Der Niemandsländer

Der Niemandsländer lebt hier und da, aber niemals benennbar. Er unterhält allein Untermieten und vermeidet es tunlichst, seinen Namen an Briefkasten oder Klingelschilder zu schreiben. Der Niemandsländer verwendet Care Of, er knüpft seine Adresse stets an den Namen eines Anderen.

Kürzlich hatte die Vermieterin des Niemandsländers, eine gutmütige Dame mittleren Alters, seinen Briefkasten und neben der Haustüre auch die Klingeltopografie mit seinem Namen versehen.
– Es geht doch nicht an, mein lieber Herr N., dass Sie nirgends angeschrieben stehen. Sie zahlen so vorbildlich Ihre Miete, Sie machen mir keine Sorgen, wenn doch alle Mieter so wären … Nun, ich habe diesen Misstand beseitigt, bitte entschuldigen Sie, dass es so lange gedauert hat.
Kaum hatte der Niemandsländer die Tür hinter ihr geschlossen, brach er in Schweiß aus, ein dünner Film bildetete sich auf dem Rücken, dem Hals, dazu die feuchten Hände: Der Niemandsländer verfasste seine sofortige Kündigung, brachte sie zur Post und packte seine Kleider zusammen. Der Niemandsländer besitzt nicht mehr als er mit zwei Händen davontragen kann. So nahm er zwei Koffer in die Hände, nickte seiner Vermieterin zu, die vor den Briefkästen stand, und verließ das Haus.
Sie schien darüber etwas verdutzt, aber vielleicht verreiste der Niemandsländer, so ein angenehmer Mann, und so dachte sie sich nicht dabei. Der Kündigung am Folgetag lag die großzügige Begleichung der nächsten Monatsmiete bei, sodass sich die Vermieterin erfreut zeigte über den Auszug des Niemandsländers. Nur dass er nichts gesagt hatte, als sie über die Schilder berichtet hatte, befand sie für seltsam. Sie entfernte die Aufkleber, dafür genügte eine zweidaumengroße Flasche Alkohol.

Der Niemandsländer mietete sich derweil in einer Pension ein, die keine drei Straßen weit entfernt lag. Sein Eintrag im Meldeschein war undeutlich, aber da er für eine Woche im Voraus bezahlt hatte, wiederum ein großzügiges Trinkgeld inklusive, und außer durch seine unterschwelligen Unruhe keinen besonders besorgniserregenden Eindruck auf den Rezeptionisten gemacht hatte, kümmerte sich dieser weiter um sein Kreuzworträtsel. Er riet später seinen Namen.

Über Wiebke Zollmann

Geboren 1990. Schreibt, übersetzt, fotografiert. Absolventin des Schweizerischen Literaturinstituts in Biel/Bienne. 2014-2015 DAAD-Sprachassistenz in Eriwan, Armenien.
Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in lyrik & miniatur. Fügen Sie den permalink zu Ihren Favoriten hinzu.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.