Von Aydan, Julietta & Nazlı 

Ein freies Leben

Die Stimme einer einzigen Frau bricht die Stille in einem türkischen Café mitten in der georgischen Hauptstadt Tbilissi: „Es ist hier sehr schön. Ich will nicht in die Türkei gehen. Hier habe ich meine Ruhe. Und vor allem will ich ungern mit meiner Schwiegermutter zusammenwohnen.“

Es ist 12 Uhr, Hüsniye trifft ihre türkischen Freundinnen zum Frühstück in Georgien. Es gibt türkische Küche, türkischen Tee, türkischen Kuchen und diverse Sorten Lokum. Fast alle Menschen im Café sprechen Türkisch, nur ab und zu kommen Georgier. Durch die Scheiben des Cafés hörte man einen georgisch-türkischen Dialog:

„Kommt ihr aus der Türkei?“– „Ja. Wir sind Studenten aus der Türkei und möchten ein Interview mit Türken durchführen.“ – „Ach, gerne, kommt, wir gehen in ein Restaurant, wo wir türkisch frühstücken und ein Interview führen können!“

Hüsniye hat sich in Georgien eine kleine Türkei geschaffen. Dass Hüsniye kein Georgisch gelernthat, stellt im Alltag kein Hindernis dar: „Es gibt hier einen türkischen Basar. Es gibt auch viele türkische Läden und Restaurants. Man kann seine Routine in einer türkischen Umgebung ganz gut organisieren.“ Für ihren Mann dagegen ist das Georgische Handelssprache. Mit seinem Kleidergeschäft verkehrt er auch in Gesellschaft türkischer Geschäftsmänner und -frauen.

Hüsniye spricht auch gern über die Einstellung der georgischen Regierung gegenüber den Minderheiten in Georgien. Sie sagt, dass die Menschen frei und locker sind, um ihre Meinungen zu äußern. „Ich finde die georgische Regierung am besten. Man muss nicht unbedingt Georgisch lernen, um hier zu wohnen. Ich persönlich wohne schon seit zehn Jahren hier, aber ich kann fast gar kein Georgisch. Natürlich sollte man die Sprache während desAufenthaltes unbedingt lernen und beherrschen, um sich verstehen zukönnen. Aber das kann man hier auf Russisch und auch auf Türkisch machen. Ein paar Monate habe ich an einem georgischen Sprachkurs teilgenommen, aber dann bin ich schwanger geworden und habe aufgehört.“

Die Sonne des Herbstes reicht fast in jede Ecke im Restaurant und bringt Wärme, die Bilder glitzern an den Wänden. Anhand der Bilder lässt sich erkennen, dass der Besitzer Blumen sehr mag, ansonsten wirkt es hier wie eine kleine Türkei; die Bedienung spricht Türkisch, aber einige Kellner sprechen Georgisch, ohne Akzent … Das Zusammenleben erleichtert es offenbar, Kontakte zu knüpfen. Aber das ist noch nicht alles: Ein Kulturzentrum, von dem Hüsniye berichtet, dass es sich in Tbilissi befindet, bietet Türken auch die Möglichkeit, in eine türkische Schule zu gehen und dort zu lernen. Außerdem können sie in Georgien in einer Moschee beten. Sie erzählt auch, dass es sehr viele Gemeinsamkeiten zwischen der Türkei und Georgien gibt: „Die beiden Länder haben eine gemeinsame Kultur und ihre Menschen sind sehr gastfreundlich und hilfsbereit. Die kaukasischen Tänze sind meistens den türkischen ähnlich. Das bemerkt man sofort bei den Hochzeiten. Trotzdem sind die georgischen Hochzeiten prächtiger. Wir bevorzugenes eher, auf Plastikstühlen zu sitzen und statt im Luxus nur mit Getränken zu feiern. Nebenbei spielt die Religion eine wichtige Rolle im Alltag. Zum Beispiel fasten sie [die Georgier] über 40 Tage. Aber das Fasten unterscheidet sich ein bisschen von dem im Islam. Man darf nur bestimmte tierische Produkte nicht essen und man darf auch rauchen.“

Es geht auch um das Essen und man bemerkt sehr schnell, dass Hüsniye die türkische Küche bevorzugt. Sie fügt hinzu: „Hast du gesehen? Die Leute in Georgien sind sehr dick oder sehr dünn. Die meisten jungen Leute sind sehr dünn und sie werden einfach dick, wenn sie alt werden. Sie essen kein gesundes Essen, sondern nur schnell Gekochtes. Sie kochen und essen nicht so viel zuhause – im Gegensatz zu uns.“ Hüsniye kocht gern zuhause. Es ist gar nicht schwer, die Zutaten zu finden: Es gibt türkische Bazare und Supermärkte dafür, aber man kann türkische Weizengrütze, türkischen Reis und Süßigkeiten nicht nur in türkischen Supermärkten kaufen, sondern auch in georgischen. Mustafa Abi etwa, ein typischer türkischer Geschäftsmann, besitzt einen türkischen Markt – und falls man kein Geld dabei hat, schreibt er den Preis in sein Heft und man bezahlt später. Außerdem gibt es auch Basare, auf denen man viele verschiedene Gemüse- und Obstsorten finden kann. Die sind auch immer frisch und bio – im Gegensatz zu den Basaren in Istanbul. „Zieht mal hierher um, Mädels“, sagt sie lachend. Sie fährt fort: „Zusätzlich essen wir kein Schweinfleisch. Deswegen gehen wir nicht in die georgischen Restaurants, in denen kann man nicht so vielfältige Gerichte bestellen. Wir wissen auch, wer Schweinfleisch verkauft und wer nicht. Auch außerhalb gibt es viele türkische Restaurants. Deshalb sehnt man sich nicht nach der Heimat.“

Hüsniye besucht die Türkei ein- oder zweimal im Jahr. Sie findet es nach Georgien stets wieder sehr schwer, in der Türkei Zeit zu verbringen. Zusätzlich ist es auch nicht angenehm, immer die Verwandten zu besuchen. „Wir denken, es wäre besser für uns, nicht in die Türkei zu fahren.“

Da sie fast alles hier hat, möchte sie überhaupt nicht nach Istanbul umziehen. Wie die meisten Frauen will auch sie nicht mit ihrer Schwiegermutter zusammenwohnen. Weil ihr Mann aber wegen der Arbeit nach Istanbul gehen soll, müssen sie Tbilissi verlassen. Das tut ihr wirklich leid, weil sie ihre Freunde und ihr Leben in Georgien vermissen wird. „Das ist für mich auch eine finanzielle Frage“, fügt sie hinzu. Im Alltag genießen er und Hüsniye es, dass die Preise in Georgien deutlich niedriger sind als in der Türkei: „Benzin, Auto, Gemüse oder auch Obst sind hier beispielsweise billiger. Davon abgesehen bin ich hier ruhiger. Jetzt bin ich gespannt, wie es in Istanbul laufen wird“, erzählt sie weiter.

Die Spielecke ist ganz ruhig, die Barbies schauten ganz leise und still, sie warten sicher auf Kinder. Die Wände und der Boden sind so sauber wie ein Spiegel. Das Restaurant befindet sich an der Agmaschenebeli Avenue – nach Meinung der Türken also schon an der türkischen Straße.

Hüsniyes Alltag beginnt um 9 Uhr: Sie weckt die Kinder auf, bereitet das Frühstück vor und macht danach ein bisschen Haushalt. Später am Nachmittag trifft sie sich mit ihren Freunden und sie machen entweder ein Picknick oder sitzen zuhause und plaudern. „Ich verstehe nicht, wo immer mein Tag bleibt. Ich habe keine Zeit für den Haushalt, deshalb brauche ich unbedingt Hilfe von einer Putzfrau“, fügt sie hinzu.

Beim Abschied zeigt sie noch einmal ihre Gastfreundschaft und erklärt, wenn wir das nächste Mal nach Tbilissi fahren, sollten wir ihr Bescheid geben.