„Gesänge der Weisheit“ – mittelalterliche Lyrik von Kostandin Jersnkazi

Auszüge aus der deutschen Übersetzung von Anahit Avagyan und Wiebke Zollmann

Über den Unwissenden, der falsche und nutzlose Worte spricht und gegen den Weisen ist

1
Tausend Klagen bring’ ich hervor, gewaltig seufze ich und weine
Ob der Taten der Unwissenden verbrenne ich mir die Seele an einem unstillbaren Feuer
Ich bin dumm geworden und verrückt und wandle in Trauer
Und ob der Dummen und Narren quäle ich meine Seele oft

2
Ich habe keine Ruhe, immer wieder verwunden mich jene, die Dummes sagen
Denn sie sagen kein sinnvolles Wort, geben keinen nützlichen Rat
Ihr Antlitz ist form widerlich, sie sind am Leben, aber ohne Seele
Ihnen fehlen die Augen des Verstands, sie sprechen über niemanden gut

3
Für den Weisen haben sie nur Hass, nennen ihn verrückt und verschlagen
Seine guten Taten verbergen sie und alles Schlechte erwähnen sie oft
Wenn es Menschen gibt, die von ganzem Herzen rein und tugendhaft sind
So sind sie das grelle Gegenteil jener, die unrein sind und Schreckliches tun

4
Das Schlechte hasst die Güte und das Böse ist listig gegen alles Gute
Und der Unwissende wünscht dem Weisen nichts Gutes
Wenn du ihm süß und freundlich ein, zwei Ratschläge gibst
Meidet er dich, grollt und ist dir feindlich gesinnt

5
Wer kann je über den Weisen triumphieren, auch wenn er mit aller Macht Böses tut
Oder schamlose Worte sagt, lügt und verleumdet
Der eine ist Licht, der andere Dunkelheit, und es ist unmöglich, sie zusammenzubringen
Denn der eine flieht den anderen weit und lebt an verborgenen Orten

6
Das finstere Tun geschieht in der Dunkelheit und besteht im Verborgenen
Wie könnte es im Licht erscheinen, scheut es doch, sich zu offenbaren
Und schätzen die Unwissenden das unwissende Wort noch so hoch
Wenn es vor einem Weisen erscheint, ist es machtlos

7
Wer des Weisen Feind ist und ihm Böses wünscht
Möge er verstehen, dass er nun Judas gleicht und Ihn unter Folter kreuzigt
Wer schamlos und spöttisch über den Gerechten spricht
Sündigt gegen Gott und wird am gewaltigen Bösen zugrunde gehen

8
Der Weise ist der Morgen und ein Bote guter Kunde, die er fröhlich überbringt
Aber der Gedankenlose verharrt in der Dunkelheit, gemästet von einem traumerfüllten Schlaf
Der Weise ist sonnenhell und voller Licht
Aber der Gedankenlose ist schmerzerfüllt und Heim und Statt der Dunkelheit

9
Der Weise ist ein Garten voll prächtiger Blumen
Doch das Herz des Gedankenlosen ist voll Dunkelheit und düstrer Kälte
Der Weise trägt die Früchte des Guten, sie schmecken nach Unsterblichkeit
Doch der Gedankenlose ist fruchtlos, dürr und voller Dornen

10
Der Weise schätzt die Welt gering
Aber das Herz des Gedankenlosen ist voller Hingabe entzündet
Die Gedanken des Weisen sind zufrieden und gestärkt
Doch der Gedankenlose ist hungrig und durstig, das Auge voll Habgier und Verlangen

11
Der Weise selbst geht auf dem Pfad der Wahrheit
Aber der Verstand des Gedankenlosen ist blind, er sinkt in einen Abgrund und ins Meer
Der Weise fürchtet nicht, dass ihn ein Schwert treffen könnte
Doch die Worte der Dummen verwunden Körper und Seele

12
Der Gedankenlose und der Schurke wissen nichts von Gott
Dass Christ unser Herr gefoltert und gedemütigt wurde
Den Gedankenlosen hielt Er für unwürdig, um Sich ihm zu offenbaren
In der Dunkelheit ließ Er ihn blind, gedankenlos und seelentot zurück

13
Vom Blut des heiligen Abel bis heute waren sie ein Zeichen für euch
die Propheten und Aposteln und von Gott auserwählten Heiligen
Manche wurden gesteinigt, andere mit dem Schwert gespalten
Und auf Erden blieb niemand übrig, der noch nach den Gesetzen lebt

14
Die ganze Welt ist ein Wolf und vereint in einer einzigen Versammlung
Aber wo ist der Friede für ein Lamm, das unter Wölfen lebt
Wer weise ist und mit lebendigem Herz nach Weisheit strebt
Möge er diese Welt nicht kennen, weil er ihr entsagt

15
Wer ruhmreich ist und in den Augen der Menschen von großer Würde
Und Überfluss liebt und Lobpreis genießt
Wenn er von Fremden tadelnde Worte über seine Gaben hört
Wird er so tödlich getroffen, dass keine Arznei ihn mehr heilt

16
Aber wer heilig ist und rein und ehrlich handelt
Er freut sich nicht, wenn man ihn preist, Rufmord grämt ihn nicht
Wenn er einen armen Menschen trifft oder einen König mit goldener Krone
Wird er sie als ebenbürtig ansehen, einander gleich und ohne Unterschied

17
O Gedankenloser, wenn du deinen Teil der Dinge nicht zur Hand hast
Kein Haus voller Schätze oder einen Geldbeutel mit zwei Münzen
Warum hältst du dich dann nicht an den Weisen, sprichst wenig
Damit du nicht jeden Augenblick nackt und beschämt dastehst

18
Wenn du mit nur mit Gold überzogenes Kupfer bist
Warum stehst du so schamlos an den Goldstein
Und du verlangst das reine Gold anderer, tausendfach im Feuer geprüft
Du willst es mit dem falschen mischen

19
Für mich ist es besser, unter Menschen fressenden Untieren zu leben
Als dass ein gedankenloser Dummer törichte Worte zu mir spricht
Die Gedanken des Unwissenden sind schwach und haben keinen Bestand
Noch geduldet er sich einen Moment lang, um ein paar Worten Beachtung zu schenken

20
Kostandin, warum bist traurig und wirst so schnell ärgerlich
Warum quälst du dich mit düsteren Betrachtungen über die Dummen und Gedankenlosen
Du kannst nicht alle dazu bringen, dir recht zu geben und dich zu mögen

21
Wenn du in Frieden leben und deine Seele nicht erschöpfen willst
Dann folge nicht dem Ruhm, falle nicht in das grenzenlose Meer
Denn das Meer kennt keinen Frieden, der Wind wirft immer Wellen
Und wer aus Erde gemacht ist, wird dort nicht standhaft bleiben

*

Diese Übersetzung entstand im Sommer 2021 mit freundlicher Unterstützung von „Kultur ans Netz“. Um weitere Gedichte zu lesen, schreiben Sie mir.

Über Wiebke Zollmann

Schreibt, übersetzt, fotografiert. Absolventin des Schweizerischen Literaturinstituts. Mentorin bei Online-Literaturmentorat. Texterin & Fotografin für The Naghash Ensemble aus Armenien
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