Kategorien-Archiv: Bericht

Honig, Beeren und Artistik

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Tawusch, mit seinem alten persischen Namen Schamschadin genannt, liegt im Nordosten Armeniens. Eine wunderschöne, baumbegrünte Region mit Landwirtschaft wie vor fünfzig Jahren, Imkerei und dem gemächlichen Fluss des Ländlichen. Wenn sich die Wolken um die Berggipfel winden und an ihren Schrägen ausfransen, erinnert Schamschadin an die Schweiz – mit dem Unterschied, dass viele Menschen hier sorgfältig ihren Exodus vorbereiten. Gab es in den ländlichen Gebieten Armeniens zu Sowjetzeiten hier und da Fabriken, Bergbau und Industrie, so ist heute nur jener Teil des Bergbaus übrig, der die Flüsse verdreckt und die Täler in einen bläulichen Schimmer taucht. In manchen Teilen der Nachbarregion Lori sind Böden und Wasser inzwischen derart konterminiert, dass die lokale Landwirtschaft mehr Giftschleuder als Nährstoffversorgung ist. Aber weil das Geld fehlt, Güter aus unverseuchten Gegenden zu importieren, gilt: Wer nichts isst, verhungert sofort, wer Gift isst, stirbt später.

Diese Sorgen haben die meisten Menschen in Schamschadin nicht, ihre Nahrungsmittel sind sonnensüß und sauber. Die Menschen leben von Subsistenzwirtschaft und tauschen – kochen, legen ein, produzieren Honig, backen. Trotzdem finden die Schamschadiner Produkte nur selten ihren Weg in andere Regionen Armeniens oder nach Jerewan. Zu lang sind die Wege, zu unorganisiert die Produktion. Jeder arbeitet für sich, eine beachtenswerte Produktionsmenge kommt so nicht zustande. Und zehn Gläser Marmelade nach Jerewan zu schicken, um sie dort auf dem Markt zu verkaufen, lohnt nicht, wenn andere statt dreieinhalb Stunden Fahrt 30 Minuten brauchen – und damit wesentlich geringere Transportkosten aufschlagen.

Wiebke-Zollmann-Honey-Berry

Wenn Schamschadin nicht nach Jerewan kommt, kommt eben Jerewan nach Schamschadin. Das dachten sich die Organisatoren vom zweiten Schamschadiner Honey and Berry Festival. Sie stellten Werbefiguren auf, verteilten Flyer, verschickten Einladungen und warben auf Facebook. Wer wollte, konnte für 5000 AMD, rund 9,23 Euro, ein Busticket hin und zurück kaufen, der Eintritt selbst war frei. Sieben Busse füllten sich, dazu kamen unzählige Privatautos. Und weil sie das Festivalgelände kostenlos betreten konnten, kamen auch die Einheimischen. Während die Angereisten ihre Münder und Taschen mit Gebäck, Honig und Früchten füllten, bestaunten die Besucher aus der Region im Gras sitzend die kostenlosen Tanz- und Artistik-Vorführungen.


Man mag über Sinn und Unsinn streiten, sieben Stunden an einem Tag im Auto oder Bus durch die armenische Landschaft zu reisen, um über einen kleinen Festplatz zu schlendern, kunsthandwerklichen Kleinkram, Honig und Marmelade zu kaufen und von einem Restaurant oder Berggipfel aus die umliegenden Täler zu überblicken. Für die Aussteller jedenfalls ist die Bilanz erfreulich: Über 50 Kuchen, 100 Gläser Marmelade, 400 bis 500 Kilo Honig, einige Dutzend Schlüsselanhänger – ohne das Festival hätten sie all dies nicht verkauft.

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Barekendan – Karneval auf armenisch

Samstag, der 9. Februar 2013, Feierabendzeit. Auf dem Vorplatz des Verkehrsknotenpunktes Jeritasardakan tanzen Jugendliche: manche in armenischen Trachten, andere mit selbst gebastelten Masken. Hinter ihnen spielt ein Junge Dhol, ein zweiter Zurna. Ein alter Mann gesellt sich dazu. Zuerst tanzt er allein, dann zur Gruppe hin. Schließlich verschwindet er so rasch, als habe er mit all dem nichts zu tun. Die Jugendlichen aber tanzen weiter. In ihren Gesichtern leuchten rot bemalte Nasen und Pausbacken, schimmern Frohsinn und goldene Faschingspailletten. Syuzanna Siradeghyan, eine junge Ethnografin, verteilt Liedtexte an Passanten und erklärt, was ihre Gruppe dort treibt:

»Wir feiern ›Barekendan‹. Das ist ein altes armenisches Fest, ein bisschen wie Karneval in Deutschland. Man verkleidet sich, tut verrückte Dinge – man bricht aus dem Alltag aus. Aber in den dunklen Jahren haben wir Barekendan verloren und heute wissen viele Leute nicht mehr, was das ist. Das wollen wir ändern.«

Eine junge Frau mit schwarzer Maske und roten Lippen fügt hinzu:

»Unser Ensemble will die alte Tradition wieder auferstehen lassen. Früher hat man zwei Wochen lang gefeiert – es war die Zeit vor dem großen Fasten. Es gab Gelage, fettig und viel, ganze Dörfer feierten gemeinsam. Mädchen und Jungen verkleideten sich und zogen durch die Straßen. Begleitet von Zurna und Dhol sangen und tanzten sie –  und die Anwohner schenkten ihnen Süßigkeiten.

Mit Barekendan vertreibt man das Böse und bittet das Gute zu sich. Und während dieses Festes gibt es keine Unterschiede zwischen den Menschen: kein Arm und Reich, kein Alt und Jung. Nicht einmal König und Volk.«

Vom Vorplatz zieht die Gruppe weiter und durchläuft die Unterführungen der Abovyan-Straße. Die Musiker spielen, die Händler und Passanten schauen und staunen. Gereckte Mobiltelefone produzieren Wackelfilmchen für den nächsten Kaffeeplausch, eine nächste Zigarettenpause. Die schwarz Maskierte kommentiert:

»Wir hoffen, dass die Leute sich an Barekendan erinnern, wenn sie uns sehen. Und wer weiß, vielleicht feiern sie es später wieder selbst.«

An ihren Umzug hängt die Gruppe einen Tanzkurs in einer schummrigen Bar. Zwischen den Liedern, während man Softdrinks oder Kaffee schlürft, erklärt eine knarrende Märchenonkelstimme die Herkunft des Festes. Dann füllt sich die Tanzfläche, das nächste Lied klingt an und die Fotografin macht körnige unscharfe Bilder, bis sie schließlich selber tanzt.

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Armenien – die zweitschlechteste Wirtschaft der Welt

Das Forbes Magazine hat Armenien zur zweitschlechtesten Wirtschaft der Welt gewählt. Mit einem Einbruch der Wirtschaft um 15% im Jahre 2009, einer mittelmäßigen Wachstumsprognose für die nächsten Jahre und der Abhängigkeit von Russland und Iran im Energiesektor habe Armenien Schwierigkeiten, mit dem Rest der Welt mitzuhalten, schreibt Daniel Fisher in seinem Blogeintrag: „The World’s Worst Economies“. Derzeit gebe es in Armenien eine Inflation von 7%, das BIP pro Kopf liegt bei 3.000 USD. Im Nachbarstaat Türkei betrage das GIP pro Kopf das Dreifache. Bei seinem Ranking stützt sich das Forbes Magazine auf Daten des Internationalen Währungsfonds.

Als Gründe für das schlechte Abschneiden Armeniens wurden die Finanzkrise 2009, Missmanagement und Korruption genannt, schreibt ArmeniaNow.com. Das Internetmagazin zitiert den armenischen Ökonom Tatul Manaseryan: „Für gewöhnlich macht das Forbes Magazine fundierte Untersuchungen und auch unsere Forschungen haben ergeben, dass sich die armenische Wirtschaft, gelinde gesagt, nicht gerade in gutem Zustand befindet.“

Viele Armenier ziehen angesichts der schlechten wirtschaftlichen Lage, der steigenden Preise und der hohen Arbeitslosigkeit ins Ausland: Allein in den letzten 2,5 Jahren haben 250.000 Menschen das Land verlassen. Von Januar bis April 2011 betrug die Negativbilanz der Ein- und Ausreisen 47.610 Menschen. Bedrohliche Zahlen, wenn man bedenkt, dass die Gesamtbevölkerung Armeniens derzeit rund 3 Millionen Menschen beträgt. Armenien kann dieser Bewegung derweil wenig entgegensetzen – und wie die Ethnografin Hranush Kharatyan sagt: „Mit Patriotismus allein können die Menschen nicht dazu bewegen zu bleiben.“

Quellen:
http://blogs.forbes.com/danielfisher/2011/07/05/the-worlds-worst-economies/
http://www.armenianow.com/economy/30861/forbes_report_worst_economy_armenia
http://www.armenianow.com/social/30816/migration_armenia_labor_russia

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Emo in Armenien – die Behandlung einer Subkultur

Donnerstag, 2. Dezember 2010. Die Sonne scheint, scheint seit Monaten. Mitte Oktober ist der letzte Regen in Yerevan gefallen.
Eine Gruppe Menschen, von denen viele nicht wissen, wofür sie auf die Straße gehen, zieht am Nachmittag durch die Innenstadt. Ihr Feinbild: Emos. Junge Menschen, die sich der Subkultur Emo angeschlossen haben – und denen man jetzt unterstellt, sie seien eine Gefahr für die Gesellschaft. Schwarze Kleidung kombiniert mit greller Farbe, gern rosa, ein schräger Pony, der ins Gesicht hängt, Buttons, die Füße in Chucks und Vans. Entdecke das Mädchen in dir, titelt der Spiegel in Deutschland sein Portrait von jener Kultur, der gewissermaßen die Kanten fehlt, anhand derer man sie definieren könnte. Gefühlszugewand und offen, so das Selbstbild – auch mal weinen dürfen – Emotional Rock hören und schon ist Mensch Emo. Wer in Deutschland unbedacht den New Yorker leerkauft, entspricht schon der optischen Definition. Etwas, wofür er in Armenien verhaftet werden könnte, denn Emos gefährdeten die Gesellschaft – durch Selbstmord und Perversionen, so die Unterstellung. Während in Deutschland zahlreiche Witze kursieren und der Spott über die Bewegung mehr Bedeutung hat, als sein eigentliches Objekt, nimmt die Polizei in Armenien die Emos äußerst ernst, sie nimmt sie nicht nur ernst sondern auch fest und verhört sie. Menschen, die aussehen wie Emo. Wobei: In direktem Zusammenhang stehe die steigende Rate der Selbstmordversuche unter Minderjährigen (25 statt 23 im Vorjahr) laut der Polizei nicht. Bleibt: Emo – ein Beinaheverbrechen, auch bekannt als: Die Perversion aus dem Ausland.

Quellen: ArmeniaNow, ArmeniaNow

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Freiwilligendienste in Armenien – was bringt das?

Laut offiziellen Angaben leben in Armenien rund 3,2 Millionen Menschen, das Auswärtige Amt schätzt die reale Einwohnerzahl geringer. Sagen wir, 3,2 Millionen waren es einst.
Durchschnittlich verdienen die Menschen, die in der Republik Armenien geblieben sind, rund 230 Euro pro Monat*. Eine Lehrerin in Gyumri erzählte mir 2009, sie verdiene 100 Euro. Davon ernährt sie ihre Mutter, ihr jüngeres Kind, das in Gyumri zur Schule geht, und unterstützt die ältere Tochter, die in Yerevan ihren Journalismus-Master macht.

In Yerevan selbst wechseln die Gegensätze wie Verkehrslichter. In manchen Straßen stehen Autos nebeneinander, von denen jedes einzelne das Vielfache eines gewöhnlichen Menschenlebens wert ist. Keine zehn Minuten entfernt stehen Baracken und Hütten, die man nur als Behausungen erkennt, weil vor ihren Türen Wäscheleinen hängen. Yerevan versucht sich als moderne Stadt zu zeigen, voller Cafés, Pubs und Restaurants. Menschen prosten zuversichtlich dem Abend entgegen. Wenn man abends durch die Innenstadt geht, scheint es, als gebe es eine Mittelschicht, zumindest in der Hauptstadt.

Ein paar junge Leute kellnern und verdienen am Tag so viel, wie ein deutscher Kellner in der Stunde. Ein Freund sucht eine zentrumsnahe Wohnung für 30.000 Dram, rund 60 Euro. Er findet sei Monaten nichts. Die Preise im Zentrum haben längst das ostdeutscher Großstädte erreicht. 200, 300 Dollar für eine Einraumwohnung sind normal. Eine Gruppe deutscher Freiwilliger wohnt zwanzig Minuten vom Zentrum mit der Marschrutka entfernt, sie zahlen zu dritt 500 Dollar für eine Vierraumwohnung. Entweder oder.

Wobei: Wir als Freiwillige haben gut reden. „Klar kann man in Yerevan gut leben“, sagt Martin, ein Freiwilliger aus Deutschland, „wenn man Geld hat.“ Die Freiwilligen aus Deutschland bekommen Unterkunft, Verpflegung, Taschengeld, gefördert vom BMZ (weltwärts) oder dem Auswärtigen Amt (kulturweit). Der gemeine Weltwärts’ler wird mit bis zu 580 Euro pro Monat vom BMZ bezuschusst. Seine Entsendeorgansiation gibt 25 Prozent dazu. Dafür sammelt der Weltwärts’ler monatlich 150 Euro Spenden in Deutschland. Jeden Monat bekommt er dann 100 Euro als Taschengeld, 230 Euro gehen an die Aufnahmeorganisation vor Ort. Nett.

Dabei wird oft kritisiert, dass viele der jungen Menschen, die ins Ausland gehen, kaum Qualifikationen haben, mit denen sie sich im Einsatzprojekt einbringen können. Die Kritik: Egotrip ins Elend. Auf einen Satz gebracht von der Berliner Politikprofessorin Claudia von Braunmühl: „An unqualifizierten Händen fehlt es dort nirgends!“ Etwas anderes sind viele Weltwärts’ler nicht. Bewerbungsbedingung: Abitur oder abgeschlossene Berufsausbildung. Abiturienten überwiegen. Die ijgd hat 2010 keinen einzigen Freiwilligen mit Berufsausbildung nach Osteuropa geschickt.

Trotzdem kann man sinnvolle Arbeit finden. „Wir versuchen, für unsere Freiwilligen Tätigkeiten zu finden, die ihren Fähigkeiten entsprechen. Klar müssen sie arbeiten, ein Freiwilligendienst ist Arbeit. Das sollte allen Beteiligten klar sein“, sagt meine Programmdirektorin. Mein Vorvorgänger war im Bereich Bau und Handwerk beschäftigt und lebte zeitweise in Urtsadzor, einem Dorf nahe des Naturschutzgebietes Khosrov. Meine Vorgängerin unterrichtete Deutsch und Englisch, assistierte bei einer TV-Produktion und tourte während der Sommerferien mit einer fahrenden Ökobiobliothek durch armenische Kleinstädte.

So mancher Freiwilliger ist also doch mehr als drei Stunden am Tag sinnvoll beschäftigt (vorgeschrieben ist eine 40-Stunden-Woche, was an vielen Einsatzstellen allerdings utopisch viel ist). Ich für meinen Teil konzeptioniere Webseiten (www.sunchild.org, www.tv.sunchild.org und edu.sunchild.org) und setze sie technisch um. Ein anderer Weltwärts’ler macht Englisch-Unterricht und bringt Kindern in einem Waisenhaus Gitarre bei. Andere (kulturweit) leiten eine Theaterwerkstatt, eine BA-Studentin unterrichtet Deutsch an der staatlichen Uni. Im Hinterkopf bleibt der Vorwurf der mangelnden Qualifikation für das, was wir tun. Ohne pädagogische Grundbildung Unterricht zu erteilen, mag seine Befürworter haben: Besser als kein Unterricht! Und seine Gegenargumente. Haben Sie schon mal versucht, die Präteritumsformen des Deutschen zu erklären? Oder die Aussprache von „ch“ in Bach oder gleich?

„Wir machen hier alle vieles zum ersten Mal“, tröstet mich meine Chefin manchmal. Meine Organisation: Zum ersten Mal eine Reality-Show mit Jugendlichen in der kaukasischen Natur. Ein Umweltfestival im Südkaukasus alle zwei Jahre seit 2007. Eine Schutzzone nahe eines Naturschutzreservates. In Vorbereitung: Ein College, eine Forschungsstätte, ein neuer Zoo. Wir alle lernen bei Versuch, diese Welt ein wenig mehr ins Gleichgewicht zu bringen. Wir, die armenische Organisation, und wir, die deutschen Freiwilligen.

Ob aus Weltwärts’lern allerdings später Entwicklungshelfer werden oder zumindest Menschen, die sich „insbesondere auch nach ihrer Auslandszeit tatkräftig entwicklungspolitisch engagieren“, wie es sich das BMZ wünscht, wird sich zeigen. Ebenso, ob sich dadurch für das Einsatzland etwas Bemerkenswertes ergeben kann. Der Satz: „wir machen etwas zum ersten Mal“, kann bedeuten, dass die Aktion Pionierarbeit ist. Oder von mangelnder Vorbereitung bedingt. Was am Ende eben doch einen Unterschied macht.

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Yerevan, Mitte Oktober 2010

Der Herbst drängt sich in die Stadt, statt in bunte Herbstlichkeit scheinen die Bäume sich ins Grau der Häuser zu fügen. Als der Oktober zehn Tage alt war, hatten sie bereits die Farbe der ausgewaschenen Polizeiuniformen angenommen. Am Mittag fiel Regen, am Nachmittag spiegelte sich die Sonne im Wasser jener Pfützen, die sie noch nicht aus der Stadt getupft hatte.

Anfang des Monats hatte jemand ein Theaterfestival organisiert, eine Woche lang armenisches, georgisches, ukrainisches, russisches, rumänisches und iranisches Theater nach Yerevan geholt. Jeden Abend fanden parallel in der Innenstadt verteilt die Aufführungen statt. Ich sah eine Besucherin, eine kleine Frau mit kurzem, schwarz gefärbtem Haar, dessen weißen Ansatz sie nicht zu scheren schien, bei jeder Veranstaltung. Sie rauchte, während sie wartete, dass man ihr Zutritt zu den Sälen gewährte. Wir warteten viel. Yerevan: Nichts beginnt zur angekündigten Zeit. Ich sah den Monolog einer Rumänierin über Mutterschaft, modernes Theater: „Entschuldigen Sie meine Ausdrucksweise, das ist modernes Theater, also zeitgenössische Texte, Sie verstehen schon, es tut mir leid!“ und eine georgische Müllkippenbegegnung: Zwei Menschen auf einer Müllhalde, die Aufgabe der Dinge als Befreiung – ohne Aussicht, stattdessen endend im Tode.
Eine tschechische Komödie ließ die Dinge, die Menschen und Geschichten ständig ineinander übergehen, sich drehen, wachsen und verschwinden. Guten Appetit. Dankeschön! Wie fröhlich das Publikum nach drei Worten Armenisch applaudierte.
„The interpreter of the Apocalypse“, ein voll Kraft strotzender Monolog auf Russisch erzählte die Bibel nach, in einer ungewöhnlichen Sprache und voller Energie, ein einziger Mann auf der Bühne war der Höhepunkt des Festivals. In einem Raum, wo die Menschen auf dem Boden saßen, auf den Aufgängen standen und gebannt wurden, von dem Drama des Theaterstudios ASB aus Russland. Der Text schien aus dem Mann herauszubrechen, zu strömen ohne Unterlass, zuweilen schwall Musik an, Melodisches, während der Text weiter floss, untergehen zu schien, bevor er sich doch behauptete. Nach der Vorstellung fragte ich einen jungen Armenier, ob er für mich den Text nacherzählen könne. Unmöglich, sagte er, aber strahlende Kunst!
Die letzte Vorstellung, die ich einen Tag später sah, war eine Inszenierung, die nicht wusste, in welcher Zeit sie sich verortet, ob der deutsche Rammsteintext zu den Bildern passt, die gegen die Wand geworfen werden. Zwei Stunden lang freute ich mich auf den Mord, das Ende. Vor dem Gericht lief ein Igel über die Leinwand, eine alte Kindersendung. Sie war fehl am Platz. Wie beinahe alles in der Vorstellung, so verloren wie Woyzek.

Einige Tage später bin ich eingeladen zu einem Konzert von Dyko, einem Australier, der Deutschlernelektropop macht. Das Konzept sei gut, sagt eine Frau von der Botschaft, mehr konnten wir beide der Veranstaltung nicht abgewinnen. Auf der mickrigen Bühne hampelte ein Mann in rotem Ganzkörperkondom und sang von Vorstädten. Ich dachte an einen Freund, der fragte, ob es in einigen Jahren noch ein Armenien geben werde – oder nur den Stadtstaat Yerevan. Eine von drei Millionen Einwohnern leben derzeit in der Stadt. Manch einer witzelt, wo nichts witzig ist, dass der Rest in Russland sei. Oder anderswo. Die Anzahl der Diasporaarmenier übersteigt die der Inlandsarmenier um ein Vielfaches: den drei Millionen Menschen, die in der Republik Armenien leben, stehen rund 8 Millionen Diasporaarmenier gegenüber.

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Highfest – ein internationales Theaterfestival in Yerevan

Beim Meeting am Nachmittag übersetzt mein Kollege, bis der Chef sagt, er wolle für mich übersetzen. Die nächste Stunde Meeting ist Armenisch. Durchbrochen mit der Frage: Verstehst du etwas? Meinem begeisterten Ja! Seinen zwei deutschen Sätzen. Und wieder Armenisch.

Mein Kollege fragt flüsternd, ob ich etwas verstünde. Ja! Also verschwendest du gerade nicht deine Zeit?

Nach der Arbeit will ich ins Theater, eine amerkanische Produktion sehen, es ist gerade Theaterfestival in der Stadt. Ich bin spät dran, finde das Theater nicht und gebe auf. Dann eben Puppentheater, da weiß ich wenigstens den Ort. Minuten zuvor hatte ich mein Programm verschenkt. Statt um sieben findet die nächste Veranstaltung, Birthday, eine tschechische Komödie, um acht statt. Ich gehe in mein Stammcafé. Es ist grau, die Prachtstraße touristenleer, niemand flaniert, eine jede Bewegung, die stattfindet, ist nötig. Sonst nichts.

Ich will mich nach draußen setzen. Die Straße beobachten. Zwischen den leeren Stühlen und Tischen und mir befinden sich zwei armenische Männer. Einer lümmelt so in seinem Stuhl, dass der den gesamten Weg versperrt. Kurz stehe ich vor ihm. Kareli e? Er entschuldigt sich, über mich ergeht ein Redefluss, dem ich entnehme, dass es ihm leid tue. Er macht dem Weg frei, der Redefluss schwappt hinter mir her. Ein Kellner kommt, ich bestelle Cappuccino, warm, wie immer. Er bringt mir stattdessen einen Schokoladenteigtaler, gefüllt mit flüssiger warmer Schokolade und bedeckt mit gezuckerter Kondenzmilch und einer Kugel Vanilleeis. Von den Jungs vor der Tür, sagt er. Ich bedanke mich – bei ihm, und laut genug auch bei den Jungs vor der Tür.
Barev Hayastan. Mein Cappuccino kommt später.

Birthday, Tschechien.

Der kleine Saal des Puppentheaters war zu klein, einige Menschen setzten sich auf die Böden neben den Reihen.
Drei Frauen und ein Mann spielten wortlos eine Geburtstagsfeier, eingeleitet vom Gemurmel eines Kellners, das, unverkennbar und gleichsam an der Grenze zum Abwegigen Happy Birthday ausdrückte. Er, in Schwarz mit übergroßer Krawatte und einem unter dem Hemd hervorragenden Tuch, sah, im Vergleich zu den Damen, gemäßigt verrückt aus. Sie trugen bunte Hosen, ein Bein um das andere gewickelt, für zwanzig Zentimeter Stoff, Blumen, Karo, Punkte, Papier unter den Hüten, unter dem BHs, die sie über die Kleidung trugen. Die eine stopfte auf der Bühne noch Papier in den Hut, die andere in den Büstenhalter. Eine dritte kam hinzu. Sie aßen am Tisch, wurden bedroht von Fingerpuppen, ein Kampf wird zu einem Lied, was einleitet, leitet auch aus, aber nicht, ohne dass sich die Welt, die dabei erschaffen wird, nicht völlig ändert.

Absurd, das Leben, die Dinge, denen ein Sinn gegeben wird, die Bedeutungen und Beziehungen, die wechseln und die Welten, die schon fast pantomimisch, wenn auch durch allerlei Klang unterstützt, ineinander übergingen, zerfielen und auferstanden. Zwei Löffel, die sich langsam annähern. Klack, da treffen sie zusammen, Klackklackklack, sie verschwinden, tauchen wieder auf, dazu ein kleiner Löffel: Welt!

Höhepunkt: Ein Brot, als Geschenk gedacht, wird zum Kind der Beschenkten. Es schreit, man versucht es zu beruhigen, stopft ihm den Mund – den Riss in der Mitte – füttert und tränkt es, doch es stirbt. Eine der Gastgeberinnen hört, ob sie einen Herzschlag erkennen kann, nichts, wieder? Nichts! So wird es zerrissen, gefressen, geteilt, im Kreise gereicht. Irgendwann sitzen alle vier im Kreis, die drei Frauen und der Kellner. Bari akhodjak. Das Licht geht aus, die Leute klatschen. Bari akhdodjsak, guten Appetit, wiederholt, aus den Mündern der Spielenden, das Publikum ist sichtlich erfreut. Draußen regnet es noch immer junge Hunde. Das hörte man auch während des Stückes im Theatersaal, aber nur ganz am Anfang. Dann riss das bizarre Spiel alle Aufmerksamkeit an sich.

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weltwärts

Sie verfliegt. Die Yerevaner Zeit seit Mitte August, seit ich offiziell weltwärts unterwegs bin: 40-Stunden-Wochen Webentwicklung, freiwillig für Brot und Bett. Entwicklungspolitischer Freiwilligendienst, fast.

Dazu der Versuch, eine Sprache zu lernen, deren Vokabeln nur die waghalsigsten Eselsbrücken gestatten und meine Erinnerung zuweilen abstürzen lassen. Wenn sie nicht gebannt bei den Farbnamen verharrt: Rosenfarben, milch- und kaffeefarben. Zusammengesetzt aus der Umgebung, vielleicht am meisten aus der Farbe der Asche und des Staubs, denn:

Überall Staub, an manchen Abenden so dicht wie Nebel. Einen Moment lang, dann klart die Sicht auf und die Tische der Straßencafés sind überzogen mit den rauen Spuren des Staubs. Überhaupt der Dreck! Baustellen, Leerstellen, Leerstände. Eine Prachtstraße hochgezogen aus dem Größenwahn eines Architekten, damit eine Hand voll Männer ihre Gelder darin waschen können. Zögerlich siedeln ein paar Geschäfte, Cafés, Schuhe, Schmuck und Telekommunikation. 1 Dram pro Minute, 0,02 Euro. Nichts haben, aber reden.

Reisen:

Für vierundzwanzig Euro zwei Stunden Taxifahren, in die Pampa, ins Naturschutzgebiet, ein paar Brocken Sprache aus meinem Steinbruch, dazu ein paar Brocken, die aus dem faulenden Mund des Taxifahrers fallen. Er freut sich, als ich ihn bitte anzuhalten, damit ich einkaufen kann:

Honigmelonen, ein paar Kilo für zwei Euro als Gastgeschenk, wenn eine Stunde später in einem weißen Lada Niva vier Menschen sitzen (Lada Niva: null Komfort aber die seltsame Kraft eines russischen Nutzgerätes) und durch die Natur fahren, um zu sehen, dass sich die Tiere verstecken, dass es Zecken gibt und Weite. Täler und Berge im Khosrov, einem Naturschutzgebiet südostlich der Hauptstadt. Im Sommer wohnen dort zwei Familien. Mit dem Quellwasser aus den Bergen, mit Gemüsegärten, billigem Kaffeepulver und Gaskochern. Mit Hühnern und Kühen und Wellblech-Holzhütten, durch deren Löcher der Nachtwind bläst. Wir essen selbstgemachten Jogurt und Käse, die mitgebrachten Melonen. Das Großmütterchen sagt: im lav achschik, mein gutes Mädchen. Das Großmütterchen geht gebückt in ihre Hütte, wo ein kleiner Wolfshund neben ihrem Bett liegt. Die Ohren sind abgeschnitten, aber der Schwanz kringelt sich noch. Hütehunde, da darf der Wolf keine Angriffsfläche haben. Wir fahren weiter, sehen halbe Wildpferde und eine halbe Stunde später schlägt der Lada auf, die weiße Fahrertür gegen den Boden des Weges. Manuk, der Fahrer, gibt Gas. Der Lada fährt. Zwei Reifen auf dem Boden, zwei am Hang. Drei Menschen umfassen die Angstgriffe an ihren Türen. Chndir chga, sagt Manuk, kein Problem.

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