Aydan, Julietta & Nazlı

Eigentlich würde ich gern bleiben

Eine georgische Armenierin muss nach den Ferien zurück nach Deutschland, eine Türkin verlässt die Stadt für immer. Eine Reportage über Minderheiten in Georgien

Hüsniye wohnt seit zehn Jahren in Tbilissi. Sie ist eigentlich sehr stolz darauf und wünscht sich eine Zukunft nur in Tbilissi. Trotzdem wird sie in einer Woche zurück nach Istanbul gehen: „Meine Schwiegermutter ist in Istanbul. Hier in Tbilissi kann ich ein freieres Leben genießen.“

Dschanna lebt seit sechs Jahren in Deutschland. Tbilissi ist von ihrer Heimatstadt zu einem Ferienort geworden, aber sie sagt: „Ohne Tbilissi kann ich nicht. Ich bin Armenierin, ich bin stolz auf unsere Kultur, aber ich bin in Tbilissi geboren und aufgewachsen, ich brauche die Stadt.“ Als Tochter armenischer Eltern konnte sie als Kind kein Armenisch, sie hat in der Schule Georgisch gelernt und kommunizierte mit anderen auf Georgisch. Sie ist der Meinung: „Eigentlich ging es mir sehr gut, weil ich von Georgiern als Muttersprachlerin bezeichnet worden bin. Ich hatte viele georgische Freunde, bei denen ich mich wie ein Fisch im Wasser fühle.“

Dschanna hat allerdings kein Verständnis für Armenier, die in Georgien leben, aber keine Lust haben, Georgisch zu lernen: „Ich kann nicht verstehen, wie man in Georgien leben und kein Georgisch lernen kann. Generell, wenn man in einem anderen Land lebt, muss man sowohl Kultur, Sitten und Bräuche als auch die Sprache akzeptieren und lernen.“

Hüsniye sieht das ganz anders. Sie spricht immer noch Türkisch und fühlt sich wohl. „Hier in Tbilissi gibt es viele Türken und selbstverständlich habe ich auch viele türkische Freunde, mit denen ich mit großem Vergnügen meine Freizeit verbringe. Deswegen brauche ich kein Georgisch zu lernen. Ich habe hier keine Probleme mit der Sprache, denn ich habe immer meine türkischen Freunde, von denen die meisten Georgisch sprechen und mir gerne helfen.“

Noch ein anderer Hintergrund, warum Hüsniye gerne in Tbilissi leben möchte, sind die Finanzen. Ihr Mann lebt seit langem in Georgien und verdient genug Geld, ihre Familie hat ein gutes Auskommen. Sie erzählt: „Zuerst arbeitete mein Mann in der Schule, aber da er nicht gut verdiente, hat er die Arbeit verlassen. Dann hat er ein eigenes Kleidungsgeschäft eröffnet und jetzt verkauft er Kleidung, die er aus Istanbul exportiert.“ Doch nun will Hüsniyes Mann zurück nach Istanbul und dort Geschäfte machen.

Auch Dschannas Zukunft liegt nicht in Tbilissi: „Als Student kann ich meine Zukunft nicht in Tbilissi sehen, obwohl ich die Stadt sehr mag. Ohne Verwandte oder Bekanntschaften kann ich hier keine gut bezahlte Arbeit als Ökonomin finden. In Deutschland dagegen habe ich viele Möglichkeiten und außerdem lebt meine Familie dort. Die beste Lösung für mich wird sein, in Deutschland zu arbeiten, aber unbedingt mindestens drei- oder viermal im Jahr nach Georgien zu meinen Großeltern und meinen Freunden zu fahren.“