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@ Argam Yeranosyan

Foto: Argam Yeranosyan, Text: Wiebke Zollmann

die stufen zum oratorium sind so ungewohnt hoch, dass der eilige fuß dagegen schlägt und keinen halt findet. der reisende erstarrt, kauernd, auch die hände hält er versetzt auf die stufen gestützt. so schaut er zur kirchentüre hinauf und verharrt einen augenblick, ehe er sich mit, wie es von unten scheint, lächerlicher langsamkeit weiter tastet.

die stufen, auf denen nur zwei kinderfüße, nie aber die beiden eines erwachsenen platz fänden, sind der einzige weg nach oben. von zwei seiten führen sie zu einer hölzernen tür, hinter der ein frauenchor singt. der schönste klang des landes, sagt ein engländer, dessen gesicht die farbe von granatäpfeln angenommen hat. er verzichtet auf den aufstieg, mit seinem sonnenbrand leuchte er stark genug, dass gott ihn auch so sehe (und er sei ja nicht zum ersten mal hier).

er und seine kollegen, die in der selben klimatisierten obstkiste angereist sind, beneiden die scharen flinker kinder, die schier mühelos die stufen auf- und abhuschen. nur dass man die kleinen muskeln sehen kann, wie sie sich spannen und lösen, verrät, dass dieser weg auch die kinder kraft kostet. trotzdem springt eines die stufen auf nur einem bein hoch. das obst, noch steht es unten, schlägt sich die hände vor den mund, damit sein ängstlich oo in der mundhöhle zurückbleibt und das kind nicht herabreißt.

aber diese kinder wüssten gar nicht, dass man fallen könne, sagt der engländer, und deshalb fielen sie nicht. im gegensatz zu den alten mit ihren vagen erinnerungen, wie es früher war, als man fiel. sie fürchten sich bald mehr vor der vorstellung als vor dem fall selbst. trotzdem wollen sie ins oratorium, sie geben sich mutig und die heimischen sagen zu ihren kindern: warte, lass mal den mann hoch, und die kinder treten zurück, damit die gäste die stufen hinaufsteigen. bald aber beginnen die scharen zu nörgeln, wie langsam diese fremden seien, wie sie über die treppen, ja, beinahe, kriechen. sie scheinen aus ländern zu kommen, wo nicht schmale treppen zu gott führen, sondern breite flache tritte mit beidseitigen geländern. dort brauchen die menschen keine wunder, nicht einmal mut, der zu gott hinführt.

Bei einem Benefiz-Konzert spielten am 4. September 2014 sieben armenische Bands im Parlamentsgarten, während im Hintergrund das Leiden der Jesiden im Irak über den Bildschirm zog. Die Stimmung war ausgelassen, ausgezeichnet.

Farbe-Yezidi_2Es waren einige der besten armenischen Rockbands, die sich für das Konzert unter dem Motto »Help Yezidis. Stop one more genocide« im Park des armenischen Parlaments eingefunden hatten. Normalerweise kosten ihre Konzerte 5-12 Euro pro Band, diesmal war der Eintritt frei. Vostan Hayots, The Bambir, Dorians, The The Beautified Project und Empiray spielten für den guten Zweck. Ein Benefiz-Konzert also – aber eines, das kein Geld generierte. Nur: Was war es dann, dieses Gute, das das Konzert bewirken sollte? Glaubte man der Moderatorin, so wollten die Bands, wolle man allgemein in Armenien die Stimme für die Yeziden erheben. Dieses Brudervolk, mit dem man gemeinsam viele Schlachten gefochten habe – jetzt wollten sich die Armenier für sie einsetzen. Man wolle zeigen, dass die Jesiden in diesem Moment nicht allein seien. Nur: Was nützt das, wenn auf einer armenischen Bühne Rockerfäuste in die Luft gereckt werden, das Publikum klatscht und singt – während im Hintergrund eine Slideshow in Dauerschleife läuft, die die Gräuel zeigt, die die Yeziden im Irak dieser Tage erleben; gern auch unter bluttriefenden Überschriften?

– Gehts euch gut?!, schrie André Simonian, Sänger von The Beautified Project in die Menge.
–Yeah!
– So geht das nicht! GEHTS EUCH GUT?!
– YEAH! WUHU!

Wenig später erklang »Butterfly«, der große Hit seiner Band, »Butterfly, butterfly in my hands you try to fly / Yes, I know it’s so sad, in two days you must die, my butterfly.« Und während er sang und das Publikum mitgröhlte, da schleppten auf den Fotos im Hintergrund Eltern ihre müden, schwachen Kinder durch die Wüste.

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Am 2. September 2014 hatte der armenische Außenminister Edward Nalbandian bekannt gegeben, dass Armenien dem Hohen Flüchtlingskommissar der Vereinten Nationen (UNHCR) 100.000 USD bereitstelle, um damit die jesidische Bevölkerung im Irak zu unterstützen. Vielleicht hätte er das Geld, das beim Benefizkonzert in Bühnentechnik, Fernsehteams und Security geflossen ist, besser auch an UNHCR geschickt.

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Ein armenisches Rockfestival unter freiem Himmel

Für ein Rockfestival braucht man:

Ein Stück Land.
Eine Bühne.
Besucher.
Bands.
Bier.
Zelte.
Schlafsäcke.
Und Toiletten.

Das Land ist ein Garten mit Bauruine.
Der Garten liegt im armenischen Dorf Getamej, eine halbe Stunde Autofahrt von Jerewan entfernt.
Die Bühne besteht aus einer Wiese und der Ladefläche eines Lkws.
Die Besucher kommen aus Jerewan mit Minibussen, Taxis und Privatautos: die lokale Rockgemeinde, dazu Diaspora-Armenier und Ausländer.
Die Bands sind 15 große und kleine der armenischen Rockszene. Oder Freunde von Freunden. Sie verzichten auf ihre Honorare und sammeln für die Renovierung der Dorfschule.
Das Bier besorgen eine Jerewaner Bar und ein Getamejer Kiosk.
Die Zelte und Schlafsäcke kann man vor Ort ausleihen.
Und die selbstgebauten Toiletten sind auch am zweiten Tag noch sauberer als jedes deutsche Dixiklo.

Über das Festivalgelände läuft ein kleiner zottig staubiger Hund. Bei fast jedem Besucher bleibt er stehen. Die Menschen beugen sich hinab und streicheln. Hier und da fällt ein Stück Brot zu Boden. Neben dem Eingang zum Festivalgelände liegen Stapel von Zelten und Schlafsäcken, die gegen Gebühr ausleiht, wer selbst nichts mitgebracht hat.

Weil das Festival mit armenischer Pünktlichkeit eine Stunde später beginnt als angekündigt, hat die Leadsängerin der ersten Band viel Zeit, die Besucher zu mustern. Sie entdeckt mich, kommt mir entgegen. Wir kennen uns aus den Jerewaner Rockbars. Sie stellt mir die übrige Band vor. Der Schlagzeuger ist eigentlich Zahntechniker, spricht gut Englisch und begleitet mich bei einem Rundgang über das Gelände. Gegenüber der Bühne steht eine Bauruine: ein Betonskelett mit Rostmetall. Davor liegen Rohe, Stangen und Holz. Der Schlagzeuger beharrt darauf, dass hier etwas entsteht. Und ich beharre, es verfällt. Der Abendwind wirbelt Sand und Baustau auf. Eine Jerewaner Bar stapelt derweil Bierflaschen ins Erdgeschoss. Zwanzig Schritte entfernt hat ein Dorfkiosk einen Stand improvisiert und verkauft Dosenbier, Limonade, Wasser, Kuchen, Blätterteigtaschen und Zigaretten. Dabei sind – im Gegensatz zu europäischen Festivals – die Preise keinen Deut höher als anderswo im Dorf. Überhaupt ist dieses Festival kein Luxustreff. Kostet in der Hauptstadt ein gewöhnliches Einbandkonzert bis zu 3.000 AMD (rund 5,35 Euro), bekommt man beim „River Fest“ vom 2. bis 3. August 2013 für 5.000 AMD (rund 8,92 Euro) 15 Bands an zwei Tagen, acht offizielle Konzertstunden, plus Jammsession am Lagerfeuer. Sogar die Anreise ist inbegriffen. Trotzdem erwirtschaftet das Festival einen Erlös von 300.000 AMD (ca. 535 Euro). Damit werden neue Fenster für die Getamejer Schule angeschafft und, so hoffen die Organisatoren, auch Wandfarbe, um die Klassenräume neu zu streichen.

Obwohl das „River Fest“ in dieser Hinsicht ein Event zugunsten des Dorfes ist, besuchen nur wenige Ortsansässige das Festival. Einerseits sind 5.000 AMD viel Geld, wenn man bedenkt, dass das landesweite Durchschnittseinkommen rund 147.000 AMD (ca. 262 Euro) beträgt und in den Dörfern vor allem einkommensschwache Familien leben. Andererseits fristet Rock in Armenien – auch in Jerewan – ein Nischendasein und die Festival-Meute mit ihrer Musik ist den meisten Armeniern suspekt. Einige Dorfbewohner haben sich auf dem Balkon eines Nachbarhauses eingefunden. In sicherer Entfernung stehen Männer, Frauen und Kinder und stellen erstaunt fest, wie friedlich das Festival doch bleibt.

Nachdem der erste Hobbykellerpop verklungen ist, werden die Bühenacts besser. Die Besucher sind entspannt, fröhlich, einige schon angetrunken. Als erste Szenen-Größe spielen Vordan Karmir. Zu ihrem Ethno-Metal rockt das Publikum, springt und headbangt. Eine nachfolgende Band covert internationale Klassiker, später singt die wunderbare Sima Cunningham. Ihr hat die Idee des „River Fests“ so imponiert, dass sie kurzerhand aus Amerika eingeflogen ist. Während man bei ihrer Darbietung mit geschlossenen Augen vor sich hin träumt, zieht der Abschlussact The Bambir das Publikum noch einmal auf die Tanzfläche. Der Ethno-Rock von The Bambir ist gut tanzbar, die Melodien sind bekannt, die meisten Besucher textsicher. Die Jerewaner Rocker, Diaspora-Armenier, Expats und Repats – sie werfen sich ein letztes Mal in die Refrains, grölen, headbangen, springen, tanzen, schleudern umher.

Als der letzte Song verklungen ist, lichtet sich das Gelände. Schnell werden die letzten Biere gekippt, die Dosen gefaltet. Dann strömt der Großteil des Publikums in seine Taxis und Privatautos – und jagt über die Getamejer Schlaglöcher zurück in die Hauptstadt.

Die Verbliebenen sammeln Holz für ein Feuer, formen einen Kreis und jammen gemeinsam durch die Nacht.

Epiphany Project (Bet Williams, John Hodian & Mal Stein) spielen aus »Nagash«, einem Projekt von John Hodian basierend auf den Gedichten des armenischen Dichters Mkrtich Nagash (1390-1470).

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»vor der karawanserei gibt es einen kleinen markt mit läden, wo man allerlei proviant verkauft, daneben eine schöne moschee und zwei cabarets à cahvé.«
Jean Chardin

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die karawanserei heißt avtokajan und die minibusse, die aus eriwan nach tiflis oder teheran fahren, parken mit den schnauzen zum gehsteig. dahinter wechseln sich kioske, in denen man kekse, weißbrot und zigaretten kauft, mit kinositzen ab. zum ende der sowjetunion hat man die kinos geplündert und die kirchen mit neuem inventar bestückt. heute gibt es holzbänke, aber am avtokajan sind die kinositze geblieben.

eine alte frau mit grauem haar, bunter schürze und so faltiger haut, dass man seine fahrkarte wie in einen automaten hineinstecken könnte, läuft langsam den gehsteig ab. sie hat einen korb in der hand, darin jesuskettchen, türkisch blaue augen, streichhölzer und papiertücher. die alte bleibt neben einem hippie stehen, tätschelt seinen unterarm und zeigt auf ihren korb, die augen, den jesus, und gen himmel. der hippie schließt die augen, schüttelt langsam den kopf, faltet die hände und hebt sie vor sein gesicht. eine junge frau neben ihm steht auf und verschwindet. die alte setzt sich auf ihren platz. sie zieht eine plastiktüte aus der schürze und atmet einige male hinein. dann schnäuzt sie gelben schleim in die durchsichtige tüte, die dabei raschelt. die alte verknotet die öffnung, legt die tüte neben sich und schiebt sie, mit einer bewegung, wie man sie zum anstoßen einer murmel macht, vom sitz.

die junge frau kommt zurück, sie trägt zwei kleine porzellantässchen, beide auf untertassen. ihr klirren verrät, dass die hände der frau zittern. sie stellt die tassen auf ihren koffer. ihr mann bietet eine zigarette an, gibt feuer und sie stehen rauchend nebeneinander.

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zuerst erschienen in: la liesette litteraire #3