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Film in Armenien. Verkrustete Strukturen, Geldmangel und ein Neuanfang

Eine Bestandsaufnahme für die Armenisch-Deutsche Korrespondenz (ADK)

Sobald wir über Film in Armenien sprechen, entfaltet sich die Nostalgie der 1970er Jahre, der Blütezeit der armenischen Filmkultur. Jerewan zählte mehr als 20 Kinos, jeder Stadtteil hatte sein eigenes Kino mit eigenem Programmschwerpunkt. Für einen guten Film standen die Menschen stundenlang Schlange. Es gab Kunstfilme und ein Publikum dafür. Es gab eine Vereinigung der Filmschaffenden mit eigenem Kinosaal, wo exklusive Premieren stattfanden und fast geheime Vorführungen, immer frequentiert von den lokalen Filmschaffenden und Cineasten.

1976 zog Hayfilm, das 1923 gegründete staatliche armenische Filmstudio, in einen riesigen Gebäudekomplex am Stadtrand Jerewans. „Zwei Hauptgebäude, ein neu gebautes Filmstudio, ein hochmodernes Tonstudio, eine Abteilung für Animation, ein Fuhrpark, mehrere Lagerhallen für Requisiten und Kostüme, ein Filmlabor“ so beschreibt Filmkritiker und Dozent Suren Hasmikyan das damalige Zentrum des armenischen Films. Es gab 1.200 Mitarbeiter, darunter Regisseure, Kameraleute, Tontechniker, Filmlaboraten und einfache Arbeiter. „Jedes Jahr erschienen sechs bis sieben abendfüllende Spielfilme bei Hayfilm und wenn man auch Dokumentarfilme, Kurzfilme und Animationen verschiedenster Stile einrechnet, waren es mehrere Duzend Filme jährlich.“

„Das größte Problem damals war die Zensur“, erzählt Filmhistorikerin Siranush Galstsyan im Interview. „Sowohl in der Filmproduktion als auch, wenn ausländische Filme in den Kinos gezeigt wurden. Oft fehlten ganze Szenen. Anderseits haben wir Filmnarren nach der Unabhängigkeit zuweilen Filme aus Sowjetzeiten gesehen und uns gefragt: Wie kann es sein, dass dieser Film so gezeigt werden durfte? Nicht alle Menschen, die in der Zensurbehörde gearbeitet haben, waren dumm oder ungebildet, wie man es sich als Klischee vorstellt. Es gab kluge, belesene Leute, die auf der Seite der Filmemacher standen. Zuerst gab es oft heftige Auseinandersetzungen – aber zum Schluss entstand ein Film.“

Mit der Unabhängigkeit Armeniens fiel die Zensur weg – und zugleich die verlässliche staatliche Finanzierung für die Branche. Die armenische Filmproduktion, die in den 1980er Jahren ihre höchste Produktivität erreicht hatte, schwand in den 1990er Jahren dahin. „Die Idee, einen Film drehen zu wollen, schien lächerlich angesichts dieser bitteren Jahre, in denen die Menschen eher damit beschäftigt waren, zu überleben und irgendwie finanziell über die Runden zu kommen“, so Journalistin und Dokumentarfilmemacherin Naira Paytyan. Gleichzeitig hielten nur wenige Kinos, darunter Kino Moskau, Kino Nairi und Kino Rossia, den Betrieb aufrecht.

Zwar verbesserte sich die soziale und ökonomische Situation in Armenien zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Dennoch fehlten dem armenischen Staat die Mittel, um das alte Hayfilm Studio zu modernisieren. Neben Mosfilm, dem Staatlichen Moskauer Filmstudio, war Hayfilm einst eines der fortschrittlichen Filmstudios in der gesamten Sowjetunion gewesen. Doch selbst der russische Staat brachte die Mittel für die Modernisierung von Mosfilm nicht selbst auf, sondern entschied sich für den Weg der Privatisierung.

2005 zog Armenien nach. Das Hayfilm Studio ging zum Kaufpreis von 350 Millionen Dram (heute circa 615.000 Euro) in den Besitz von Armenia Studio CJSC unter Leitung von Bagrat Sargsyan über, der sich als Vertreter der Cafesjian Stiftung präsentiert hatte. 24.200 Quadratmeter Studio- und Lagerraum und ein Gesamtgebiet von 32,6 Hektar sollten für 50 Jahre in den Händen von Armenia Studio CJSC liegen. Die Bedingung: Durch die Privatisierung des Studios sollte der armenische Film zu neuer Blüte gelangen. Im Laufe von 10 Jahren sollten 70 Millionen Dollar in die Modernisierung der Anlage investiert werden: Renovierungen, Anschaffung modernen Equipments, die Digitalisierung des Filmarchivs von Hayfilm. Außerdem sollte sich das neue Studio in der Filmförderung betätigen und jährlich mindestens vier Spielfilme, drei Animationsfilme und fünf Kurzfilme produzieren.

Es geschah – wenig. Eine Seifenoper wurde gedreht. Mitarbeiter wurden entlassen. Lagerhallen wurden zu anderen, einträglicheren Zwecken umfunktioniert: eine Wäscherei, ein Glühbirnenlagerhaus, Gewächshäuser. Als Ersatz für Filmförderung vermietete das Studio seine alte Filmtechnik. Die Zeit fraß ihre Spuren in die Substanz der Hauptgebäude. 2015 war die Zehnjahresfrist verstrichen, in der die Investitionen getätigt werden sollten. Der Staat forderte das Studio zurück. Doch die technische Ausrüstung ist verschwunden, das Filmlabor zerfallen und Reste von früheren Kulissen liegen auf dem Außengelände in Ruinen. Das Problem, dass es zu wenig finanzielle Mittel für die Modernisierung des Studios gibt, ist dringlicher denn je.

„Die größte Schwierigkeit für den armenischen Film ist die fehlende Finanzierung – in allen Bereichen“, so Siranush Galstyan, die am Jerewaner staatlichen Institut für Theater und Film armenischen und internationalen Film lehrt. „Es beginnt bei der Bildung.“ So kostet beispielsweise ein Regiestudium 500.000 Dram jährlich – fast ein Viertel des durchschnittlichen Jahreseinkommens in Armenien. Und selbst wer sich das Studium leisten könne oder ein Stipendium für herausragende Studienleistungen erhalte, stehe nach dem Studium vor der existentiellen Frage, die notwendigen Mittel für einen Debütfilm aufzutreiben.

„Ein Maler braucht Farben und eine Leinwand“, so Galstyan. „Film ist einfach eine Sparte, die viel mehr Material benötigt – und dafür braucht man Geld. Schauen wir uns meine Absolventen an. Da gibt es einige, denen es gelungen ist, private Gelder aufzutreiben oder staatliche für ihr Kurzfilmdebüt zu erhalten. Aber viele verlassen das Land, gehen nach Deutschland oder in die USA. Für Armenien ist es fürchterlich, diese jungen, talentierten Menschen zu verlieren. Aber wie kann jemand hierbleiben, wenn er in Armenien keine Chance hat, seine Ideen umzusetzen?“

Ich besuche Anahit Arpé, Drehbuch-Beraterin beim Nationalen Filmzentrum Armeniens, das 2006 nach der Privatisierung von Hayfilm als staatliche, nichtkommerzielle Institution zur Förderung des armenischen Films gegründet wurde. Die Aufgaben des Zentrums umfassen u. a. die Bereitstellung von Kofinanzierungen, die Teilnahme an internationalen Filmfestivals und Filmbörsen. 2016 lag das Förderbudget bei ca. 514.000 Euro für Spielfilme und circa 105.000 Euro für Animationsfilme. Außerdem wurden je vier Nachwuchsfilmemacher und vier Filmstudenten gefördert.

Anahit Arpés Büro ist ein spartanisch eingerichteten Raum mit kleinem Elektroheizer. An der Wand hängt ein mit Klebestreifen geflicktes Portrait von Hamo Beknazaryan, dessen Namenszusatz Hayfilm seit 1966 trug. Sie blättert ein dickes Album auf, in dem Presseberichte und Rezensionen aus aller Welt alte Hayfilm-Produktionen beschreiben. Zwei junge Männer klopfen an ihre Tür und fragen, wie sie sich für Filmförderung für ihre Debütfilme bewerben könnten. Eine kurze Antwort später verschwinden die beiden in ein anderes Zimmer, um sich Formulare abzuholen. „Die Deadline ist schon verstrichen, aber das Auswahlverfahren hat noch nicht begonnen, vielleicht können wir sie noch unterbringen. Es sollte mehr als nur einen Bewerbungszyklus im Jahr geben.“

An der Fördervergabe des Nationalen Filmzentrums scheiden sich die Geister – wann Bewerbungen eingereicht werden müssen, ist dabei das geringste Problem. Vor einigen Jahren verlangte Harutyun Khachatryan, damals Direktor des „Golden Apricot“ Internationalen Filmfestivals (GAIFF) in Jerewan, es müsse rotierende Auswahlkommissionen geben, damit nicht ständig dieselben Leute gefördert würden. Dozentin und Filmkritikerin Siranush Galstyan betont einen zweiten Aspekt: „Die Leute in den Auswahlkommissionen müssen vernünftig für ihre Arbeit bezahlt werden. Einerseits sind sie dann unabhängiger gegenüber Bestechungsversuchen. Anderseits können sie es sich dann leisten, sich wirklich eingehend mit dem eingereichten Material zu beschäftigen. Nicht stichprobenartig, weil die Zeit nicht reicht, sondern vertieft und ausführlich prüfen – davon würde das Fördersystem stark profitieren.“ Andere Stimmen werfen der Kommission vor, in einer Ästhetik des Sowjetischen verhaftet zu bleiben, statt zu fragen, welche Filme heute international konkurrenzfähig sein könnten.

Ich treffe Victoria Aleksanyan, eine aus Jerewan stammende Regisseurin und Produzentin, die heute in New York lebt. Ein Studium am Jerewaner Filminstitut war für sie einst zu teuer und Stipendien hatte es zu dieser Zeit nicht gegeben. So studierte sie Journalismus an der Staatlichen Russisch-Armenischen Universität in Jerewan, ehe sie für ein zweites Masterstudium mit Stipendium der Luys Foundation an die Columbia Universität nach New York wechselte. Um einen Kurzfilm zu drehen, ist sie für einige Monate nach Armenien zurückgekehrt.

„Einen guten Film zu drehen, kostet in Armenien überraschenderweise nicht weniger als in Deutschland oder Amerika. Was immer gepriesen wird – der mit den minimalen Mitteln gemachte Film, am besten noch gedreht in der eigenen Wohnung – kann sich im internationalen Wettbewerb nicht behaupten.“ Die Hälfte der Finanzierung für ihren Kurzfilm sollte vom Nationalen Filmzentrum kommen, die andere Hälfte von einer privaten Produktionsfirma aus Russland. Doch dann brach die Förderung vom Nationalen Filmzentrum weg, die Schauspieler fanden keinen rechten Zugang zum Drehbuch, und Victoria Aleksanyan erkannte: Für den Film, den sie machen wollte, war Armenien nicht bereit. Die Geschichte einer jungen Frau, die auf der Suche nach Liebe einem Ausländer verfällt und mit ihm schläft, während die Grenzen zwischen Geschäft und Zuneigung verschwimmen. Im Ausland weckte diese Idee Interesse: Man wolle wissen, wie sich diese Geschichte eingebettet in der armenischen Gesellschaft erzählen lasse. In Armenien selbst: Ein umstrittenes Thema. Außerdem entsprach Victoria Aleksanyans Herangehensweise, geschult im internationalen zeitgenössischen Film, nicht den Vorstellungen der Fördervergabekommission beim Nationalen Filmzentrum und stieß auch bei einigen Dozenten des Jerewaner Filminstituts auf Widerspruch. „Das ist natürlich extrem verunsichernd. Egal, wie sehr man hinter seinem Projekt steht, wenn man so viel geballte Ablehnung erfährt, beginnt man zu zweifeln.“ In Victoria Aleksanyans Fall gibt es zumindest ein Gegengewicht, ein internationales Netzwerk, das ihre Filmidee unterstützt. Wer sich jedoch ausschließlich im nationalen armenischen Umfeld bewegt – für den sind als Nachwuchsfilmemacher die eigenen Ausdrucksmöglichkeiten deutlich limitierter.

Dass es in Armenien mehr Auseinandersetzung mit dem zeitgenössischen internationalen Film geben muss, um eingefahrene Denkmuster aufzubrechen, darin sind sich alle Akteure einig, mit denen ich für diesen Text gesprochen habe.

Harutyun Khachatryan hat sich die Umsetzung dieser Idee auf die Fahnen geschrieben. Nachdem er im Sommer 2017 seine Tätigkeit als Direktor des „Golden Apricot“ Internationalen Filmfestivals niedergelegt hatte, wurde er im Oktober zum neuen Direktor der armenischen Vereinigung der Filmschaffenden gewählt. Seither herrscht Aufbruchstimmung in der Vereinigung.

„In zehn Jahren wollen wir eine ernstzunehmende internationale Einrichtung geschaffen haben, ein Kino, eine Ausbildungsstätte, ein Museum – kurzum ein Zentrum für internationale Filmkunst in Armenien“, so Harutyun Khachatryan.

„Wir werden Berufsverbände u. a. für Regisseure, Kameraleute, Drehbuchautoren, Produzenten gründen. Wir wollen faire Produktionsbedingungen durchsetzen und Rechtsbeistand für Filmschaffende stellen. Und wir wollen Bildung fördern. In unserem Zentrum wird es regelmäßige Filmvorführungen, Themenabende und Ausstellungen geben, außerdem werden wir ein Filmmuseum und eine Videothek einrichten. Zugleich wollen wir Jugendlichen und Nachwuchsfilmemachern eine Plattform geben.“

Harutyun Khachatryan führt mich durch das Gebäude der Vereinigung. In einem kleinen Raum finden schon jetzt fast täglich kostenlose Filmvorführungen und Diskussionen statt. Die Vorbereitungen für die Gründung der Berufsverbände laufen auf Hochtouren. Eines der wichtigsten Projekte ist die Wiederbelebung des größten Kinosaals in Armenien – ein 20 Jahre lang kaum genutzter Raum mit 550 Sitzplätzen. Die Wände holzvertäfelt, die Akustik ist fantastisch, die Atmosphäre betörend. Doch die technische Ausstattung ist längst nicht mehr zeitgemäß.

Fast ist es in dieser Reportage zum Mantra geworden: „Die größte Herausforderung ist es, die finanziellen Mittel für dieses Projekt aufzutreiben.“ Doch Harutyun Khachatryan ist optimistisch: „Es gibt jede Menge gute Projekte und Konzepte. Jetzt müssen wir die entscheidenden Leute von diesen Ideen überzeugen. Aber der Bedarf ist da und alle Beteiligten sind äußerst enthusiastisch.“

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Der Oligarchenlehrling von Michael Stauffer

Der Schweizer Hörspielmacher Michael Stauffer wollte wissen, wie man in Armenien Oligarch wird. Er begab sich in der Schweiz, Österreich und natürlich in Armenien auf Erkundungsreise, sprach mit Ökonomen, Politikern, Kulturschaffenden und Auswanderern. Es entstand ein Hörstück zwischen Feature und Hörspiel. Ich hatte die Ehre, ihn bei seiner Recherche in Armenien zu begleiten und dabei Interviews zu organisieren und zu übersetzen.

Zu hören ist »Der Oligarchenlehrling« hier im Deutschlandfunk Kultur.

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Auf Tour mit dem armenischen Naghash Ensemble

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Im Juli 2016 hatte ich die Ehre, das armenische Naghash Ensemble bei seiner Tour durch Deutschland und Lettland zu begleiten. Ich las Auszüge aus den Gedichten des mittelalterlichen armenischen Dichters und Priester Mkrtich Naghash auf Deutsch und Englisch. Auf Grundlage dieser Texte hat Komponist John Hodian die Songs of Exile, Lieder aus der Verbannung, geschaffen.

→ Hier gibt es Hörproben und Videos des armenischen Naghash Ensembles.

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Jahresrückblick – DAAD Projektarbeit

2015 hatte ich die Ehre, zwei Projekte des DAAD im Südkaukasus und der Türkei begleiten zu dürfen.

Im Juni 2015 war es die Sommerschule »Stadt, Land, Fluss« mit je fünf Teilnehmern aus Georgien, Armenien und Aserbaidschan. Hier ein Rückblick von Eranuhi, einer Teilnehmerin aus Armenien:

In meinem Jahresrückblick spielt eine große und wichtige Rolle der DAAD Hochschulsommerkurs ,,Stadt -Land – Fluss -…

Posted by Eranuhi
Smbatyan
on Wednesday, December 30, 2015

Im August 2015 spürten zehn armenische und zehn türkische Teilnehmer in Ankara, Ordu, Trabzon und Eriwan unter Anleitung von Mira Sophia Fisch, Metin Yildirim und mir den »Geschichten aus der Nachbarschaft« nach. Gefördert wurde das Projekt vom Auswärtigen Amt, unterstützt vom DAAD Armenien, der Bilkent Universität Ankara, der Eriwaner Staatlichen Brjussow Universität für Sprachen und Sozialwissenschaften sowie zahlreichen beratenden Partnern.

Hierzu schreibt Eranuhi:

Im Jahre 2015 habe ich die unfassbar schöne, unbeschreibbar tolle und abenteuerreichste Zeit dank DAAD- Studien- und…

Posted by Eranuhi Smbatyan on Wednesday, December 30, 2015

Wenige Tage zuvor sah ich auf Facebook Bilder aus Istanbul, die mich überraschten – und zutiefst erfreuten. Taron, ein Teilnehmer aus Armenien, der derzeit mit DAAD-Stipendium in Deutschland forscht, hatte seinen Weihnachtsurlaub für einen Besuch in Istanbul genutzt. Sein Foto kommentierte er mit: »Çay bahçesinde. P.S. Der Tee hat nie so gut geschmeckt.«

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Schöner kann das Jahr kaum enden. Danke!

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Baustaub, Bier und Charity

Ein armenisches Rockfestival unter freiem Himmel

Für ein Rockfestival braucht man:

Ein Stück Land.
Eine Bühne.
Besucher.
Bands.
Bier.
Zelte.
Schlafsäcke.
Und Toiletten.

Das Land ist ein Garten mit Bauruine.
Der Garten liegt im armenischen Dorf Getamej, eine halbe Stunde Autofahrt von Jerewan entfernt.
Die Bühne besteht aus einer Wiese und der Ladefläche eines Lkws.
Die Besucher kommen aus Jerewan mit Minibussen, Taxis und Privatautos: die lokale Rockgemeinde, dazu Diaspora-Armenier und Ausländer.
Die Bands sind 15 große und kleine der armenischen Rockszene. Oder Freunde von Freunden. Sie verzichten auf ihre Honorare und sammeln für die Renovierung der Dorfschule.
Das Bier besorgen eine Jerewaner Bar und ein Getamejer Kiosk.
Die Zelte und Schlafsäcke kann man vor Ort ausleihen.
Und die selbstgebauten Toiletten sind auch am zweiten Tag noch sauberer als jedes deutsche Dixiklo.

Über das Festivalgelände läuft ein kleiner zottig staubiger Hund. Bei fast jedem Besucher bleibt er stehen. Die Menschen beugen sich hinab und streicheln. Hier und da fällt ein Stück Brot zu Boden. Neben dem Eingang zum Festivalgelände liegen Stapel von Zelten und Schlafsäcken, die gegen Gebühr ausleiht, wer selbst nichts mitgebracht hat.

Weil das Festival mit armenischer Pünktlichkeit eine Stunde später beginnt als angekündigt, hat die Leadsängerin der ersten Band viel Zeit, die Besucher zu mustern. Sie entdeckt mich, kommt mir entgegen. Wir kennen uns aus den Jerewaner Rockbars. Sie stellt mir die übrige Band vor. Der Schlagzeuger ist eigentlich Zahntechniker, spricht gut Englisch und begleitet mich bei einem Rundgang über das Gelände. Gegenüber der Bühne steht eine Bauruine: ein Betonskelett mit Rostmetall. Davor liegen Rohe, Stangen und Holz. Der Schlagzeuger beharrt darauf, dass hier etwas entsteht. Und ich beharre, es verfällt. Der Abendwind wirbelt Sand und Baustau auf. Eine Jerewaner Bar stapelt derweil Bierflaschen ins Erdgeschoss. Zwanzig Schritte entfernt hat ein Dorfkiosk einen Stand improvisiert und verkauft Dosenbier, Limonade, Wasser, Kuchen, Blätterteigtaschen und Zigaretten. Dabei sind – im Gegensatz zu europäischen Festivals – die Preise keinen Deut höher als anderswo im Dorf. Überhaupt ist dieses Festival kein Luxustreff. Kostet in der Hauptstadt ein gewöhnliches Einbandkonzert bis zu 3.000 AMD (rund 5,35 Euro), bekommt man beim „River Fest“ vom 2. bis 3. August 2013 für 5.000 AMD (rund 8,92 Euro) 15 Bands an zwei Tagen, acht offizielle Konzertstunden, plus Jammsession am Lagerfeuer. Sogar die Anreise ist inbegriffen. Trotzdem erwirtschaftet das Festival einen Erlös von 300.000 AMD (ca. 535 Euro). Damit werden neue Fenster für die Getamejer Schule angeschafft und, so hoffen die Organisatoren, auch Wandfarbe, um die Klassenräume neu zu streichen.

Obwohl das „River Fest“ in dieser Hinsicht ein Event zugunsten des Dorfes ist, besuchen nur wenige Ortsansässige das Festival. Einerseits sind 5.000 AMD viel Geld, wenn man bedenkt, dass das landesweite Durchschnittseinkommen rund 147.000 AMD (ca. 262 Euro) beträgt und in den Dörfern vor allem einkommensschwache Familien leben. Andererseits fristet Rock in Armenien – auch in Jerewan – ein Nischendasein und die Festival-Meute mit ihrer Musik ist den meisten Armeniern suspekt. Einige Dorfbewohner haben sich auf dem Balkon eines Nachbarhauses eingefunden. In sicherer Entfernung stehen Männer, Frauen und Kinder und stellen erstaunt fest, wie friedlich das Festival doch bleibt.

Nachdem der erste Hobbykellerpop verklungen ist, werden die Bühenacts besser. Die Besucher sind entspannt, fröhlich, einige schon angetrunken. Als erste Szenen-Größe spielen Vordan Karmir. Zu ihrem Ethno-Metal rockt das Publikum, springt und headbangt. Eine nachfolgende Band covert internationale Klassiker, später singt die wunderbare Sima Cunningham. Ihr hat die Idee des „River Fests“ so imponiert, dass sie kurzerhand aus Amerika eingeflogen ist. Während man bei ihrer Darbietung mit geschlossenen Augen vor sich hin träumt, zieht der Abschlussact The Bambir das Publikum noch einmal auf die Tanzfläche. Der Ethno-Rock von The Bambir ist gut tanzbar, die Melodien sind bekannt, die meisten Besucher textsicher. Die Jerewaner Rocker, Diaspora-Armenier, Expats und Repats – sie werfen sich ein letztes Mal in die Refrains, grölen, headbangen, springen, tanzen, schleudern umher.

Als der letzte Song verklungen ist, lichtet sich das Gelände. Schnell werden die letzten Biere gekippt, die Dosen gefaltet. Dann strömt der Großteil des Publikums in seine Taxis und Privatautos – und jagt über die Getamejer Schlaglöcher zurück in die Hauptstadt.

Die Verbliebenen sammeln Holz für ein Feuer, formen einen Kreis und jammen gemeinsam durch die Nacht.

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Honig, Beeren und Artistik

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Tawusch, mit seinem alten persischen Namen Schamschadin genannt, liegt im Nordosten Armeniens. Eine wunderschöne, baumbegrünte Region mit Landwirtschaft wie vor fünfzig Jahren, Imkerei und dem gemächlichen Fluss des Ländlichen. Wenn sich die Wolken um die Berggipfel winden und an ihren Schrägen ausfransen, erinnert Schamschadin an die Schweiz – mit dem Unterschied, dass viele Menschen hier sorgfältig ihren Exodus vorbereiten. Gab es in den ländlichen Gebieten Armeniens zu Sowjetzeiten hier und da Fabriken, Bergbau und Industrie, so ist heute nur jener Teil des Bergbaus übrig, der die Flüsse verdreckt und die Täler in einen bläulichen Schimmer taucht. In manchen Teilen der Nachbarregion Lori sind Böden und Wasser inzwischen derart konterminiert, dass die lokale Landwirtschaft mehr Giftschleuder als Nährstoffversorgung ist. Aber weil das Geld fehlt, Güter aus unverseuchten Gegenden zu importieren, gilt: Wer nichts isst, verhungert sofort, wer Gift isst, stirbt später.

Diese Sorgen haben die meisten Menschen in Schamschadin nicht, ihre Nahrungsmittel sind sonnensüß und sauber. Die Menschen leben von Subsistenzwirtschaft und tauschen – kochen, legen ein, produzieren Honig, backen. Trotzdem finden die Schamschadiner Produkte nur selten ihren Weg in andere Regionen Armeniens oder nach Jerewan. Zu lang sind die Wege, zu unorganisiert die Produktion. Jeder arbeitet für sich, eine beachtenswerte Produktionsmenge kommt so nicht zustande. Und zehn Gläser Marmelade nach Jerewan zu schicken, um sie dort auf dem Markt zu verkaufen, lohnt nicht, wenn andere statt dreieinhalb Stunden Fahrt 30 Minuten brauchen – und damit wesentlich geringere Transportkosten aufschlagen.

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Wenn Schamschadin nicht nach Jerewan kommt, kommt eben Jerewan nach Schamschadin. Das dachten sich die Organisatoren vom zweiten Schamschadiner Honey and Berry Festival. Sie stellten Werbefiguren auf, verteilten Flyer, verschickten Einladungen und warben auf Facebook. Wer wollte, konnte für 5000 AMD, rund 9,23 Euro, ein Busticket hin und zurück kaufen, der Eintritt selbst war frei. Sieben Busse füllten sich, dazu kamen unzählige Privatautos. Und weil sie das Festivalgelände kostenlos betreten konnten, kamen auch die Einheimischen. Während die Angereisten ihre Münder und Taschen mit Gebäck, Honig und Früchten füllten, bestaunten die Besucher aus der Region im Gras sitzend die kostenlosen Tanz- und Artistik-Vorführungen.


Man mag über Sinn und Unsinn streiten, sieben Stunden an einem Tag im Auto oder Bus durch die armenische Landschaft zu reisen, um über einen kleinen Festplatz zu schlendern, kunsthandwerklichen Kleinkram, Honig und Marmelade zu kaufen und von einem Restaurant oder Berggipfel aus die umliegenden Täler zu überblicken. Für die Aussteller jedenfalls ist die Bilanz erfreulich: Über 50 Kuchen, 100 Gläser Marmelade, 400 bis 500 Kilo Honig, einige Dutzend Schlüsselanhänger – ohne das Festival hätten sie all dies nicht verkauft.

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Barekendan – Karneval auf armenisch

Samstag, der 9. Februar 2013, Feierabendzeit. Auf dem Vorplatz des Verkehrsknotenpunktes Jeritasardakan tanzen Jugendliche: manche in armenischen Trachten, andere mit selbst gebastelten Masken. Hinter ihnen spielt ein Junge Dhol, ein zweiter Zurna. Ein alter Mann gesellt sich dazu. Zuerst tanzt er allein, dann zur Gruppe hin. Schließlich verschwindet er so rasch, als habe er mit all dem nichts zu tun. Die Jugendlichen aber tanzen weiter. In ihren Gesichtern leuchten rot bemalte Nasen und Pausbacken, schimmern Frohsinn und goldene Faschingspailletten. Syuzanna Siradeghyan, eine junge Ethnografin, verteilt Liedtexte an Passanten und erklärt, was ihre Gruppe dort treibt:

»Wir feiern ›Barekendan‹. Das ist ein altes armenisches Fest, ein bisschen wie Karneval in Deutschland. Man verkleidet sich, tut verrückte Dinge – man bricht aus dem Alltag aus. Aber in den dunklen Jahren haben wir Barekendan verloren und heute wissen viele Leute nicht mehr, was das ist. Das wollen wir ändern.«

Eine junge Frau mit schwarzer Maske und roten Lippen fügt hinzu:

»Unser Ensemble will die alte Tradition wieder auferstehen lassen. Früher hat man zwei Wochen lang gefeiert – es war die Zeit vor dem großen Fasten. Es gab Gelage, fettig und viel, ganze Dörfer feierten gemeinsam. Mädchen und Jungen verkleideten sich und zogen durch die Straßen. Begleitet von Zurna und Dhol sangen und tanzten sie –  und die Anwohner schenkten ihnen Süßigkeiten.

Mit Barekendan vertreibt man das Böse und bittet das Gute zu sich. Und während dieses Festes gibt es keine Unterschiede zwischen den Menschen: kein Arm und Reich, kein Alt und Jung. Nicht einmal König und Volk.«

Vom Vorplatz zieht die Gruppe weiter und durchläuft die Unterführungen der Abovyan-Straße. Die Musiker spielen, die Händler und Passanten schauen und staunen. Gereckte Mobiltelefone produzieren Wackelfilmchen für den nächsten Kaffeeplausch, eine nächste Zigarettenpause. Die schwarz Maskierte kommentiert:

»Wir hoffen, dass die Leute sich an Barekendan erinnern, wenn sie uns sehen. Und wer weiß, vielleicht feiern sie es später wieder selbst.«

An ihren Umzug hängt die Gruppe einen Tanzkurs in einer schummrigen Bar. Zwischen den Liedern, während man Softdrinks oder Kaffee schlürft, erklärt eine knarrende Märchenonkelstimme die Herkunft des Festes. Dann füllt sich die Tanzfläche, das nächste Lied klingt an und die Fotografin macht körnige unscharfe Bilder, bis sie schließlich selber tanzt.

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Armenien – die zweitschlechteste Wirtschaft der Welt

Das Forbes Magazine hat Armenien zur zweitschlechtesten Wirtschaft der Welt gewählt. Mit einem Einbruch der Wirtschaft um 15% im Jahre 2009, einer mittelmäßigen Wachstumsprognose für die nächsten Jahre und der Abhängigkeit von Russland und Iran im Energiesektor habe Armenien Schwierigkeiten, mit dem Rest der Welt mitzuhalten, schreibt Daniel Fisher in seinem Blogeintrag: „The World’s Worst Economies“. Derzeit gebe es in Armenien eine Inflation von 7%, das BIP pro Kopf liegt bei 3.000 USD. Im Nachbarstaat Türkei betrage das GIP pro Kopf das Dreifache. Bei seinem Ranking stützt sich das Forbes Magazine auf Daten des Internationalen Währungsfonds.

Als Gründe für das schlechte Abschneiden Armeniens wurden die Finanzkrise 2009, Missmanagement und Korruption genannt, schreibt ArmeniaNow.com. Das Internetmagazin zitiert den armenischen Ökonom Tatul Manaseryan: „Für gewöhnlich macht das Forbes Magazine fundierte Untersuchungen und auch unsere Forschungen haben ergeben, dass sich die armenische Wirtschaft, gelinde gesagt, nicht gerade in gutem Zustand befindet.“

Viele Armenier ziehen angesichts der schlechten wirtschaftlichen Lage, der steigenden Preise und der hohen Arbeitslosigkeit ins Ausland: Allein in den letzten 2,5 Jahren haben 250.000 Menschen das Land verlassen. Von Januar bis April 2011 betrug die Negativbilanz der Ein- und Ausreisen 47.610 Menschen. Bedrohliche Zahlen, wenn man bedenkt, dass die Gesamtbevölkerung Armeniens derzeit rund 3 Millionen Menschen beträgt. Armenien kann dieser Bewegung derweil wenig entgegensetzen – und wie die Ethnografin Hranush Kharatyan sagt: „Mit Patriotismus allein können die Menschen nicht dazu bewegen zu bleiben.“

Quellen:
http://blogs.forbes.com/danielfisher/2011/07/05/the-worlds-worst-economies/
http://www.armenianow.com/economy/30861/forbes_report_worst_economy_armenia
http://www.armenianow.com/social/30816/migration_armenia_labor_russia

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Emo in Armenien – die Behandlung einer Subkultur

Donnerstag, 2. Dezember 2010. Die Sonne scheint, scheint seit Monaten. Mitte Oktober ist der letzte Regen in Yerevan gefallen.
Eine Gruppe Menschen, von denen viele nicht wissen, wofür sie auf die Straße gehen, zieht am Nachmittag durch die Innenstadt. Ihr Feinbild: Emos. Junge Menschen, die sich der Subkultur Emo angeschlossen haben – und denen man jetzt unterstellt, sie seien eine Gefahr für die Gesellschaft. Schwarze Kleidung kombiniert mit greller Farbe, gern rosa, ein schräger Pony, der ins Gesicht hängt, Buttons, die Füße in Chucks und Vans. Entdecke das Mädchen in dir, titelt der Spiegel in Deutschland sein Portrait von jener Kultur, der gewissermaßen die Kanten fehlt, anhand derer man sie definieren könnte. Gefühlszugewand und offen, so das Selbstbild – auch mal weinen dürfen – Emotional Rock hören und schon ist Mensch Emo. Wer in Deutschland unbedacht den New Yorker leerkauft, entspricht schon der optischen Definition. Etwas, wofür er in Armenien verhaftet werden könnte, denn Emos gefährdeten die Gesellschaft – durch Selbstmord und Perversionen, so die Unterstellung. Während in Deutschland zahlreiche Witze kursieren und der Spott über die Bewegung mehr Bedeutung hat, als sein eigentliches Objekt, nimmt die Polizei in Armenien die Emos äußerst ernst, sie nimmt sie nicht nur ernst sondern auch fest und verhört sie. Menschen, die aussehen wie Emo. Wobei: In direktem Zusammenhang stehe die steigende Rate der Selbstmordversuche unter Minderjährigen (25 statt 23 im Vorjahr) laut der Polizei nicht. Bleibt: Emo – ein Beinaheverbrechen, auch bekannt als: Die Perversion aus dem Ausland.

Quellen: ArmeniaNow, ArmeniaNow

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Freiwilligendienste in Armenien – was bringt das?

Laut offiziellen Angaben leben in Armenien rund 3,2 Millionen Menschen, das Auswärtige Amt schätzt die reale Einwohnerzahl geringer. Sagen wir, 3,2 Millionen waren es einst.
Durchschnittlich verdienen die Menschen, die in der Republik Armenien geblieben sind, rund 230 Euro pro Monat*. Eine Lehrerin in Gyumri erzählte mir 2009, sie verdiene 100 Euro. Davon ernährt sie ihre Mutter, ihr jüngeres Kind, das in Gyumri zur Schule geht, und unterstützt die ältere Tochter, die in Yerevan ihren Journalismus-Master macht.

In Yerevan selbst wechseln die Gegensätze wie Verkehrslichter. In manchen Straßen stehen Autos nebeneinander, von denen jedes einzelne das Vielfache eines gewöhnlichen Menschenlebens wert ist. Keine zehn Minuten entfernt stehen Baracken und Hütten, die man nur als Behausungen erkennt, weil vor ihren Türen Wäscheleinen hängen. Yerevan versucht sich als moderne Stadt zu zeigen, voller Cafés, Pubs und Restaurants. Menschen prosten zuversichtlich dem Abend entgegen. Wenn man abends durch die Innenstadt geht, scheint es, als gebe es eine Mittelschicht, zumindest in der Hauptstadt.

Ein paar junge Leute kellnern und verdienen am Tag so viel, wie ein deutscher Kellner in der Stunde. Ein Freund sucht eine zentrumsnahe Wohnung für 30.000 Dram, rund 60 Euro. Er findet sei Monaten nichts. Die Preise im Zentrum haben längst das ostdeutscher Großstädte erreicht. 200, 300 Dollar für eine Einraumwohnung sind normal. Eine Gruppe deutscher Freiwilliger wohnt zwanzig Minuten vom Zentrum mit der Marschrutka entfernt, sie zahlen zu dritt 500 Dollar für eine Vierraumwohnung. Entweder oder.

Wobei: Wir als Freiwillige haben gut reden. „Klar kann man in Yerevan gut leben“, sagt Martin, ein Freiwilliger aus Deutschland, „wenn man Geld hat.“ Die Freiwilligen aus Deutschland bekommen Unterkunft, Verpflegung, Taschengeld, gefördert vom BMZ (weltwärts) oder dem Auswärtigen Amt (kulturweit). Der gemeine Weltwärts’ler wird mit bis zu 580 Euro pro Monat vom BMZ bezuschusst. Seine Entsendeorgansiation gibt 25 Prozent dazu. Dafür sammelt der Weltwärts’ler monatlich 150 Euro Spenden in Deutschland. Jeden Monat bekommt er dann 100 Euro als Taschengeld, 230 Euro gehen an die Aufnahmeorganisation vor Ort. Nett.

Dabei wird oft kritisiert, dass viele der jungen Menschen, die ins Ausland gehen, kaum Qualifikationen haben, mit denen sie sich im Einsatzprojekt einbringen können. Die Kritik: Egotrip ins Elend. Auf einen Satz gebracht von der Berliner Politikprofessorin Claudia von Braunmühl: „An unqualifizierten Händen fehlt es dort nirgends!“ Etwas anderes sind viele Weltwärts’ler nicht. Bewerbungsbedingung: Abitur oder abgeschlossene Berufsausbildung. Abiturienten überwiegen. Die ijgd hat 2010 keinen einzigen Freiwilligen mit Berufsausbildung nach Osteuropa geschickt.

Trotzdem kann man sinnvolle Arbeit finden. „Wir versuchen, für unsere Freiwilligen Tätigkeiten zu finden, die ihren Fähigkeiten entsprechen. Klar müssen sie arbeiten, ein Freiwilligendienst ist Arbeit. Das sollte allen Beteiligten klar sein“, sagt meine Programmdirektorin. Mein Vorvorgänger war im Bereich Bau und Handwerk beschäftigt und lebte zeitweise in Urtsadzor, einem Dorf nahe des Naturschutzgebietes Khosrov. Meine Vorgängerin unterrichtete Deutsch und Englisch, assistierte bei einer TV-Produktion und tourte während der Sommerferien mit einer fahrenden Ökobiobliothek durch armenische Kleinstädte.

So mancher Freiwilliger ist also doch mehr als drei Stunden am Tag sinnvoll beschäftigt (vorgeschrieben ist eine 40-Stunden-Woche, was an vielen Einsatzstellen allerdings utopisch viel ist). Ich für meinen Teil konzeptioniere Webseiten (www.sunchild.org, www.tv.sunchild.org und edu.sunchild.org) und setze sie technisch um. Ein anderer Weltwärts’ler macht Englisch-Unterricht und bringt Kindern in einem Waisenhaus Gitarre bei. Andere (kulturweit) leiten eine Theaterwerkstatt, eine BA-Studentin unterrichtet Deutsch an der staatlichen Uni. Im Hinterkopf bleibt der Vorwurf der mangelnden Qualifikation für das, was wir tun. Ohne pädagogische Grundbildung Unterricht zu erteilen, mag seine Befürworter haben: Besser als kein Unterricht! Und seine Gegenargumente. Haben Sie schon mal versucht, die Präteritumsformen des Deutschen zu erklären? Oder die Aussprache von „ch“ in Bach oder gleich?

„Wir machen hier alle vieles zum ersten Mal“, tröstet mich meine Chefin manchmal. Meine Organisation: Zum ersten Mal eine Reality-Show mit Jugendlichen in der kaukasischen Natur. Ein Umweltfestival im Südkaukasus alle zwei Jahre seit 2007. Eine Schutzzone nahe eines Naturschutzreservates. In Vorbereitung: Ein College, eine Forschungsstätte, ein neuer Zoo. Wir alle lernen bei Versuch, diese Welt ein wenig mehr ins Gleichgewicht zu bringen. Wir, die armenische Organisation, und wir, die deutschen Freiwilligen.

Ob aus Weltwärts’lern allerdings später Entwicklungshelfer werden oder zumindest Menschen, die sich „insbesondere auch nach ihrer Auslandszeit tatkräftig entwicklungspolitisch engagieren“, wie es sich das BMZ wünscht, wird sich zeigen. Ebenso, ob sich dadurch für das Einsatzland etwas Bemerkenswertes ergeben kann. Der Satz: „wir machen etwas zum ersten Mal“, kann bedeuten, dass die Aktion Pionierarbeit ist. Oder von mangelnder Vorbereitung bedingt. Was am Ende eben doch einen Unterschied macht.

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