Kategorien-Archiv: lyrik & miniatur

der baumstamm und das kind

das kind ist strohblond, fast weißgold wie die mutter. die mutter trägt ein sackkleid, das der wind zum 100-jährigen baumstamm bläht. der baum setzt das kind in ein karussell, dreht, lacht, dreht – und während das kind kreischt, wartet der baum, dass das karussell zum stillstand kommt. er hebt das kind heraus und auf seine schultern. der baum läuft ein stück, dann setzt er das kind wieder ab. es greift nach den kieseln am boden, wirft sie umher und klatscht. der baum lächelt, hebt das kind zurück auf seine schultern und geht fort.

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Wie riecht Glück? So!

»Wie riecht Glück?«, fragt ein Journalist die Hunde auf dem Betonplatz am See. Er gibt ihnen eine Blume in die Pfote. Sobald die Hunde  nachdenken, eilt er zu seiner Kamera, schaut auf das sonnenverblendete Display  und reckt einen Daumen in die Luft.

»Glück«, sagt ein Hund, »riecht nach türkischem Mokka mit zwei Stücken Zucker und es fühlt sich an, wie wenn man einen zu gierigen Schluck nimmt und den Satz im Mund hat, drauf beißt und sich fragt, ob er wacher macht als die schwarze Brühe allein.«

»Nach Tierspital«, sagt eine Hündin. »Wenn man sich fest wünscht, man könnte etwas entfernen, das in einem ist. Wie einen Tumor oder Krebszellen, aber dieses Etwas ist ortslos. Oder überall. Man kann es nicht rausschneiden, nicht verstrahlen, nicht einmal daran sterben. Es tut nichts. Es ist einfach da. Da, da, da und es schaut aus dem Spiegel.
Wenn das weg ginge, das wär Glück.«

Ein letzter Hund schüttelt sich voller Abscheu. Er erinnert den Journalisten an einen Spatzen, der erschrickt, weil er sich auf einen Kindergeburtstag verirrt hat, gleichsam aber die Menschen zu gut kennt, als dass er um sein Leben fürchtete. Der Hund sieht den Journalisten an, kurz, dann durch ihn hindurch – und er löst sich aus seinem Tag wie ein ausgewaschener Fleck.

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wolkenriss

mittags ein wolkenriss mit der brutalität
einer milzruptur. lichtflut, das gleißende
weiß eines tisches und die spieglung
meines körpers im fensterglas, überall
feigenkerne: ein rot senf
gelb bis violettes bildrauschen
nach dem sonnengehasch, ebenso
plötzlich wie der wolkenriss
seine heilung: neues grau
verschliertes licht.

#bielerwettergedicht

normgrau

der ausblick grau gestreift,
dass es scheint, es sei schnee
schon im september, die stadt
eisfarbig verschliert,

dazu ein stetes rauschen

– einer sagt: jetzt beginnen die sechs
normgrauen monate, eine andere:
da siehst du ein halbes jahr keine sonne –

ein wind, sein plötzlicher regenwurf
gegen die fenster in meinem rücken,
durch rahmen und undichtungen
trieft sauberer schweizer regen,
sammelt sich in den zwischen=
brettern, weicht sie auf, zieht
kleine fäulnisseen

und der sommer verreckt

im pladdern zwischen see,
hang und kronen.

#bielerwettergedicht

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schwartz wasser

eriwan 1666
»vor der karawanserei gibt es einen kleinen markt mit läden, wo man allerlei proviant verkauft, daneben eine schöne moschee und zwei cabarets à cahvé.«
Jean Chardin

eriwan 2012
die karawanserei heißt avtokajan und die minibusse, die aus eriwan nach tiflis oder teheran fahren, parken mit den schnauzen zum gehsteig. dahinter wechseln sich kioske, in denen man kekse, weißbrot und zigaretten kauft, mit kinositzen ab. zum ende der sowjetunion hat man die kinos geplündert und die kirchen mit neuem inventar bestückt. heute gibt es holzbänke, aber am avtokajan sind die kinositze geblieben.

eine alte frau mit grauem haar, bunter schürze und so faltiger haut, dass man seine fahrkarte wie in einen automaten hineinstecken könnte, läuft langsam den gehsteig ab. sie hat einen korb in der hand, darin jesuskettchen, türkisch blaue augen, streichhölzer und papiertücher. die alte bleibt neben einem hippie stehen, tätschelt seinen unterarm und zeigt auf ihren korb, die augen, den jesus, und gen himmel. der hippie schließt die augen, schüttelt langsam den kopf, faltet die hände und hebt sie vor sein gesicht. eine junge frau neben ihm steht auf und verschwindet. die alte setzt sich auf ihren platz. sie zieht eine plastiktüte aus der schürze und atmet einige male hinein. dann schnäuzt sie gelben schleim in die durchsichtige tüte, die dabei raschelt. die alte verknotet die öffnung, legt die tüte neben sich und schiebt sie, mit einer bewegung, wie man sie zum anstoßen einer murmel macht, vom sitz.

die junge frau kommt zurück, sie trägt zwei kleine porzellantässchen, beide auf untertassen. ihr klirren verrät, dass die hände der frau zittern. sie stellt die tassen auf ihren koffer. ihr mann bietet eine zigarette an, gibt feuer und sie stehen rauchend nebeneinander.

***
zuerst erschienen in: la liesette litteraire #3

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ein kurzes changierendes bekenntnis

»joa‘.« ein kurzes zwischen ja und jo changierendes bekenntnis einer deutschen mit  schüttem blondem haar auf sonnenroter ferienkopfhaut. sie hat sich im café umgesehen, es für gut befunden und steuert nun auf die terrasse zu. ihre begleitungen in schwarz, rot und graumeliert folgen. einer schwarzhaarigen frau scheint die sonne durch löchrigen hut kleine lichtpunkte aufs gesicht. die haut einer anderen ist vom jahrelangen kettenrauchen geknittert und als sie lacht, faltet sich ihr gesicht, als wäre es aus stoff. die drei frauen legen sich ihre handtaschen auf die schoß und entfalten die speisekarten. der einzige mann in der runde bekommt sein essen zuerst. #laboheme #eriwan #touristen

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gestochen. geboren

ich stelle mir meinen kopf, das innere meines kopfes oder genauer: die innenseite meines schädels vor wie einen mit pappmaché beklebten luftballon.

es ist schwierig, hindurchzudringen, etwas spitzes ist nötig. etwas, das das gummi öffnet, bevor das pappmaché bricht.

in meinem kopf sitzt ein text und will raus. er klopft gegen den luftballon und der kopf beginnt zu schmerzen.

jemand hat einmal gesagt, man solle sich den schmerz in form und farbe vorstellen und dann ein licht hinein.

kurz darauf riecht es nach angebranntem gummi und der text passt noch immer nicht durch das loch, aber ein teil, wenigstens ein teil

hängt heraus.

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das gespiegelte kupferhuhn ist nicht meine erfindung

das gespiegelte kupferhuhn ist ein kleines vom leben ausgeschlossenes zukunftshuhn

(ein ei nämlich)
dessen weiß und kupfer auf meinem teller lag

ich aß es mit fladen (die metallklammer des mehlsacks
eingebacken spuckte ich aus) und gestreckter butter

die mutter des kupferhuhns das erfuhr ich später
sieht jeden morgen wenn sie aus dem stall tritt
den kupferrauch der fabrik

und weil der wind häufig die richtung wechselt
steigt der rauch jeden tag anderswo
wer weiß wo=
hin

die mutter des kupferhuhns schert es nicht nur
dass sie (von den eiern die man ihr ließ)
nie ein küken durchgebracht hat

stimmt traurig

es ist daher gut dass man ihr die eier wegnimmt
so muss die mutter die krüppel wenigstens
nicht sterben sehen.

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