Jeder Georgier hat einen armenischen Freund

Von Anna, Mariam G., Mariam M. & Taron

Bei Anbruch des Tages, als die Strahlen der Sonne kaum die Erde berühren und die Luft noch frisch ist, machen sich vier Menschen aus Armenien auf den Weg zum Haus einer Armenierin, die Armenien nie betreten hat.

Die Stimmung bei Taron, den beiden Mariams und Anna – den vier Reportern aus Armenien – ist voller Freude und positiver Erwartungen. Sie sind gespannt, wie das Gespräch mit Dschanna verlaufen wird. Sie nehmen die U-Bahn, um bis zur Haltestel „300 Aragweli“ zu fahren, wo Dschanna, di ein Georgien geborene Armenierin, mit ihren Großeltern wohnt. Die Straße an der Station ist voller Verkehr. Die Autos fahren hier schnell und die Geräusche der Motoren machen ein Gespräch unter den Armeniern unmöglich. Hinter der Kurve gelangen sie zum Haus von Dschanna.

Sie kommt heraus und begrüßt die Reporter mit einem breiten Lächeln: „Hallo, kommt herein, bitte!“ Sie setzen sich an den Tisch, der in einer Ecke an der Wand im Hof steht. Dschanna bringt noch Stühle, alle machen es sich bequem. Dschanna bietet Kaffee an. Die Reporter möchten gern die georgische Limonade probieren. Die Umgebung für das Interview ist ruhig. Am Anfang kommen die leichten Fragen: Dschanna Tsaturyan ist in Tbilissi, Georgien geboren und aufgewachsen. Sie ist heute 23 Jahre alt und studiert Wirtschaftswissenschaften an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt an der Oder. Ihre Vorfahren einschließlich ihrer Eltern sind auch hier geboren. Dschanna besuchte früher eine georgischeSchule, aber nur bis zur 10. Klasse. Sie hat dann in Deutschland Abitur gemacht. Seit sieben Jahren lebt sie mit ihrer Familie dort. Sie sind damals umgezogen, weil ihre Mutter aus Deutschland kommt. Seitdem kehrt Dschanna jedes Jahr für einige Wochen zurück.

„Ich mag Georgien und habe viele Lieblingsorte, zum Beispiel Mtatsminda. Jeden Sommer verbringe ich in Georgien meinen Urlaub, treffe meine Freunde“. Sie schweigt eine Weile, starrt nach oben und sagt dann: „Ohne Tiflis kann ich nicht. Aber in Georgien gibt es keine große Chance, sich weiterzuentwickeln. Keine großen Perspektiven. Sogar, wenn man gut qualifiziert und klug genug ist, findet man kaum einen Arbeitsplatz. Das gelingt meist nur denjenigen, die gute Kontakte in bestimmten Bereichen haben. Was die Minderheiten betrifft: Denkt ihr, wenn jemand die Landessprache nicht kennt, kann er eine gute Karriere machen? Ich denke, kaum.“

Für Dschanna war die Landessprache nie ein Problem – durchaus aber das Armenische: „Als ich klein war, fragte mich mein Vater, ob ich Armenisch lesen und schreiben lernen wollte. Eine Frau aus Armenien könnte mich unterrichten. Zu dieser Zeit hatte ich einfach keine Lust. Warum soll ich Armenisch lernen, wenn ich mich ganz gut auf Georgisch verständigen kann?“ Erst als Dschanna in Deutschlandeinen armenischen Freundeskreis fand, begann sie, Armenisch zu lernen. „In der Schule habe ich armenische Freunde, aber die können ganz gut Georgisch, deshalb habe ich mit ihnen Georgisch oder Russisch gesprochen. Aber ich habe immer gewusst, dass ich armenische Wurzeln habe. Ich bin stolz, Armenierin zu sein. Wir haben eine reiche Geschichte und Kultur, die ich von Generation zu Generation vermitteln will.“ Was genau bedeutet das? „Ich kenne weder armenische noch georgische Lieder und Tänze,“ – sie lacht –„aber ich kenne die armenische Küche sehr gut: Ich mag Dolma, Harissa und andere Speisen. Ich gehe zur armenisch-apostolischen Kirche ‚Der Heilige Gevorg ‘ und folge sowohl armenischen als auch georgischen Ritualen, Sitten, Traditionen und Bräuchen. So ist es seit meiner Kindheit – und ich fragte nie, warum. Ich wusste einfach, dass ich es so machen soll .“

Sie beherrscht fünf Sprachen und hat im Vergleich zu den anderen Minderheiten-Vertretern keine Schwierigkeiten mit der Kommunikation. Sie erzählt: „Zum Beispiel wurde ein Mädchen aus Russland wegen der schlechten Sprachkenntnisse von den anderen ausgelacht. Wenn sie nicht korrekt sprach oder sich nicht gut verständigen konnte, machten sich die anderen über sie lustig. Ich weiß, dass es nicht schön ist, aber ich denke, dass sie daran selbst schuld ist.  Ich kann das nicht verstehen: Wie kann man in einem Land leben und dessen Sprache nicht beherrschen? Ich bin der Meinung, dass viele nur wenig motiviert sind, Georgisch zu lernen, weil sie in einem armenischen Umfeld wohnen. In unserem Viertel leben viele armenische Familien, die können Georgisch nicht perfekt. Mit denen spreche ich entweder Armenisch oder Russisch.“ Auf dem Weg zu Dschannas Haus haben die Reporter in der Tat Armenier getroffen: Ein kurzer armenischer Wortwechsel und einer der Männer hatte ihnen seine Hilfe dabei angeboten, Dschannas Haus zu finden.

In Georgien leben neben Armeniern auch Aserbaidschaner und Türken. Dschanna hat eher Kontakte zu den Armeniern und Georgiern. Dies bringt die Frage nach dem „Warum“ auf.  „Das ist nicht selbstverständlich, oder ? Es gibt genügend Gründe dafür. Eine Geschichte aus meiner eigenen Erfahrung: In Deutschland organisierte meine enge Freundin eine Neujahrsparty, ein Aserbaidschaner und ich waren auch eingeladen. Wir haben uns kennengelernt, ein bisschen gesprochen und dann in die Geschichte vertieft. Unsere Standpunkte und Stellungnahmen in einigen Fragen und Aspekten waren unterschiedlich. Das hätte zu einem Streit führenkönnen, wenn wir nicht rechtzeitig aufgehört hätten. Um das zuvermeiden, ging er weg. Würde ich bemerken, dass Türken und Aserbaidschaner zu einem Dialog bereit sind, würde ich mit ihnen reden.“

Dschanna deutet an, dass es ihr leichter fällt, mit Georgiern in Kontakt zutreten, als zum Beispiel mit Türken und Aserbaidschanern. Sie sagt: „Wir sehen einige Fragen ähnlich, historisch haben wir auch nicht so starke politische Konflikte mit den Georgiern gehabt. Aber es gibt natürlich Unterschiede. Die Denkweisen von Armeniern und Georgiern unterscheiden sich voneinander. Die Georgier sind freier und denken moderner als die Armenier. Einmal waren wir mit Freunden zusammen bei einer Feier. Ein Mädchen, das auch eine in Georgien geborene Armenierin ist, kam zu der Party. Sie sollte um 22.00 Uhr zuhause zu sein, weil ihr Vater das so verlangte. Nun sind wir beide Armenierinnen, aber wir wurden unterschiedlich erzogen. Mein Vater war nicht so tyrannisch. Wenn ich die Armenier charakterisieren sollte, müsste ich außerdem gestehen, dass wir ein bisschen geizig sind. Es gibt Leute, die steinreich sind, sie können das teuerste Auto oder Haus besitzen, aber sie gehen in das billigste Café oderRestaurant. Ich weiß nicht, vielleicht sparen sie damit ihr Geld, um es später gezielt auszugeben.“ Sie lacht.

In einem Land, in welchem viele Minderheiten leben, kann es zu Konflikten zwischen den Einheimischen und den Vertretern der Minderheiten kommen. Sie erklärt: „Die Georgier sind im Großen und Ganzen tolerant zu den Minderheiten. Aber es gibt auch einzelne Fälle, die das Gegenteil beweisen. Ein Ereignis: Eine georgische Frau steigt in ein Taxi ein, aber da im Taxi auch Armenier sind, steigt sie mit der Erklärung aus: ‚Ich will nicht mit denMinderheiten mitfahren.‘ Trotzdem kann ich sicher sagen, dass jeder Georgier in der Regel mindestens einen armenischen Freund hat – soviele Armenier gibt es in Georgien.“

Das waren unsere Fragen und die Antworten darauf. Nachdem alle aufgestanden sind und zusammen einige Fotos gemacht haben, blickt Taron Dschanna an und fragt: „Würden Sie einen armenischen Mann heiraten?“ Dschanna lächelt, senkt den Blick und antwortet: „Es spielt keine Rolle, aus welchem Land er kommt, aber er soll unbedingt ein Christ sein.“



Wie viele?
/ 9. August 2014

bruitistischer Weltuntergang
/ 14. April 2014

Vorzeichen 1: Heuschrecke: zirp, zirp, zirp, zirp, zirp, zirp, zirp
Vorzeichen 2: Schafe: mäh, mäh, mäh, mäh, mäh, mäh, mäh, mäh
Blitz: Zlicht
Donner donnert: Donner, Donner.
Blitz: Zlicht
Donner donnert: Donner, Donner.
Blitz: Zlicht
Donner donnert: Donner, Donner.
Blitz: Zlicht
Donner donnert: Donner, Donner.
Blitz: Zlicht
Donner donnert: Donner, Donner.
Blitz: Zlicht
Donner donnert: Donner, Donner.
Blitz: Zlicht
Donner donnert: Donner, Donner.
Die apokalyptischen Reiter galoppieren mit ihren Pferden über die Erde. Klackergeräusch für Hufe. Dort, wo sie sind, reißt die Erde auf.
Erde reißt auf: Reißgeräusch von Papier.
Das Schaf wird immer leiser und hört auf.

Ein Engelschor singt schlecht.
Diskutierende Götter beklagen sich über den Engelschor: Seufzen. Tze, tze, tze. Aischamamama. Immer lauteres Reden.
Der Engelschor klingt so schlecht, dass alles einstürzt, alle Häuser.
Singen.
Zusammensturzgeräusch. Hände auf Tischen. Krachkrach. Bumm.
Alle Götter werden erschlagen.
Stille.
Überall liegen erschlagene Götter. Das hungrige kannibalistische Einhorn läuft durch die Stille und fragt sich, ob es die Götter fressen kann. Murmelt vor sich hin. Hände als Hufgeräusche.
Plötzlich ein Feuer. zschzschzschzsch.
Das Einhorn schnappt den Gott und schleift ihm zum Feuer. Dann grilliert es ihn.
Das zornige Lamm tritt auf. Es hält einen Monolog. 3 Minuten Mäh.
Das Einhorn wiehert noch. Das zornige Lamm erschlägt das Einhorn.
Dann ist das Lamm das postapokalyptisch herrschende Wesen.



remembrance / erinnerung
/ 21. Dezember 2013

we’re sharing the same picture having taken the same perspective only changed a preference in order to distinguish ourselves your world is bluer than mine white tends to become blue from afar we’re exchanging the remembrance of the same day in a conference hall propperly climatized with 15 degrees less than outside

wir teilen das gleiche bild haben dieselbe perspektive nur eine einstellung verändert um uns voneinander zu unterscheiden deine welt ist blauer als meine weiß bläut in der ferne wir tauschen die erinnerung an denselben tag ein gut klimatisierten saal 15 grad kälter als draußen

 



du machst das alles sehr gut, taron, ich finde, du machst das alles wirklich ganz ausgezeichnet. aber schau, taron, das ist jetzt nicht schön. nicht? ja, siehst du. ich sags nochmal: du machst alles richtig. du leistest wunderbare arbeit, du triffst die richtigen entscheidungen. aber

das hier ist nicht schön!

es wäre gut, wenn du einen weg findest, dass das alles hier abgebaut wird. das wäre eine sehr gute entscheidung. schau, taron, in drei jahren wird das alles nicht schön aussehen. und wir haben doch gesagt, dass wir eine schöne stadt wollen.

taron, meinst du, du findest einen weg?

gut. gut, taron.

dann möchte ich jetzt den polizisten danken.



schlitten, unverschlossen
/ 21. Dezember 2013

die menschen sind einflügelige
mit (sehr) geraden achsen
mit rändern wie reißverschlüssen
(kaputt sind ihre schlitten:
sie schließen nicht)
die menschen sind einflügelige
sie fliegen nicht.

[ikarusübung im herbst ’12]



öpnv
/ 21. Dezember 2013

ein mann anfang dreißig, groß und mit bierbauchansatz, der stolz über den gürtel drängt, kramt in seiner laptoptasche; darin befinden sich statt eines computers eine große colaflasche, einige papiere und ein mobiltelefon, das er vom hektischen piepsen erlöst:

„ja, rené? … ja, wir treffen uns um neun … ich brauche nur weihrauch und weihwasser, dann geht das alles in ordnung.“



zwei sprachen, eins

du betrittst den raum mit einer doppelsprache, zwei kleider übereinander. die untere, die fremdsprache, kennst du besser als ich jene meiner mutter, ich schwöre und bei gelegenheit leihe ich deine wörter aus.
trotzdem trägt die untere den akzent deiner herkunft. so niedlich! deshalb hast du ihr einen anderen übergestülpt, ein graues grobmaschiges cape. du ziehst die wörter länger, hast ihre betonung verändert und für ein paar laute ersatz gesucht: eine französin mit hamburger dialekt und kölschem isch.

***

zwei sprachen, zwei

wir reden über drei ebenen von sprache.

wir reden von der muttersprache, der untersten, der natürlichsten. deine muttersprache hat ihren tonfall, dein wort trägt ihn mit leichtigkeit.

über der muttersprache liegt die sprache, die du für mich sprichst.

du hast zwei davon:
du hast eine zweite sprache, unangestrengt, mit ihrem akzent, wie ihn die muttersprache formt.
und du hast eine dritte sprache, eine unbequemere, übergestreift: sie ist für draußen, fürs ausgehen.

als ich deine dritte hörte, glaubte ich, sie sei die erste.
ich dachte, so also spräche man in deiner heimat, und ich begeisterte mich.

dann fiel deine dritte sprache ab. mitten in einem witz, du sahst schlecht aus, die augen rotfasrig durchzogen. die zweite sprache brach durch.

ich nahm den wechsel als geschenk:
für mich brauchst du die äußere sprache nicht.

***

die deines landes

ich wollte in deine sprache ziehen.

sie war das erste,
was ich von deinem land hörte.

ich dachte, so spräche man bei dir.

die laute, die betonungen verschoben.

ich dachte: so.

wenn man in kirchen die hände öffnet,
um den segen zu empfangen,

warum nicht für deine sprache.

ich hielt sie in der hohlen hand, so leicht.
so leicht war deine sprache.

ich schloss die hand, hob sie
zum mund, schluckte die worte.

ich erbrach mich.

ich sprach nicht, wartete, dann
der erste satz:

ich sprach dich.

ich war angekommen.

ich hatte deine sprache gewonnen.

es war nicht die des landes.
sagte man dann.

aber es warst du.

***

worthaut

deine worte wohnen / zogen hinein / in meine stirn, unter den augenbrauen / in den lidern / an ihren enden / sie brechen / (als wimpern) aus der haut / härrchen, die / wenn sie fallen / einen wunsch tragen / dich.

***

die sprache douce; wie muttermilch.

***

weltenempfänger

der weltenempfänger in der küche des freundes: noch spricht er das französisch einer frau vor meiner zeit.

***

sprachkompass

ich habe die marotte angenommen mich nach dir auszurichten kompassartig ich ändere meine richtung egal woher ich drehe mich auf der welt ostwärts westwärts ich strebe auf einen mittelpunkt zu deine sprache wenn ich sie erreiche wird sich die richtung auflösen ich werde auf dem boden liegen gen himmel starren in dein wort schauen in deinem wort gewogen mich selbst in den schlaf singend; ich höre wie du lachst das geliebte tiefe lachen sommerkalt winterwarm: abends gehe ich in die fremde und setze mich
in richtung deines worts



ich träume
/ 28. April 2013

ich träume von der zugänglichkeit der texte. ich träume davon, mir texte zu kaufen und sie dann mit beliebigen werkzeugen zu bearbeiten: ich möchte sie kommentieren, markieren, sie untereinander verlinken. ich möchte original und übersetzung nebeneinander stellen, ich möchte wörterbücher in meinem reader haben, teile vergleichen, bestaunen und teilen können. ich möchte meine sammlung öffnen und fragen stellen, ich möchte jene anderer besehen. jeder kann entscheiden, ob und welche teile seiner textgefüge er sichtbar macht. es wird dann schlüsselfiguren geben, menschen, deren textunversen bekannt werden und die als kuratoren bestimmte themen erschließen. ich träume, guten tag.



»Die Schritte von Jaquemort und Angel knirschten über den Kies im Hof.« (Boris Vian: Der Herzausreißer, S.32)

Spannend ist, dass sowohl das Bild funktioniert (wir hören den Klang) – als auch die Plattitüde umgangen ist, dass der Kies unter den Füßen knirscht.



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