Kategorien-Archiv: Journal

Fundstücke. Notizen. Pläne. Fetzchen.

remembrance / erinnerung

we’re sharing the same picture having taken the same perspective only changed a preference in order to distinguish ourselves your world is bluer than mine white tends to become blue from afar we’re exchanging the remembrance of the same day in a conference hall propperly climatized with 15 degrees less than outside

wir teilen das gleiche bild haben dieselbe perspektive nur eine einstellung verändert um uns voneinander zu unterscheiden deine welt ist blauer als meine weiß bläut in der ferne wir tauschen die erinnerung an denselben tag ein gut klimatisierten saal 15 grad kälter als draußen

 

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taron, du machst das alles sehr gut

du machst das alles sehr gut, taron, ich finde, du machst das alles wirklich ganz ausgezeichnet. aber schau, taron, das ist jetzt nicht schön. nicht? ja, siehst du. ich sags nochmal: du machst alles richtig. du leistest wunderbare arbeit, du triffst die richtigen entscheidungen. aber

das hier ist nicht schön!

es wäre gut, wenn du einen weg findest, dass das alles hier abgebaut wird. das wäre eine sehr gute entscheidung. schau, taron, in drei jahren wird das alles nicht schön aussehen. und wir haben doch gesagt, dass wir eine schöne stadt wollen.

taron, meinst du, du findest einen weg?

gut. gut, taron.

dann möchte ich jetzt den polizisten danken.

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im zug

er sagte, ich solle zuschließen. er sagte es auf einer sprache, die ich nicht verstand, aber er drehte dabei die hand, als verschließe er etwas, und er zeigte auf eine kleine kette, die neben der obersten liege hing, ich war allein im abteil.

er brachte bettzeug, das ich neben mich legte. als er eine stunde später sah, dass ich noch immer neben dem bettzeug lag, scheuchte er mich auf und bezog die liege. er war klein, rundlich, ein großvater.

ich schlief knopfschmerzlastig. ein pochen zwischen den augenbrauen. vor dem fenster kaufland.

ich las kapuscinski: die welt im notizbuch. wir hielten in sichtweite eines bahnhofs. ein bahnhof ist ein ort, wo ein zug hält und menschen zu- und aussteigen. könnten. zwei grenzer stiegen zur passkontrolle in den zug. der schaffner stand am fenster und warf brotstücke hinaus. das brot fiel auf hohes gras, das so trocken war, dass es unter dem brot aufrecht blieb. ein hund lag daneben und rührte sich nicht.

der schaffner stieg aus und füllte mit trinkbrunnenwasser einen kanister. neben ihm tollten zwei hunde. der brothund hatte, da der schaffner nicht mehr hinschah, ein brotstück geschnappt und kaute daran. er blieb liegen, als der zug sich in bewegung setzte. von nun an waren alle ortsnamen kyrillisch, ich lokaler analphabet. der großvater fragte, ob ich zigaretten wolle, er hatte bleistiftdünne. oder tee. komm, komm, der einladene arm, und stopp, die schließende hand.

[sommer 12]

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susan sontag: über fotografie

»Fotografien sammeln heißt die Welt sammeln. Filme und Fernsehprogramme flimmern vor uns auf und verlöschen wieder; durch das Standfoto aber ist das Bild auch zum Objekt geworden, leichtgewichtig, billig zu produzieren,  mühelos herumzutragen, zu sammeln, in großen Mengen zu stapeln.«

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öpnv

ein mann anfang dreißig, groß und mit bierbauchansatz, der stolz über den gürtel drängt, kramt in seiner laptoptasche; darin befinden sich statt eines computers eine große colaflasche, einige papiere und ein mobiltelefon, das er vom hektischen piepsen erlöst:

„ja, rené? … ja, wir treffen uns um neun … ich brauche nur weihrauch und weihwasser, dann geht das alles in ordnung.“

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Lesetipp: »Istanbul Notizen« von Mely Kiyak

»Istanbul Notizen« erschien im November 2013 als erstes eBook beim Digitalbuchverlag Shelff. Die Autorin Mely Kiyak war im Sommer 2013 zu Gast in der Künstlerakademie in Instanbul. Eigentlich wollte sie nur Ruhe zum Beobachten und Schreiben. Aber sie landete in einer Türkei, der genau in diesem Moment der Geduldsfaden riss. Also lauschte Kiyak, was die Leute sagten, fragte nach und schrieb mit. Ihre Beobachtungen, Begegnungen und Kommentare formen 120 lose beschriebene Seiten. Kiyaks Notate gleichen auf den ersten Blick mehr einem mündlichen Bericht als einer Journalisten- oder Literatensprache. Was allerdings vollkommen kontrastiert wird von der Schönheit ihrer Sprachbilder. Auf fast jeder Seite möchte man Sätze anstreichen, weil sie wahr sind, schön oder gleich beides. So erklären die Stammbesucher des Gezi Parks: »Mein Kind, wir wollen, dass es grün bleibt. Schau dich um. Wir sehen vor lauter Beton den Himmel nicht mehr.« Einandermal überrascht die scheinbare Beiläufigkeit in Kiyaks Beschreibung: »Wie ich meine Hand in die Seitentasche dieses Pullovers stecken wollte, war da schon eine drin. Das muss man sich einmal vorstellen. Man denkt sich nichts böses und trifft auf eine behaarte Männerhand die einen gemütlich nach Münzen oder anderen Wertgegenständen abtastet.« Egal ob Straßendiebe, Demonstranten, Sicherheitsmänner oder Reisebüroleiter, am Ende bilanziert Kiyak: »Man trifft auf Menschen, die so aufregend sind, so anders, so anders fein, und anders lustig, und alle Begegnungen lassen die Herzkranzgefäße tanzen« – die Leserherzkränze tanzen mit.

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Schizophrenie, die guten Stimmen

Kürzlich bei einem Vortrag über Schizophrenie.
Die Frage aus dem Publikum:

»Warum macht das Dopamin eigentlich, dass man Stimmen hört, die einem schlechte Sachen sagen und einem befehlen, man solle sich umbringen?«
»Das ist nicht bei allen so. Es gibt auch Leute, die gute Stimmen hören.«
»Werden die auch behandelt?«
»Ja. Das hat ja nichts mit der Realität zu tun.«

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Baustaub, Bier und Charity

Ein armenisches Rockfestival unter freiem Himmel

Für ein Rockfestival braucht man:

Ein Stück Land.
Eine Bühne.
Besucher.
Bands.
Bier.
Zelte.
Schlafsäcke.
Und Toiletten.

Das Land ist ein Garten mit Bauruine.
Der Garten liegt im armenischen Dorf Getamej, eine halbe Stunde Autofahrt von Jerewan entfernt.
Die Bühne besteht aus einer Wiese und der Ladefläche eines Lkws.
Die Besucher kommen aus Jerewan mit Minibussen, Taxis und Privatautos: die lokale Rockgemeinde, dazu Diaspora-Armenier und Ausländer.
Die Bands sind 15 große und kleine der armenischen Rockszene. Oder Freunde von Freunden. Sie verzichten auf ihre Honorare und sammeln für die Renovierung der Dorfschule.
Das Bier besorgen eine Jerewaner Bar und ein Getamejer Kiosk.
Die Zelte und Schlafsäcke kann man vor Ort ausleihen.
Und die selbstgebauten Toiletten sind auch am zweiten Tag noch sauberer als jedes deutsche Dixiklo.

Über das Festivalgelände läuft ein kleiner zottig staubiger Hund. Bei fast jedem Besucher bleibt er stehen. Die Menschen beugen sich hinab und streicheln. Hier und da fällt ein Stück Brot zu Boden. Neben dem Eingang zum Festivalgelände liegen Stapel von Zelten und Schlafsäcken, die gegen Gebühr ausleiht, wer selbst nichts mitgebracht hat.

Weil das Festival mit armenischer Pünktlichkeit eine Stunde später beginnt als angekündigt, hat die Leadsängerin der ersten Band viel Zeit, die Besucher zu mustern. Sie entdeckt mich, kommt mir entgegen. Wir kennen uns aus den Jerewaner Rockbars. Sie stellt mir die übrige Band vor. Der Schlagzeuger ist eigentlich Zahntechniker, spricht gut Englisch und begleitet mich bei einem Rundgang über das Gelände. Gegenüber der Bühne steht eine Bauruine: ein Betonskelett mit Rostmetall. Davor liegen Rohe, Stangen und Holz. Der Schlagzeuger beharrt darauf, dass hier etwas entsteht. Und ich beharre, es verfällt. Der Abendwind wirbelt Sand und Baustau auf. Eine Jerewaner Bar stapelt derweil Bierflaschen ins Erdgeschoss. Zwanzig Schritte entfernt hat ein Dorfkiosk einen Stand improvisiert und verkauft Dosenbier, Limonade, Wasser, Kuchen, Blätterteigtaschen und Zigaretten. Dabei sind – im Gegensatz zu europäischen Festivals – die Preise keinen Deut höher als anderswo im Dorf. Überhaupt ist dieses Festival kein Luxustreff. Kostet in der Hauptstadt ein gewöhnliches Einbandkonzert bis zu 3.000 AMD (rund 5,35 Euro), bekommt man beim „River Fest“ vom 2. bis 3. August 2013 für 5.000 AMD (rund 8,92 Euro) 15 Bands an zwei Tagen, acht offizielle Konzertstunden, plus Jammsession am Lagerfeuer. Sogar die Anreise ist inbegriffen. Trotzdem erwirtschaftet das Festival einen Erlös von 300.000 AMD (ca. 535 Euro). Damit werden neue Fenster für die Getamejer Schule angeschafft und, so hoffen die Organisatoren, auch Wandfarbe, um die Klassenräume neu zu streichen.

Obwohl das „River Fest“ in dieser Hinsicht ein Event zugunsten des Dorfes ist, besuchen nur wenige Ortsansässige das Festival. Einerseits sind 5.000 AMD viel Geld, wenn man bedenkt, dass das landesweite Durchschnittseinkommen rund 147.000 AMD (ca. 262 Euro) beträgt und in den Dörfern vor allem einkommensschwache Familien leben. Andererseits fristet Rock in Armenien – auch in Jerewan – ein Nischendasein und die Festival-Meute mit ihrer Musik ist den meisten Armeniern suspekt. Einige Dorfbewohner haben sich auf dem Balkon eines Nachbarhauses eingefunden. In sicherer Entfernung stehen Männer, Frauen und Kinder und stellen erstaunt fest, wie friedlich das Festival doch bleibt.

Nachdem der erste Hobbykellerpop verklungen ist, werden die Bühenacts besser. Die Besucher sind entspannt, fröhlich, einige schon angetrunken. Als erste Szenen-Größe spielen Vordan Karmir. Zu ihrem Ethno-Metal rockt das Publikum, springt und headbangt. Eine nachfolgende Band covert internationale Klassiker, später singt die wunderbare Sima Cunningham. Ihr hat die Idee des „River Fests“ so imponiert, dass sie kurzerhand aus Amerika eingeflogen ist. Während man bei ihrer Darbietung mit geschlossenen Augen vor sich hin träumt, zieht der Abschlussact The Bambir das Publikum noch einmal auf die Tanzfläche. Der Ethno-Rock von The Bambir ist gut tanzbar, die Melodien sind bekannt, die meisten Besucher textsicher. Die Jerewaner Rocker, Diaspora-Armenier, Expats und Repats – sie werfen sich ein letztes Mal in die Refrains, grölen, headbangen, springen, tanzen, schleudern umher.

Als der letzte Song verklungen ist, lichtet sich das Gelände. Schnell werden die letzten Biere gekippt, die Dosen gefaltet. Dann strömt der Großteil des Publikums in seine Taxis und Privatautos – und jagt über die Getamejer Schlaglöcher zurück in die Hauptstadt.

Die Verbliebenen sammeln Holz für ein Feuer, formen einen Kreis und jammen gemeinsam durch die Nacht.

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Arnon Grünberg und Ilija Trojanow im Gespräch bei „Zürich liest“

Trojanow schätzt an Grünbergs Reportagen die Genauigkeit, Neugier, Offenheit und den empathischen Blick.

Trojanow: Ich glaube schon, dass die die Leute manchmal erstaunt sind, was man alles sehen kann. Verblüfft über den Blick des Anderen.
Eine Holländerin, deren Urlaub in Griechenland Grünberg begleitet hat, stellte dort in einem Supermarkt fest, dass Dosenmais in Griechenland teurer war als in Holland. Eine Begebenheit, die sie nicht über sich geschrieben wissen wollte, die Grünberg aber trotzdem veröffentlicht hat.
Trojanow: Aber sie zweifelt nicht daran, dass sie das gesagt hat.
Grünberg: Nein, aber daran, dass es geschrieben werden musste.

Grünberg: Nestbeschmutzer ist auch ein Kompliment.
Trojanow: Bei dir sieht man, welchen Erfahrungswert diese extreme Recherche [des eigenen Ausprobierens] bringt. An Schmerzgrenzen zu gehen und die Dinge selbst zu tun: Du warst Zimmerjunge und Masseur. Das stärkt Empathie.
Grünberg: Man überwindet die eigene Schwäche.
Trojanow: Was fasziniert dich am Ausnahmezustand?
Grünberg: Wir sind die Ausnahme, deshalb wollen so viele Menschen nach Europa. Ich versuche, das Andere zu verstehen. Nach einer gewissen Zeit ist mir klar geworden: Das Leben des Schriftstellers bestehend aus Lesungen und Kongressen wäre mir zu eng.
Trojanow: Durch die Flucht meiner Familie aus Bulgarien bin ich von klein auf mit Unruhe gesegnet. Alles änderte sich alle paar Jahre. Wenn man sich dieser Veränderung häufig aussetzt, mag man sie später nicht mehr missen.
Grünberg: Kannst du dir vorstellen, jetzt nochmal gänzlich umzuziehen?
Trojanow: Nein, im Moment nicht. Meine Bibliothek in Wien ist zu schön.

Grünberg: Kann man das Trainieren für die olympischen Spiele – du hast gesagt, du bereitest dich in allen Disziplinen auf den nächsten Wettbewerb vor – mit deinen Bulgarien-Reportagen vergleichen?
Trojanow: Bulgarien ist für mich eine offene Wunde. Solche Länder scheinen zu schreien: Beschreib mich! Während unsere Länder eher sagen, was willst du, die Supermarktregale sind gefüllt, lass mich in Ruhe.
Worüber schreibt man in Zeiten der Informationsüberflutung? Heute ist es eine große Qualität, das zu erzählen, was sonst kaum erzählt wird.
Grünberg: Wenn man wirklich gut hinschaut, ist fast alles interessant. Neugier ist wichtig. Die Distanz in meinem Schreiben liegt darin, dass ich wieder weggehe [also nicht im Moment des Dabeiseins, sondern in der Möglich- und Wirklichkeit, dieses Dabeisein zu beenden].
Trojanow: Ich gehe anstelle des Lesers an einen Ort und mache an seiner statt dort Erfahrungen. Wichtig ist dann zu zeigen, dass mich das berührt hat. Dann erst findet eine Transformation von mir auf den Leser statt.

Sie sprechen über „Wo Orpheus begraben liegt“, Trojanows kürzlich erschienenen Reportagenband mit Bildern von Christian Muhrbeck.

Trojanow: Das Buch ist ein Zwitter. Ich arbeite mit genauer Recherche und später mit literarischen Mitteln. Ich habe auch die Freiheit, etwas zu erfinden. Ich schreibe eine Geschichte, die auf den Geschichten und Persönlichkeiten vieler verschiedener Menschen fußt. Die Texte, die so entstehen, haben modellhaften Charakter.
Grünberg: Im Falle Bulgariens wirst du oft als ‚Nestbeschmutzer‘ bezeichnet.
T: ‚Nestbeschmutzer‘, sagen die Privilegierten in den Städten. Die Leute, die ich beschreibe, wollen, dass man ihre Geschichten erzählt. Sie sagen: ‚Ich nehme dich in die Pflicht. Ich erzähle dir etwas und du musst was daraus machen.‘
Es gibt oft große Hoffnungen, die Welt oder Europa werden sich ihrer annehmen, sobald die Geschichten erst einmal sichtbar gemacht werden. Das ist schwierig.
Grünberg: Was sagst du den Leuten?
Trojanow: Das hängt davon ab, wie gut wir uns kennen.

Jeder Schriftsteller hat seine eigene Karaffe.

Grünberg liest eine Reportage über amerikanische Männer auf Brautschau in der Ukraine aus seinem Buch  „Couchsurfen und andere Schlachten“. Als er am Pult steht, wirft das über ihm thronende Bühnenlicht Schatten seiner Locken auf den Sakkokragen.

Am Anfang von Grünbergs Text lacht das Publikum. Pointen hageln mit Einschlägen im Zehnsekundentakt. Aber je länger es liest, desto seltener wird das Lachen. Bald bleibt fast gänzlich aus. Stattdessen steckt es in den Hälsen der Menschen fest, beinahe erstickt es sie. Die Gesichtszüge der Besucher sind inzwischen ernst bis entglitten – auf einen Schlag ist klar, dass all das Absurde, von dem Grünberg erzählt, bittere Wirklichkeit ist.

Trojanow: Die Sätze, die du zitierst, kann man sich so nicht ausdenken.
Eine meiner schlimmsten Recherchen zwang mich drei Wochen auf ein Kreuzfahrtschiff. Was die Leute da sagen – angesichts schlafender Hafenarbeiter auf den Quais: Mensch, die haben es nicht weit zur Arbeit! – ich dachte, ich kann gar nicht so viel Fantasie haben, wie ich bräuchte, um mir so etwas auszudenken.

Grünberg: Wichtig für meine Arbeit ist, dass ich wirklich Teil dessen werde, was ich beschreibe. Es funktioniert nicht, zu denken: Ich bin hier, aber ich bin außen vor.
Ich habe das Glück, dass ich schnell denke: Ich bin einer von ihnen oder ich könnte es sein.

Trojanow: Entscheidend ist, dass du ehrlich bist, wenn du einen Menschen sehr nah, sehr genau portraitierst. Dass du offenlegst, was du machst. Eine andere Frage ist: Wann kommt man eigentlich an? Am Anfang steht immer eine uralte Inszenierung. Erst nach einigen Tagen nehmen dich die Menschen zwar noch als Fremdkörper wahr, aber sie richten ihr Handeln und Reden nicht mehr nach dir aus.

Trojanow: Das unangenehme Gefühl als Reporter, wenn jemand anruft und sagt: Hey, wir leben, mach dir keine Sorgen, es geht uns gut, – und du feststellst, dass es dich zwar freut, das zu hören, aber es dir kein unmittelbares Anliegen war, es zu erfahren. Das schmerzt, dabei fühle ich mich schlecht.

Grünberg: „In diesem Land können nur die Ungeborenen glücklich sein“ – ist das ein Satz, den du so gehört hast?
Trojanow: Das ist die Quintessenz unzähliger Sätze.
Ich glaube überhaupt nicht, dass du einen Hoffnungsschimmer erzählen musst, wo du als Autor keine siehst. Aber egal, wen du beschreibst, du musst ihm seine Würde lassen.

Sie sprechen über Trojanows aktuelles Romanprojekt.

Viele Autoren neigen dazu, das Böse zu überzeichnen. Es ist extrem schwer, aus der Sicht einer Figur mit mittelmäßiger Bosheit und Intelligenz zu erzählen. Die Figur muss sich und ihr Handeln rechtfertigen können, sie muss ihre eigene Lebenslüge glauben.
Problem 1: Die Figur muss glaubhaft sein.
Problem 2: Ich muss jeden Tag mit dieser Figur verbringen.
Grünberg: Gibt es etwas, das du an ihr magst?
Trojanow: Ihre Sprache imponiert mir. Manchmal würde ich gern so sprechen können. Sehr direkt, bodenständig und manchmal sehr bildhaft.
Grünberg: Du arbeitest schon lange an diesem Text. Hat die Figur dich verändert?
Trojanow: Sie nicht, aber ihr guter Gegenspieler. Jedes Buch, das wir schreiben, verändert uns. Aber nicht jede Figur.

Nachdem beide Autoren jeweils einen zweiten Text gelesen haben, flüstert Trojanow Grünberg etwas ins Ohr – und die letzten Worte, die die Besucher der Veranstaltung vernehmen, sind der Dank an Rainer Kersten, den Übersetzer von Grünbergs Buch.

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