Kategorien-Archiv: lyrik & miniatur

Jeghische Tscharenz: Persönliche Weise

Nachdichtung von տաղ անձնական (Չարենց)

In Kars ließ ich am Flussufer mein Haus aus unbehauenem Stein,
Ich verließ Kars, den Karser Park und den blauen Himmel der Heimat
Und Karine Kotantchyan, der ich dieses Mal nicht sagte: Mach’s gut –
Ohne diesen letzten Gruß gehe ich nun durch fremde Städte.

Ohne diesen letzten Gruß gehe ich und bin umgeben von Menschen, tausenden und abertausenden Gesichtern,
Um mich herum lärmt die Welt, das ungleiche menschliche Leben,
Wer wird sagen, warum du, und wer wird sagen, wohin du kommst
Die Gesichter, ach, sind so stumpf, als seien sie mit Äxten geschlagen.

Dieses Leben scheint ein graues, lahmes und irres Lied.
Dieses Leben scheint die offene Wunde im Herz eines Menschen.
Und für wen, für wen jetzt dieses sehnsuchtsvolle Lied?
Mein Herz ist gefüllt mit dem Zinn und Blei der Jahre.

Und um mich lass diese bucklige Welt lachen, sich auflösen,
Ich – verkrüppelt und irr und ein ewig Fliehender
Muss zum Himmel gehen, an den Rande Amenthes –
Meinen hohen, alten und sternigen Weg der Träume

Und mein Herz vergibt nun alle Sünden,
Ich muss mich entfernen auf ewig, muss gehen, meine Augen schon in der Ferne,
Und wenn Ihr Karine Kotantchyan auf den Straßen von Kars seht –
Sagt ihr, Tscharenz wollte sagen: Mach’s gut, mach’s gut …
1919

 

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you should have asked

hund. first

hund. second

I mean
ich meine

you should have asked
du hättest fragen müssen
you should have asked that dog
du hättest den hund schon fragen müssen
you should have asked that dog whether it agrees to be photographed
du hättest den hund schon fragen müssen ob er einverstanden ist dass du ihn hier fotografierst

I mean
didn’t you see how it turned away
du hast doch gesehen wie er weggedreht hat
from the first to second image
didn’t you see that change
auf dem zweiten bild sieht er
genervt aus

Do you think it’s fine to expose
findest du das jetzt gut dieses wesen
this creature without giving him
so ausstellen ohne
any chance to deny
jeglichen ausweg

Definitely it would have
es hätte sicher
disagreed if you just

I mean
you should have asked

 

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Arshile Gorky

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© CivilNet.TV

»Kürzlich waren meine Gedanken erfüllt vom Duft armenischer Aprikosen. In meinem Studio gab es natürlich keine; aber ihr Duft war so deutlich, dass mir schien, ich sei just auf einen Baum geklettert, um sie für meinen Großvater zu pflücken.«

Arshile Gorky

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Hovhannes Grigoryan. Eine Übersetzung

Im Gedenken an Hovhannes Grigoryan, gestorben am 7. Februar 2013.

Ich weiß:
Ich werde am ersten Tag eines Winters sterben.
Die Menschen werden die schneebedeckten Füße abklopfen
auf dem Wischlappen der Türschwelle und staunend werden sie sehen,
wie der Schnee auf meiner kalten Wange schmilzt.
Meine plötzlich gealterte Frau wird suchen
und die Ofenzange nicht finden,
um die längst verstorbene Katze aus dem Raum zu bringen,
danach wird sie sich verzweifelt setzen, den Kopf schütteln,
niedergeschlagen, ob dieser seltsamen Katze und meines unbedachten Schritts.
Meine Schwester, die nach mir geboren wurde und einige Stunden später stirbt,
wird den frierenden Gästen Tee ausschenken
und mit der freien Hand
auf meine Brust deuten, die beladen ist mit Winterblumen und einer schiefen Kerze,
deren geschmolzene Tropfen gerade auf meine Stirn rinnen
und in meine Augen hinein … und genau in diesem Moment
werden alle auf einmal am Fuß heraustreten und ein Lärm –
mit einem Heulen werden sie mich aus dem Haus bringen
hoch auf ihren Händen tragen, sehr hoch
und aus dieser Höhe werde ich mein Leben von Anfang bis Ende sehen,
was darunter geblieben ist, unter dem ganzen Schnee verloren,
und durch diesen wunderbaren Anblick versteinert, verstummt
finde ich für meine Bewunderung kein Wort.

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hin und kein zurück

die impfausweise waren mitte neunzehnhundertneunzig
noch jene aus ddr-zeiten die krankenhäuser die nun
nicht mehr polyklinik hieszen hatten
noch schränke voller hammersichelroter hefte und wir
spielten ein schaut-mal-ich-bin-noch-bin-nicht-mehr-gemogel
mit hammerzirkelrotem pass
obwohl wir waschechte wendekinder waren die
wilkanakekse nur aus nostalgie ihrer eltern aßen:
butterkekse mit viel kakao

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am morgen gegenüber

eine ältere frau, graues locker hochgestecktes haar mit augenlangem pony, in der durchaus stilvollen kleidung einer zwanzigjährigen: ein violettes top mit langem ringelshirt darunter, helle bluejeans. sie steigt die treppe des cafés in den zweiten stock, in den händen ein stück schokoladen-, ein stück apfelkuchen. sie mustert den raum, ehe sie einen tisch neben der treppe wählt. ein kellner trägt ihr einen kaffeebecher nach. sie stellt ihn vor sich und platziert die teller so, dass sie einander gegenüberstehen. dann setzt sie sich, schaut geradeaus und wartet.

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Weihnachtsgeschichten: Prolog

Der 24. Dezember 2012 war ein Montag. Heiligabend am Montag war der Traum eines jeden Arbeitnehmers: Fünf Tage frei, quasi als Staatsgeschenk. Es sei denn, man musste trotzdem arbeiten, zum Beispiel für einen Softwareanbieter, der ausgerechnet mit einer Weihnachtsapp seinen Jahresumsatz machte. Leila und Rafael waren Ende zwanzig und ledig. Rafael hasste Weihnachten, Leila brauchte Geld. Der vorzüglich vergütete Feiertagsdienst war ihnen deshalb nur allzu Recht gewesen. Sie sollten Telefonanrufe beantworten und App-Nutzern erklären, wie man den Ton ein- und den Bratenwecker ausschaltet. Ausser ihnen arbeitete niemand. Ein Entwickler hatte Bereitschaft und den beiden zweihundert Franken geboten, wenn sie ihn nicht anriefen. Und warum sollten sie, sie rief auch niemand an. Nach drei Stunden ohne Anrufe und Mails war ihnen so langweilig, dass Rafael Leilas Vorschlag zustimmte, man könnte doch Büroweihnachten feiern, und sie fand eine Checkliste mit 12 Punkten für ein gelungenes Fest.

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Weihnachtsgeschichten, Gäste

Für ein gelungenes Fest brauchte es Gäste und Rafael hatte daneben eine 300 geschrieben. Aber dreihundert Menschen passten unmöglich in diesen Raum. Leila dachte an ihre Mathelehrerin, die immer gefragt hatte: Dreihundert was? Birnen, Büroklammern? Dreihundert … getrocknete Regentropfen. Leila nahm einen Zettel und einen Bleistift und ging zum Fenster. Mit dem Bleistift tippte sie in jeden getrockneten Tropfen und zog dann einen Stich auf ihrem Zettel. Sie kam auf dreiundfünfzig mal fünf und drei einzelne Tropfen. Keine dreihundert, aber schon eine stattliche Zahl. Die übrigen Gäste musste sie selbst einladen. Leila ging zurück zum Schreibtisch, nahm ihre Teetasse und malte mit dem lauwarmen Tee die restlichen Tropfen an das Glas der Bürotür, bis es genau dreihundert waren. Den dreihundertersten, den Überraschungsgast setzte sie auf Rafaels schwarzen Monitor.

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Weihnachtsgeschichten, Wald und Stall

«Tannenbäume aus Papier basteln» brachte 175 Tausend Treffer. Leila fragte sich, ab welcher Zahl Google rundet. Sie sah sich ein Video an und faltete ein Blatt Papier zu einem Dreieck mit Rückenstütze. Das Papier war grau wie totes Holz. Der Baum hatte keinen Stamm, sonst hätte Leila ihn wenigstens fällen können. Er stand sogar stabil, sein einziges Problem: Er war hässlich. Leila legte das Dreieck auf den Altpapierstapel und zog ein neues Blatt hervor. Die zweite Anleitung erklärte ein Origamigefalt, das tatsächlich an ein Holzgewächs mit Stamm und Ästen erinnerte. Leila sah sich das Video einige Male an, bastelte jeweils mehrere Bäume und hatte bald einen Wald. Auf das graue Papier der Zweige klebte sie weisse Papierschnippsel und ihr Wald schneite ein. Als nächstes musste sie den Stall bauen. Leila ging zum Schredder, griff eine Handvoll Papierstreifen und verteilte sie auf Rafaels Schreibtisch. Ihrer war nun der Winterwald, seiner der Stall. Ins Stroh legte sie zwei breite Filzstifte und einen Radiergummi, darauf zwei Punkte, ein «D» und er lachte.

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Weihnachtsgeschichten, Ein guter Mensch werden

«Gut ist, wer gut handelt», stand auf der Weihnachtskarte eines Geschäftspartners. Die Rückseite war mit Vorschlägen zum Gutmenschsein gepflastert: Trinkwasser spenden, einen Brunnen, Augenlicht. Jemand Fremden zu Weihnachten … das Übliche. Trotz ihrer 301 Gäste fand Leila, dass es im Büro zu still war. Im Briefkasten hatte am Morgen ein Faltblatt eines Schnellimbiss gesteckt, der für Heiligabend mit Grünkohlpizza warb. Ziemlich armselig, dachte Leila, griff nach ihrem Privattelefon und rief an. Statt zu bestellen, fragte sie: «Habt ihr zu tun?» Der Mann am Telefon zögerte, dann verneinte er. «Mögt ihr mit uns feiern? Zürich, Blobbstrasse 4, Kreis 5. Ihr müsst nur bei uns anrufen und sagen, dass ihr ein Problem mit der Weihnachtsapp habt. Habt ihr ein Smartphone? Dann ladet ihr euch die Weihnachtsapp herunter, genau: ‹Weihnachtsapp›, und dann sagt, dass ihr ein Problem mit … dem Gästezähler habt, und wir schlagen vor, dass ihr vorbeikommt. Das ist unser Job.» Der Mann zögerte wieder. «Wir würden uns freuen!» Leila legte auf, steckte ihr Handy in eine Socke, die Socke in ihre Handtasche und wartete. Gleich würde ein Kunde anrufen. Der erste heute.

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