Kategorien-Archiv: Logbuch

Das Logbuch legt das Notizbuch der Autorin offen: Fundstück, Idee, Entwurf und Fragment, Fertiges und Werdendes, das während des Studiums am Schweizerischen Literaturinstitut (SLI) entsteht.

Offen, aber nicht öffentlich, denn für den Zugang ist eine Registrierung nötig.

Gute Lektüre!

bilinguism, variationen über sprachen

zwei sprachen, eins

du betrittst den raum mit einer doppelsprache, zwei kleider übereinander. die untere, die fremdsprache, kennst du besser als ich jene meiner mutter, ich schwöre und bei gelegenheit leihe ich deine wörter aus.
trotzdem trägt die untere den akzent deiner herkunft. so niedlich! deshalb hast du ihr einen anderen übergestülpt, ein graues grobmaschiges cape. du ziehst die wörter länger, hast ihre betonung verändert und für ein paar laute ersatz gesucht: eine französin mit hamburger dialekt und kölschem isch.

***

zwei sprachen, zwei

wir reden über drei ebenen von sprache.

wir reden von der muttersprache, der untersten, der natürlichsten. deine muttersprache hat ihren tonfall, dein wort trägt ihn mit leichtigkeit.

über der muttersprache liegt die sprache, die du für mich sprichst.

du hast zwei davon:
du hast eine zweite sprache, unangestrengt, mit ihrem akzent, wie ihn die muttersprache formt.
und du hast eine dritte sprache, eine unbequemere, übergestreift: sie ist für draußen, fürs ausgehen.

als ich deine dritte hörte, glaubte ich, sie sei die erste.
ich dachte, so also spräche man in deiner heimat, und ich begeisterte mich.

dann fiel deine dritte sprache ab. mitten in einem witz, du sahst schlecht aus, die augen rotfasrig durchzogen. die zweite sprache brach durch.

ich nahm den wechsel als geschenk:
für mich brauchst du die äußere sprache nicht.

***

die deines landes

ich wollte in deine sprache ziehen.

sie war das erste,
was ich von deinem land hörte.

ich dachte, so spräche man bei dir.

die laute, die betonungen verschoben.

ich dachte: so.

wenn man in kirchen die hände öffnet,
um den segen zu empfangen,

warum nicht für deine sprache.

ich hielt sie in der hohlen hand, so leicht.
so leicht war deine sprache.

ich schloss die hand, hob sie
zum mund, schluckte die worte.

ich erbrach mich.

ich sprach nicht, wartete, dann
der erste satz:

ich sprach dich.

ich war angekommen.

ich hatte deine sprache gewonnen.

es war nicht die des landes.
sagte man dann.

aber es warst du.

***

worthaut

deine worte wohnen / zogen hinein / in meine stirn, unter den augenbrauen / in den lidern / an ihren enden / sie brechen / (als wimpern) aus der haut / härrchen, die / wenn sie fallen / einen wunsch tragen / dich.

***

die sprache douce; wie muttermilch.

***

weltenempfänger

der weltenempfänger in der küche des freundes: noch spricht er das französisch einer frau vor meiner zeit.

***

sprachkompass

ich habe die marotte angenommen mich nach dir auszurichten kompassartig ich ändere meine richtung egal woher ich drehe mich auf der welt ostwärts westwärts ich strebe auf einen mittelpunkt zu deine sprache wenn ich sie erreiche wird sich die richtung auflösen ich werde auf dem boden liegen gen himmel starren in dein wort schauen in deinem wort gewogen mich selbst in den schlaf singend; ich höre wie du lachst das geliebte tiefe lachen sommerkalt winterwarm: abends gehe ich in die fremde und setze mich
in richtung deines worts

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ich träume

ich träume von der zugänglichkeit der texte. ich träume davon, mir texte zu kaufen und sie dann mit beliebigen werkzeugen zu bearbeiten: ich möchte sie kommentieren, markieren, sie untereinander verlinken. ich möchte original und übersetzung nebeneinander stellen, ich möchte wörterbücher in meinem reader haben, teile vergleichen, bestaunen und teilen können. ich möchte meine sammlung öffnen und fragen stellen, ich möchte jene anderer besehen. jeder kann entscheiden, ob und welche teile seiner textgefüge er sichtbar macht. es wird dann schlüsselfiguren geben, menschen, deren textunversen bekannt werden und die als kuratoren bestimmte themen erschließen. ich träume, guten tag.

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le peuple s’est réveillé

jeden morgen wacht das volk auf: alle, für die keine blumenkränze vor dem häusern stehen
und abends hereingeholt werden wie das sortiment einer misstrauischen gärtnerei.

jeden morgen wacht dieses volk auf, wäscht sich und trinkt kaffee
aus kleinen goldrandtassen, die es danach gründlich ausspült.

im satz läge die zukunft, aber das volk wäscht sie fort
und verstopft damit den abfluss.

der nicht-präsident sagt in radio:
le peuple s’est réveillé.

und seine wort mischt sich unters spülwasser, den fort=
fließenden satz, den schaum und erstickt.

le peuple s’est réveillé,
wiederholt sich der nicht-präsident,

und gleich geht es zur arbeit, so es noch welche hat, wenn nicht,
bleibt es daheim und isst zu mittag.

später stellt es pralinen auf den tisch und kocht abermals kaffee,
denn das volk weiß nicht, wie wach es schon ist.

es nimmt sich ein stück schokolade, einen schluck kaffee,
dann dreht erneut den wasserhahn auf und versenkt seine zukunft.

wenn das porzellan sauber ist, legt sich das volk schlafen, man
konstatiert, es reagiert nicht mehr.

und der präsident, der richtige, denkt:
mon peuple s’est endormi, il y a longtemps.

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schnee, stilübung

der flug ist verpasst, und obwohl das flugzeug noch in sichtweite ist, lässt man mich nicht hinein.

eine stimme sagt:
– man holt keine flugzeuge zurück, das ist zu teuer.
die stimme ist so breit, dass sie zwei plätze besetzt.

ein mann hat einen behinderten sohn, dessen handicap in der zeit besteht. er bewegt sich langsamst, ich sehe ihm beim denken zu.
der vater sagt:
– bad weather,
und fuchtelt mit dem arm, da endet sein englisch.

die stimme rettet ein russisches mütterchen, das seit drei tagen auf dem flughafen herumirrt, weil es keine sprache beherrscht, die seine verlorenheit ausdrückt. die stimme kümmert sich, das mütterchen küsst sie und fliegt nach haus.

es wird für die anderen zeit, sich zu einem ersatzgate zu begeben. das zeigt der zeitbehinderte sohn. er steht vor seinem koffer, er krümmt seinen rücken, langsam, er verharrt in der krümmung, streckt die arme zum koffer, eine hand erreicht den griff, die zweite umfasst die erste, der junge bleibt in dieser position, time for boarding, er richtet den körper wirbel für wirbel für winkel au, auf. die stimme bleibt sitzen.

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schlaft, engel … schlaft

mein freund, ein syrischer armenier, zeigt mir die fotografie einer jungen frau mit ihrem neugeborenen. sie liegen auf dem boden eines rotgrauen raums. um den kopf der frau liegt weißer stoff. es könnte ein tuch sein, ich betrachte das bild genauer, es ist verbandsstoff. auch das kind ist in diesen stoff gewickelt, mit einem dicken streifen um den bauch. die gesichter der beiden liegen frei und wo ihre köpfe einander berühren, hat der stoff einen hellroten fleck. sie liegen da wie schlafend, die gesichter noch farbig, und der freund sagt: »schlaft, engel … schlaft«

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der esel

ich bin schuld dass unser esel tot auf der straße liegt
zwischen unseren häusern und denen der nachbarn
verläuft eine gasse
durch die niemand geht weil die scheißkerle schießen

die nachbarn und wir werfen uns zu was wir brauchen brot
zigaretten ich wusste dass wir noch zwei säcke mehl haben
aber die kann man nicht werfen

deshalb habe ich den esel geholt dem wir
sie auf den rücken banden

dann haben wir ihn rübergejagt mit
großem geschrei plötzlich brach es
aus uns heraus wir
trieben den esel brüllten

und die schützen begriffen
sie haben geschossen
geschossen und nicht mehr aufgehört das blut
des esels hat sich mit dem mehl vermischt
auf der straße geklebt

und unsere nachbarn haben
versucht das kadaver zu sich zu ziehen
sie haben gezogen wir geschoben

aber das mehl war längst
längst verloren

und das ist meine schuld
meine scheiß=
schuld

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nah am meer

während der tag jene zeit erreicht, in der gewöhnlich die sonne untergeht, heute aber das grau unverändert bleibt, durchblättere ich facebookchroniken, mit vorliebe von menschen, die ich nicht kenne und denen ich deshalb ein leben erfinden kann, anhand der ihrer worte, der bilder und videos, die sie dort teilen.

weil ich mir ein leben aussuchen kann, wähle ich das eines mädchens aus burma. ich schaue in ihre musiksammlung: egal, was ich dort finde, ich höre die stücke und schreibe einen ausschnitt leben dazu – so ist das mädchen gerade umgezogen aus tbilissi, georgien, nach kambodscha, und was ich dazu erfinde: es arbeitet dort als köchin ganz nah am meer.

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verwildern

was man meiner stadt
an grün zersiedelt
wandert aus

im radio sagten sie
in diesem land gehe das grün
zurück aber es geht nicht es kommt

schau nur in der fabrik vor
meinem haus wachsen bäume
auf beton
und niemand weisz
wo ihre wurzeln liegen

aus der ferne siehst du sie nicht
und die nähe bewacht ein struppiger
hund der dürr und
so verrückt geworden ist
dass die kinder sich fürchten

(die alten spielen karten wer gewinnt
spricht einen toast: es war
einmal es wird so
schlimm nicht mehr)

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hortensien

das mädchen, das nie blumen hatte und nie blumen kannte, nicht einmal den namen nach, als es einundzwanzig war und sehr allein, bemerkte es, dass seine heimat in hortensien lag. dort, wo das mädchen herkam, wuchsen blaue und rote in schweren tontöpfen und abends karrte der großvater sie vom gehsteig in den innenhof.
als das mädchen auszog in ein land, wo blumensträusze weniger kosteten als ein stück butter, fand es wieder hortensien. dort kaufte es nur die blüten, stelle sie in wasser und niemand schimpfte, dass sie ihr essensgeld für schnittblumen ausgab. das mädchen verliesz auch dieses land, zog wiederum in ein nächstes und verlor dabei die hortensien aus den augen. kürzlich sah es sie in einem gemälde. das mädchen legte sich vor dem bild auf den boden und drängte mit dem rücken gegen die wand, an der das hortensienbild hing.

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