wollen.

ich reiße gedanken an, die ich nicht verlieren will:

~ die grenzen als äußere, künstliche konstrukte (die sich verdoppeln: einmal, indem sie da sind, einmal, indem wir sie weitertragen); der umgang mit den grenzen wie ein fußballspiel, in dem es nur um den sieg geht, nicht um die freude am spiel; er sagt es auf französisch. ein stockendes französisch

die sprache als flussbett, ausgetrocknet. das mühsame sich einen weg bahnende wasser, nach jahren  der dürre: seit 10 jahren kein französisch mehr.
wir rudern uns in die sprache, winken und hebeln. die arme kreisen, bevor das wort hervorkommt, die bewegung gebärt es.

die sprache soll nicht zwischen uns stehen, wir reden mit den armen, und dzerkov (=mit den händen) klingt für einen moment wie der name einer eigenen sprache.

der mensch, der nicht gut handelt, weil er gelernt hat, dass dieses handeln, das er vollführt, gut ist – sondern der es von sich, aus sich selbst heraus tut. geben, um zu geben; weil es ein system gibt, das erfordert, das man gibt, als das künstliche.

les droits als ziel, la justice als das allgegenwärtige.

in den letzten 10 jahren ist mein gesicht, mein lächeln mir näher gekommen. ich bin ruhig geworden. ich stand immer im konflikt mit dem, was mich umgab. heute bin ich dem fern. ich habe mich von dem system entfernt. ich spreche zu den bäumen, den vögeln, dem lebendigen. da ist eine verbindung. mit den menschen, auch jenen, mit denen ich vielleicht zu tun hatte.

die nicht verschwendete zeit: zeit verschwenden wir nur, wenn wir krampfhaft nach lösungen suchen. solange drehen wir uns im kreis oder wir laufen diesen kreis, aber vorwärts kommen wir nicht. (ich erzähle von dem leben, das es wert ist, als solches benannt zu werden, wenn ich in armenien bin, und dem blassen nachklang dessen, solange ich in der schweiz bin [später die künstler als rettung des sich gleichschaltenen abendlandes] – das muss ich ändern. nein, warum? daraufhin die zeitver[sch]wendungstheorie.)

es ist doch absurd, dass wir beziehungen pflegen und aufgeben, sauber aneinander gereiht wie in schuhkartons gesteckt; mission accomplished.

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schlaft, engel … schlaft

mein freund, ein syrischer armenier, zeigt mir die fotografie einer jungen frau mit ihrem neugeborenen. sie liegen auf dem boden eines rotgrauen raums. um den kopf der frau liegt weißer stoff. es könnte ein tuch sein, ich betrachte das bild genauer, es ist verbandsstoff. auch das kind ist in diesen stoff gewickelt, mit einem dicken streifen um den bauch. die gesichter der beiden liegen frei und wo ihre köpfe einander berühren, hat der stoff einen hellroten fleck. sie liegen da wie schlafend, die gesichter noch farbig, und der freund sagt: »schlaft, engel … schlaft«

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