Aydan, Julietta & Nazlı

Eigentlich würde ich gern bleiben

Eine georgische Armenierin muss nach den Ferien zurück nach Deutschland, eine Türkin verlässt die Stadt für immer. Eine Reportage über Minderheiten in Georgien

Hüsniye wohnt seit zehn Jahren in Tbilissi. Sie ist eigentlich sehr stolz darauf und wünscht sich eine Zukunft nur in Tbilissi. Trotzdem wird sie in einer Woche zurück nach Istanbul gehen: „Meine Schwiegermutter ist in Istanbul. Hier in Tbilissi kann ich ein freieres Leben genießen.“

Dschanna lebt seit sechs Jahren in Deutschland. Tbilissi ist von ihrer Heimatstadt zu einem Ferienort geworden, aber sie sagt: „Ohne Tbilissi kann ich nicht. Ich bin Armenierin, ich bin stolz auf unsere Kultur, aber ich bin in Tbilissi geboren und aufgewachsen, ich brauche die Stadt.“ Als Tochter armenischer Eltern konnte sie als Kind kein Armenisch, sie hat in der Schule Georgisch gelernt und kommunizierte mit anderen auf Georgisch. Sie ist der Meinung: „Eigentlich ging es mir sehr gut, weil ich von Georgiern als Muttersprachlerin bezeichnet worden bin. Ich hatte viele georgische Freunde, bei denen ich mich wie ein Fisch im Wasser fühle.“

Dschanna hat allerdings kein Verständnis für Armenier, die in Georgien leben, aber keine Lust haben, Georgisch zu lernen: „Ich kann nicht verstehen, wie man in Georgien leben und kein Georgisch lernen kann. Generell, wenn man in einem anderen Land lebt, muss man sowohl Kultur, Sitten und Bräuche als auch die Sprache akzeptieren und lernen.“

Hüsniye sieht das ganz anders. Sie spricht immer noch Türkisch und fühlt sich wohl. „Hier in Tbilissi gibt es viele Türken und selbstverständlich habe ich auch viele türkische Freunde, mit denen ich mit großem Vergnügen meine Freizeit verbringe. Deswegen brauche ich kein Georgisch zu lernen. Ich habe hier keine Probleme mit der Sprache, denn ich habe immer meine türkischen Freunde, von denen die meisten Georgisch sprechen und mir gerne helfen.“

Noch ein anderer Hintergrund, warum Hüsniye gerne in Tbilissi leben möchte, sind die Finanzen. Ihr Mann lebt seit langem in Georgien und verdient genug Geld, ihre Familie hat ein gutes Auskommen. Sie erzählt: „Zuerst arbeitete mein Mann in der Schule, aber da er nicht gut verdiente, hat er die Arbeit verlassen. Dann hat er ein eigenes Kleidungsgeschäft eröffnet und jetzt verkauft er Kleidung, die er aus Istanbul exportiert.“ Doch nun will Hüsniyes Mann zurück nach Istanbul und dort Geschäfte machen.

Auch Dschannas Zukunft liegt nicht in Tbilissi: „Als Student kann ich meine Zukunft nicht in Tbilissi sehen, obwohl ich die Stadt sehr mag. Ohne Verwandte oder Bekanntschaften kann ich hier keine gut bezahlte Arbeit als Ökonomin finden. In Deutschland dagegen habe ich viele Möglichkeiten und außerdem lebt meine Familie dort. Die beste Lösung für mich wird sein, in Deutschland zu arbeiten, aber unbedingt mindestens drei- oder viermal im Jahr nach Georgien zu meinen Großeltern und meinen Freunden zu fahren.“



Von Ketevan, Parvin, Sahiba, Zumrud

Was heißt „Linsen“ auf Georgisch

Parvin steht im Supermarkt, er vermisst die aserbaidschanische Küche. Seit Monaten hat er seine Lieblingsspeise nicht gegessen: Linsen. Er läuft zur Lebensmittelabteilung, sucht und sucht, bringt alles durcheinander, aber die Linsen kann er nicht finden. Und jetzt hat er keine Wahl mehr: Er muss versuchen, auf Georgisch zu fragen, ob es hier Linsen gibt.

Parvin ist ethnischer Aserbaidschaner aus dem Dorf Sadakhlo in Marneuli. Das Dorf liegt im Südwesten Georgiens an der armenischen Grenze. Parvin wurde 1994 in Sadakhlo geboren und ist dort aufgewachsen. Er hat die georgischeStaatsangehörigkeit. Seine Familie ist fünfköpfig: Vater, Mutter, eine Zwillingschwester, ein Bruder. Der Vater ist Therapeut, die Mutter ist Frauenärztin. Beide Geschwister studieren Medizin in Tbilissi. Parvins Vorfahren waren allesamt Mediziner. Er als Politikwissenschaftler bildet die Ausnahme in der Familie. Seit 2013 studiert er Internationale Beziehungen an der Staatlichen Universität Tbilissi.

Als Parvin sich entschloss, in Tbilissi zu studieren, kannte er nur einige georgische Wörter: „Selbst nach zwölf Jahren Schule wusste ich nur ein Wort auf Georgisch. Das leichteste Wort: ‚ia‘ – violett.“ Aber eines Tages kam eine Gruppe aus Tbilissi zu Parvins Schule. Sie stellten den Schülern ein Programm vor, das Parvins Leben gründlich verändern sollte: Das Programm „1+4“ ermöglicht es Angehörigen von Minderheiten in Georgien, die Aufnahmeprüfungen für die Universität in ihrer Muttersprache abzulegen und gebührenfrei zu studieren. Die Schüler erhalten ein Stipendium, lernen im ersten Jahr Georgisch und setzen dann ihr Studium wie die anderen Georgier fort.

Aber das Programm fordert viel von den Stipendiaten: „Eine Freundin? Ich habe doch Georgisch gelernt und lerne immer noch. Wenn ich damit fertig bin, kann ich vielleicht daran denken.“

Das Problem der mangelnden Sprachkenntnisse betrifft viele der aktuell 233.024 Angehörigen der aserbaidschanischen Minderheit in Georgien. „Es gibt einen großen Mangel an Ressourcen, die Schüler haben keine Materialien auf Georgisch und selbst wenn es Materialien gäbe, gibt es keine Lehrer, die selbst gut genug Georgisch sprechen, geschweige denn es lehren können. Manche Materialien kommen aus Aserbaidschan, sie sind in Aserbaidschanisch verfasst. Aber diese Materialien sind nicht nützlich für uns.“

Die Ferien verbringt Parvin gerne in Sadakhlo und freut sich über positive Veränderungen: „Die Situation hat sich in der jüngeren Vergangenheit ein bisschen gebessert, georgische Lehrer kommen mit einem eigenen Programm aus Tbilissi. Die Schüler hören echtes Georgisch. Learning by doing ist sehr wichtig beim Sprachenlernen.“ In den Schulen wird Georgisch fünfmal pro Woche unterrichtet. Das Programm allein kann aber nicht die ganze Region abdecken, denn es sind nicht viele Lehrer mit dem Gehalt in den Regionen zufrieden. Von diesem Gehalt kann man nicht leben, deshalb haben sie kein Interesse, dort zu arbeiten. Und da die Schüler deshalb Georgisch nicht gut können, haben sie Problem bei den Aufnahmeprüfungen. Sie lernen in der Schule in der einen Sprache, müssen aber die Prüfung in einer anderen ablegen. Deshalb bevorzugen die Jugendlichen ein Studium in Aserbaidschan; manche sind zum Studieren nach Aserbaidschan gegangen und lebten nach dem Studium weiterhin dort, denn wegen der sprachlichen Probleme können sie keine Arbeit in Georgien finden. „So verlassen die besten Freunde uns leider für immer. Aber ich gewinne immer mehr neue georgische Freunde, mit denen ich meine Zeit am besten verbringe.“

Während des Gesprächs betont Parvin mehrmals, wie ihn die georgischen Kommilitonen und Lehrer an der Universität beim Studium unterstützen. „Ich habe den ganzen Tag in der Bibliothek verbracht und mithilfe meiner georgischen Freunde habe ich es geschafft, alle Semesterprüfungen abzulegen. Auch die Lehrer an der Uni haben in Betracht gezogen, dass Georgisch für uns noch eine Fremdsprache ist und wir damit Schwierigkeiten haben können.“

Kulturelle Missverständnisse sind ebenfalls unvermeidlich. Seine georgischen Freunde in Tbilissi haben gelegentlich eine unbegründete Meinung über die Angehörigen von Minderheiten in Georgien. Manche von ihnen wissen nicht einmal, dass es eine aserbaidschanische Minderheit in ihrem Land gibt. Andere denken, dass die Minderheitenvertreter Georgien nicht für ihre Heimat halten. Aber wie die anderen Menschen der aserbaidschanischen Minderheit empfindet auch Parvin Georgien als seine Heimat.

Er hat auch schöne Erinnerungen: „Einmal haben wir mit georgischen Studenten zusammen ein Projekt in Borjomi durchgeführt. Am vierten Tag des Projekts, dem 12. Mai, hatte ich Geburtstag. Um 12 Uhr wurde plötzlich an meine Tür geklopft und als ich öffnete, standen viele Leute vor mir. Ich verstand nicht gleich, was passierte: Sie haben mir zum Geburtstag gratuliert und mich zu einer sehr schön organisierten Party mitgenommen. Die Leute, die ich neu kennengelernt hatte, haben meinen Tag perfekt gemacht. Ich liebe meine georgischen Freunde!“

Parvin ist Muslim und betet gern. Er erklärt, dass die aserbaidschanische Minderheit religiöse Freiheiten genießt. Es gibt drei Moscheen in Marneuli: „Vor kurzerZeit haben wir das Opferfest gefeiert und von der Stadtverwaltung wurde den Familien Opferfleisch als Festgeschenk gegeben.“

Die Minderheiten in Georgien haben viele Probleme; manche werden allmählich gelöst, andere nicht. Im Bereich der Ausbildung sind viele Verbesserungen nötig. Hierzu gehören Ressourcen, aber auch Aufklärung und Arbeitsprobleme. Die Leute kennen viele ihrer Rechte nicht, sie sind immer vorsichtig und haben Angst davor, Fehler zu machen. Die Gesetzestexte werden nicht ins Aserbaidschanische übersetzt. Sie werden trotzdem oft auf Aserbaidschanisch benötigt; manchmal werden sie dann von der Stadtverwaltung teilweise übersetzt. Ich helfe bei so einer Übersetzung und erkläre den Leuten immer etwas über ihre Möglichkeiten und über die Programme.“ Parvin freut sich auf eine bessere gemeinsame Zukunft.



Ein freies Leben
/ 6. November 2016
Von Aydan, Julietta & Nazlı 

Ein freies Leben

Die Stimme einer einzigen Frau bricht die Stille in einem türkischen Café mitten in der georgischen Hauptstadt Tbilissi: „Es ist hier sehr schön. Ich will nicht in die Türkei gehen. Hier habe ich meine Ruhe. Und vor allem will ich ungern mit meiner Schwiegermutter zusammenwohnen.“

Es ist 12 Uhr, Hüsniye trifft ihre türkischen Freundinnen zum Frühstück in Georgien. Es gibt türkische Küche, türkischen Tee, türkischen Kuchen und diverse Sorten Lokum. Fast alle Menschen im Café sprechen Türkisch, nur ab und zu kommen Georgier. Durch die Scheiben des Cafés hörte man einen georgisch-türkischen Dialog:

„Kommt ihr aus der Türkei?“– „Ja. Wir sind Studenten aus der Türkei und möchten ein Interview mit Türken durchführen.“ – „Ach, gerne, kommt, wir gehen in ein Restaurant, wo wir türkisch frühstücken und ein Interview führen können!“

Hüsniye hat sich in Georgien eine kleine Türkei geschaffen. Dass Hüsniye kein Georgisch gelernthat, stellt im Alltag kein Hindernis dar: „Es gibt hier einen türkischen Basar. Es gibt auch viele türkische Läden und Restaurants. Man kann seine Routine in einer türkischen Umgebung ganz gut organisieren.“ Für ihren Mann dagegen ist das Georgische Handelssprache. Mit seinem Kleidergeschäft verkehrt er auch in Gesellschaft türkischer Geschäftsmänner und -frauen.

Hüsniye spricht auch gern über die Einstellung der georgischen Regierung gegenüber den Minderheiten in Georgien. Sie sagt, dass die Menschen frei und locker sind, um ihre Meinungen zu äußern. „Ich finde die georgische Regierung am besten. Man muss nicht unbedingt Georgisch lernen, um hier zu wohnen. Ich persönlich wohne schon seit zehn Jahren hier, aber ich kann fast gar kein Georgisch. Natürlich sollte man die Sprache während desAufenthaltes unbedingt lernen und beherrschen, um sich verstehen zukönnen. Aber das kann man hier auf Russisch und auch auf Türkisch machen. Ein paar Monate habe ich an einem georgischen Sprachkurs teilgenommen, aber dann bin ich schwanger geworden und habe aufgehört.“

Die Sonne des Herbstes reicht fast in jede Ecke im Restaurant und bringt Wärme, die Bilder glitzern an den Wänden. Anhand der Bilder lässt sich erkennen, dass der Besitzer Blumen sehr mag, ansonsten wirkt es hier wie eine kleine Türkei; die Bedienung spricht Türkisch, aber einige Kellner sprechen Georgisch, ohne Akzent … Das Zusammenleben erleichtert es offenbar, Kontakte zu knüpfen. Aber das ist noch nicht alles: Ein Kulturzentrum, von dem Hüsniye berichtet, dass es sich in Tbilissi befindet, bietet Türken auch die Möglichkeit, in eine türkische Schule zu gehen und dort zu lernen. Außerdem können sie in Georgien in einer Moschee beten. Sie erzählt auch, dass es sehr viele Gemeinsamkeiten zwischen der Türkei und Georgien gibt: „Die beiden Länder haben eine gemeinsame Kultur und ihre Menschen sind sehr gastfreundlich und hilfsbereit. Die kaukasischen Tänze sind meistens den türkischen ähnlich. Das bemerkt man sofort bei den Hochzeiten. Trotzdem sind die georgischen Hochzeiten prächtiger. Wir bevorzugenes eher, auf Plastikstühlen zu sitzen und statt im Luxus nur mit Getränken zu feiern. Nebenbei spielt die Religion eine wichtige Rolle im Alltag. Zum Beispiel fasten sie [die Georgier] über 40 Tage. Aber das Fasten unterscheidet sich ein bisschen von dem im Islam. Man darf nur bestimmte tierische Produkte nicht essen und man darf auch rauchen.“

Es geht auch um das Essen und man bemerkt sehr schnell, dass Hüsniye die türkische Küche bevorzugt. Sie fügt hinzu: „Hast du gesehen? Die Leute in Georgien sind sehr dick oder sehr dünn. Die meisten jungen Leute sind sehr dünn und sie werden einfach dick, wenn sie alt werden. Sie essen kein gesundes Essen, sondern nur schnell Gekochtes. Sie kochen und essen nicht so viel zuhause – im Gegensatz zu uns.“ Hüsniye kocht gern zuhause. Es ist gar nicht schwer, die Zutaten zu finden: Es gibt türkische Bazare und Supermärkte dafür, aber man kann türkische Weizengrütze, türkischen Reis und Süßigkeiten nicht nur in türkischen Supermärkten kaufen, sondern auch in georgischen. Mustafa Abi etwa, ein typischer türkischer Geschäftsmann, besitzt einen türkischen Markt – und falls man kein Geld dabei hat, schreibt er den Preis in sein Heft und man bezahlt später. Außerdem gibt es auch Basare, auf denen man viele verschiedene Gemüse- und Obstsorten finden kann. Die sind auch immer frisch und bio – im Gegensatz zu den Basaren in Istanbul. „Zieht mal hierher um, Mädels“, sagt sie lachend. Sie fährt fort: „Zusätzlich essen wir kein Schweinfleisch. Deswegen gehen wir nicht in die georgischen Restaurants, in denen kann man nicht so vielfältige Gerichte bestellen. Wir wissen auch, wer Schweinfleisch verkauft und wer nicht. Auch außerhalb gibt es viele türkische Restaurants. Deshalb sehnt man sich nicht nach der Heimat.“

Hüsniye besucht die Türkei ein- oder zweimal im Jahr. Sie findet es nach Georgien stets wieder sehr schwer, in der Türkei Zeit zu verbringen. Zusätzlich ist es auch nicht angenehm, immer die Verwandten zu besuchen. „Wir denken, es wäre besser für uns, nicht in die Türkei zu fahren.“

Da sie fast alles hier hat, möchte sie überhaupt nicht nach Istanbul umziehen. Wie die meisten Frauen will auch sie nicht mit ihrer Schwiegermutter zusammenwohnen. Weil ihr Mann aber wegen der Arbeit nach Istanbul gehen soll, müssen sie Tbilissi verlassen. Das tut ihr wirklich leid, weil sie ihre Freunde und ihr Leben in Georgien vermissen wird. „Das ist für mich auch eine finanzielle Frage“, fügt sie hinzu. Im Alltag genießen er und Hüsniye es, dass die Preise in Georgien deutlich niedriger sind als in der Türkei: „Benzin, Auto, Gemüse oder auch Obst sind hier beispielsweise billiger. Davon abgesehen bin ich hier ruhiger. Jetzt bin ich gespannt, wie es in Istanbul laufen wird“, erzählt sie weiter.

Die Spielecke ist ganz ruhig, die Barbies schauten ganz leise und still, sie warten sicher auf Kinder. Die Wände und der Boden sind so sauber wie ein Spiegel. Das Restaurant befindet sich an der Agmaschenebeli Avenue – nach Meinung der Türken also schon an der türkischen Straße.

Hüsniyes Alltag beginnt um 9 Uhr: Sie weckt die Kinder auf, bereitet das Frühstück vor und macht danach ein bisschen Haushalt. Später am Nachmittag trifft sie sich mit ihren Freunden und sie machen entweder ein Picknick oder sitzen zuhause und plaudern. „Ich verstehe nicht, wo immer mein Tag bleibt. Ich habe keine Zeit für den Haushalt, deshalb brauche ich unbedingt Hilfe von einer Putzfrau“, fügt sie hinzu.

Beim Abschied zeigt sie noch einmal ihre Gastfreundschaft und erklärt, wenn wir das nächste Mal nach Tbilissi fahren, sollten wir ihr Bescheid geben.



Begegnungen in Abanotubani
/ 6. November 2016
Von Salome, Ülvi & Samira

Begegnungen in Abanotubani

Im Rahmen des DAAD-Workshops „Multiethnische Lebenswelten in Tbilissi“ führten einige der teilnehmenden Studenten Interviews mit Aserbaidschanern durch. Ziel der Gruppe war es, das Leben und die Probleme der Minderheiten in Georgien zu erforschen. Die Reportage wurde in Abanotubani durchgeführt.

Der Ort ist das Bäderviertel in der Altstadt der georgischen Hauptstadt Tbilissi. In Abanotubani fühlt man sich in persische Zeiten zurückversetzt. In diesem Stadtteil gibt es den Haydar Aliyev-Park, Teppichläden, Cafés, Moscheen und Menschen, die man dort handeln sieht.

Georgien ist ein multikulturelles Land. Die größte Minderheit in Georgien sind mit 6,5% bzw. etwa 284.800 Personen hier lebende Aserbaidschaner. Sie gehören zu den ca. 500.000 Muslimen Georgiens, das eine Gesamtbevölkerung von 4,3 Mio. Menschen hat. In Tbilissi wohnen zurzeit 10.942 Aserbaidschaner. Sie leben mehrheitlich und relativ dicht in den folgenden fünf Distrikten (ca. 7.000 Quadratkilometer): Marneuli, Bolnisi, Dmanisi, Gardabani und Sagaredscho. In vier dieser Gebiete, wo sie sich überwiegend landwirtschaftlich betätigen, stellen sie die absolute Mehrheit der Lokalbevölkerung.

Unabhängig von diesen traditionellen Siedlungsgebieten wohnen sie in größerer Zahl auch in anderen Regionen wie Kachetien, Zentral-Kartli (Shida Kartli) und besonders in den Städten Tbilissi, Mzcheta, Rustawi, Kaspi, Gori, Kutaisi oder auch Batumi.

Das Wetter zeigt sich von seiner besten Seite und es ist wirklich heiß. Neben dem Schwefelbad treffen wir viele Aserbaidschaner, die dort arbeiteten. Einige spielen dort einfach Würfel. Hier gibt es fast nur ältere Menschen; lediglich ein jüngerer Mann in Uniform ist vor Ort. Er ist schlank und mittelgroß; mit seinem kurzgeschnittenem Haar und den schwarzen Augen sieht er freundlich aus. In der Nähe sind viele Menschen; ein Kind spielt allein und sitzt dabei für keinen Moment ruhig.

Der Uniformierte ist Wachmann im Haydar Aliyev-Park. Seine Stimme klingt ruhig, wenn er über sein Leben spricht, seine Hände aber zittern. Er dreht sein Handy darin hin und her; ein Wachmann muss wachsam, muss erreichbar sein.

„Ich heiße Eyvaz. Bin 24 Jahre alt. Mein Geburtsdatum ist der 19. September 1992. Ich habe, bis ich ein Jahr alt war, in Baku gelebt, denn mein Vater sollte in Baku arbeiten. Danach sind wir hierher umgezogen, wo wir seitdem leben. Hier habe ich die Mittelschule und die Universität beendet.“

Der junge Manner zählt ganz ruhig, aber seine Hände sprechen über etwas Anderes. Sie zittern nervös. Am Anfang ist er aufgeregt. Er verbringt hier viel Zeit und fühlt sich nicht allein, weil hier überall Aserbaidschaner sind. Seine Socken und sein Hemd sind blau. Ein wenig ungewöhnlich: Statt eines Armbands hat er ein Handtuch auf seiner Hand mit unbekanntem Zweck. Von Zeit zu Zeit geht er frei umher und beginnt, mit den Händen zu sprechen. Er sagt einige Wörter auf Georgisch – ziemlich gut, das muss man sagen. Er arbeitet hier als Beobachter, deswegen kann er sein Handy nicht ausschalten und drehtes in den Händen. Die Luft ist vom Geruch des Schwefelgases erfüllt. Der junge Mann wirkt freundlich und aus seiner Mimik könnte man schließen, dass er ziemlich zufrieden ist.

„Meine Familie besteht aus sechs Personen. Ich habe Vater, Mutter und Schwestern und unsere Oma wohnt auch mit uns zusammen. Meine Eltern sind aus Bordschali. Dort habe ich auch die Mittelschule besucht.“

Hier in der Schule lernen die Kinder Aserbaidschanisch. Als Fremdsprachen können sie auch Französisch oder Deutsch wählen und außerdem alle kaukasischen Sprachen lernen. „Nach dem Abschluss haben alle Schüler die Möglichkeit, sich in ihrer Muttersprache für ein Studium zu bewerben, nach der Zusage ein Jahr lang einen Sprachkurs zu machen und danach an einer georgischen Hochschule zu studieren. Diese Möglichkeit haben alle Minderheiten in Georgien“, sagt Eyvaz.

„Ich habe mein Studium noch nicht beendet. Aber ich habe auch am ‚1+4‘-Programm teilgenommen.“ Eyvaz will Geld verdienen, deswegen arbeitet erhier. „Mein Gehalt ist nicht so hoch, aber ich finde die Arbeit sehr gut. Ich glaube, in Baku kann man auch arbeiten. Für guten Lohnwürde ich auch in Baku arbeiten. Außerdem kann ich sehr gut Georgisch, deswegen werde ich eine gute Arbeitsstelle in Baku finden, glaube ich“.

„Früher hatten wir Diskriminierung,“ sagt unser İnterviewpartner, „wir hatten Probleme wegen unserer Sprachkenntnisse, aber unter der Regierung von Saakaschwili wurde dieses Problem gelöst. Ich würde sagen, als Jugendlicher eine gute Arbeitsstelle zu finden, ist für mich ein Problem. Außerdem: Wenn ich nach Aserbaidschan fahre, gibt es Probleme an der Grenze. Das finde ich nicht gut. Wir sind doch auch Aserbaidschaner!“

Zurück am Schwefelbad. Ringsumher kann man viele verschiedene Elemente aserbaidschanischer und georgischer Kultur sehen und spüren. Es gibt viele Geschäfte mit schönen Teppichen und Cafés. Ein alter Mann sitzt auf der Bank und antwortet gern auf die Fragen. Sein Hemd und seine Hose sind aus dem gleichen Stoff und hellblau. Er sieht wie ein Kaukasier aus. Er hat blaue Augen und weiße Haare wie ein Greis. Neben ihm steht ein jüngerer Mann. Er hört aufmerksam zu, als ob er Angst hätte, dass der Alte im Gespräch mit den Reportern etwas Schlechtes sagen könnte. Der Alte spricht über Politik und gestikuliert ziemlich aufgeregt mit den Händen, wie alle alten Menschen es tun. Gleichzeitig unterhält er sich mit dem Mann, der neben ihm steht. Überall hier sind Hektik und Geräusche, also wie ein typischer Tag in Tbilissi.

Der Mann heißt Magbet. „Ich wurde im Jahre 1941 in Marneuli geboren. Mein Urgroßvater hat auch hier gelebt. Bin schon 75 Jahre alt. Seit 1990 lebe ich in Tbilissi. Ich habe ein Haus hier. In Baku lebe ich auch. Dort wohnen viele meiner Verwandten. Ich bin schon Rentner. Wo soll ich mit 75 Jahren arbeiten? Lange Zeit habe ich als Fahrer gearbeitet, aber jetzt erhole ich mich.“ Er lacht.

„Ich habe schon erwachsene Kinder, die arbeiten. Ich spiele hier im Park mit meinen Freunden Würfeln [Backgammon]. Zwei Söhne habe ich, der eine wohnt in Baku, seine Frau ist aus Baku. Der zweite wohnt bei mir. Meine Tochter hat auch in Baku an der Sprachenuniversität studiert und arbeitet jetzt in Tbilissi an der Mittelschule als Englischlehrerin. Sie ist auch mit einem Aserbaidschaner verheiratet. Ich habe kluge und schöne Enkelkinder. Ich bin sehr stolz auf meine Enkelkinder, die lernen sehr fleißig und sprechen fließend Englisch.“

Er erzählt, seine Generation habe in der Mittelschule Georgisch gelernt. „Wenn wir in diesem Land wohnen, dann müssen wir alle die georgische Geschichte, Sprache, Literatur und Kultur kennen. Unsere Kinder lernen hier nicht nur Georgisch, sie sprechen auch Armenisch und Kurdisch – und alle haben einander gern“, sagt er.

Onkel Magbet sagt: „Ich habe zwei Länder. Aber in Tbilissi lebe ich sehr bequem. Hier habe ich keine Konflikte oder Diskriminierungen erlebt; vor allem gibt es keine Korruption. Ich kann ganz sicher sagen: Alle wohnen hier in Freundschaft. Es gibt auch keine Konflikte zwischen Armeniern und Aserbaidschanern. Georgien tut etwas gegen solche Konflikte und das klappt sehr gut.“

An der Präsidentschaftswahl nehmen auch alle Minderheiten teil. „Es gibt bestimmte Verwaltungsorte, wir alle gehen dorthin und stimmen ganz frei ab. Ich werde im Oktober bei der Parlamentswahl in Tbilissi aktiv teilnehmen und für die Partei von Saakaschwili stimmen. Er hat nicht nur für Georgier, sondern auch für die Minderheiten vieles getan. Während seiner Präsidentschaft hat er uns gehört und unseren Beschwerden entsprochen“, erzählt er. Beide Interviewpartner merken an, dass sie als Aserbaidschaner nur an der Grenze Probleme haben. „Wenn wir in unser Heimatland fahren möchten, gibt es häufig Probleme. Obwohl wir Aserbaidschaner sind, haben wir einen georgischen Pass. Das ist sehr schade, denn beim Zoll erleben wir viele Schwierigkeiten. Als ich beim letzten Mal meine Schwester in Baku besuchen wollte, beschloss ich, mit meinem eigenen Auto zu fahren, aber dafür sollte ich eine sehr hohe Geldsumme bezahlen. Aber ich bin doch Rentner und habe nicht so viel Geld, außerdem bin ich nicht sicher, ob ich das Geld später bei der Wiedereinreise zurückkriegen werde oder nicht!“, sagt Onkel Magbet.

Am Ende nehmen alle Aserbaidschaner in freundlicher Atmosphäre Abschied von uns – und natürlich haben wir uns sehr gefreut, hier unsere Landsleute kennengelernt zu haben.



Mutti, du sollst nicht
/ 17. März 2015

Eine elegante Mittvierzigerin holt am Fuß der Kaskade eine Greisin ein. Mutti, sagt sie, du weißt, du sollst nicht allein raus. Und sie versucht, die Alte unterzuhaken, will sie die Treppen hinaufführen. Die Greisin aber steht wie angewurzelt, einem Denkmal gleich.



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Mehr Bilder & Hintergrundinfos über das UNESCO Kulturerbe »Lawasch« unter: daad.wiebkezollmann.de



Vorweihnacht
/ 20. Dezember 2014

Eine alte, in Tannengrün gekleidete Frau, deren Sprache ohne Zähne aus ihrem Mund fällt, trägt weiße, strahlend schöne Chrysanthemen ins Café. Die Blumen stecken in einem Weißweinkarton, worauf das Wort ›Muscat‹ angekreuzt ist. Ein Kellner in schwarz-bordeauxroter Uniform zupft einen Chrysanthemenstrauß aus dem Karton. Die Alte greift in einen Plastiksack, den sie neben sich gestellt hat, und holt ein Beutelchen heraus: »Ich hab noch was für euch.« Der Kellner zögert. »Keine Angst, mein Junge, das ist ein Geschenk!« Sie greift in das Beutelchen und holt einen riesigen Tannenzapfen heraus. »Nun nimm schon.«

#Jerewan #Charles #Samstag

[Während ich dies tippe, zittern die Blätter eines jungen Weihnachssterns über meinem Laptopdisplay. Selig bin ich Samstagsschreibende.]



Im halb leeren Minibus drei Männer, die georgisch-armenisch-russisch reden, dazu eine blonde Ukrainerin mit einem Gesicht wie ein aufgegangener Hefeteig, der nur für die Augen und knapp oberhalb des Kinns eingestochen wurde, eine seltsame Wust. Sie raucht Eisstilzigaretten, wann immer wir haltmachen. Im Radio läuft armenischer Pop, Rabbiz und zum Ende der Fahrt Nickelback. Armenische öffentliche Verkehrmittel erinnern mich, wenn überhaupt dort europäisch-amerikanische Musik erklingt, an meine frühen Teenagerjahre.

Eine Koreanerin, die seit acht Jahren in Jerewan lebt, reist mit riesigem Smartphone-Tablet-Hybrid, außerdem hat sie einen rosa Ultrabook im Gepäck. Ihre Passkontrolle an der armenisch-georgischen Grenze dauert elendig lange, alle anderen warten rauchend und stellen ihre Füße so dicht aneinander, dass sich die Beine berühren. Die Angriffsfläche für Wind und Regen schrumpft.

Der Fahrer geht zum Grenzposten, kommt wieder, holt seine Mütze aus dem Minibus, steckt sich eine neue Zigarette an und sagt: Visum seit drei Monaten abgelaufen.

Auf der Treppe, die auf der georgischen Seite zum Parkplatz hinabführt, liegt ein riesiger schlammfarbener Straßenhund und leckt seine Genitalien. Die gesamten Gliedmaßen des Tieres, auch die jetzt aufragenden Beine wirken wie willkürlich zusammengesteckt; der ganze Hund wie eine krumme Summe schöpferischen Würfelns. Ein zweiter, deutlich regelmäßiger gebauter Hund verfolgt eine Frauengruppe, bleibt aber immer einen Schritt weit hinter ihnen.

Als wir Tbilisi erreichen, scannt die Koreanerin mit ihrem Smartphone-Tablet die Umgebung nach WiFi. Die Empfangsbalken steigen und verschwinden wieder. In kurzen Momenten von Konnektivität schickt sie Nachrichten nach Korea und an einen geheimnisvollen jemand, den sie in Tbilisi treffen wird.

Das Zentrum der Stadt wirkt auf meinen ersten, müden und regengetrübten Blick wie ein Gemisch aus Jerewan und Zürich. Die Menschen scheinen westlich-eleganter als in der Nachbarhauptstadt. Viele junge Männer tragen Bärte, modische Mäntel, weniger uniforme Frisuren und überhaupt längeres Haar als in Jerewan. Auch die jungen Frauen wirken westlicher, obwohl sich schwerer sagen lässt, warum.



Schwarz glänzten
/ 24. November 2014

Schwarz glänzten die Stiefel und Auberginen, die man angesichts der knappen Zeit in denselben Raum gestapelt hatte. In steifen Paaren standen die Stiefen zwischen den Holzkisten, die Auberginen krümmten sich dem Himmel zu.



der weg zu gott
/ 29. Oktober 2014

@ Argam Yeranosyan

Foto: Argam Yeranosyan, Text: Wiebke Zollmann

die stufen zum oratorium sind so ungewohnt hoch, dass der eilige fuß dagegen schlägt und keinen halt findet. der reisende erstarrt, kauernd, auch die hände hält er versetzt auf die stufen gestützt. so schaut er zur kirchentüre hinauf und verharrt einen augenblick, ehe er sich mit, wie es von unten scheint, lächerlicher langsamkeit weiter tastet.

die stufen, auf denen nur zwei kinderfüße, nie aber die beiden eines erwachsenen platz fänden, sind der einzige weg nach oben. von zwei seiten führen sie zu einer hölzernen tür, hinter der ein frauenchor singt. der schönste klang des landes, sagt ein engländer, dessen gesicht die farbe von granatäpfeln angenommen hat. er verzichtet auf den aufstieg, mit seinem sonnenbrand leuchte er stark genug, dass gott ihn auch so sehe (und er sei ja nicht zum ersten mal hier).

er und seine kollegen, die in der selben klimatisierten obstkiste angereist sind, beneiden die scharen flinker kinder, die schier mühelos die stufen auf- und abhuschen. nur dass man die kleinen muskeln sehen kann, wie sie sich spannen und lösen, verrät, dass dieser weg auch die kinder kraft kostet. trotzdem springt eines die stufen auf nur einem bein hoch. das obst, noch steht es unten, schlägt sich die hände vor den mund, damit sein ängstlich oo in der mundhöhle zurückbleibt und das kind nicht herabreißt.

aber diese kinder wüssten gar nicht, dass man fallen könne, sagt der engländer, und deshalb fielen sie nicht. im gegensatz zu den alten mit ihren vagen erinnerungen, wie es früher war, als man fiel. sie fürchten sich bald mehr vor der vorstellung als vor dem fall selbst. trotzdem wollen sie ins oratorium, sie geben sich mutig und die heimischen sagen zu ihren kindern: warte, lass mal den mann hoch, und die kinder treten zurück, damit die gäste die stufen hinaufsteigen. bald aber beginnen die scharen zu nörgeln, wie langsam diese fremden seien, wie sie über die treppen, ja, beinahe, kriechen. sie scheinen aus ländern zu kommen, wo nicht schmale treppen zu gott führen, sondern breite flache tritte mit beidseitigen geländern. dort brauchen die menschen keine wunder, nicht einmal mut, der zu gott hinführt.



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