im zug

er sagte, ich solle zuschließen. er sagte es auf einer sprache, die ich nicht verstand, aber er drehte dabei die hand, als verschließe er etwas, und er zeigte auf eine kleine kette, die neben der obersten liege hing, ich war allein im abteil.

er brachte bettzeug, das ich neben mich legte. als er eine stunde später sah, dass ich noch immer neben dem bettzeug lag, scheuchte er mich auf und bezog die liege. er war klein, rundlich, ein großvater.

ich schlief knopfschmerzlastig. ein pochen zwischen den augenbrauen. vor dem fenster kaufland.

ich las kapuscinski: die welt im notizbuch. wir hielten in sichtweite eines bahnhofs. ein bahnhof ist ein ort, wo ein zug hält und menschen zu- und aussteigen. könnten. zwei grenzer stiegen zur passkontrolle in den zug. der schaffner stand am fenster und warf brotstücke hinaus. das brot fiel auf hohes gras, das so trocken war, dass es unter dem brot aufrecht blieb. ein hund lag daneben und rührte sich nicht.

der schaffner stieg aus und füllte mit trinkbrunnenwasser einen kanister. neben ihm tollten zwei hunde. der brothund hatte, da der schaffner nicht mehr hinschah, ein brotstück geschnappt und kaute daran. er blieb liegen, als der zug sich in bewegung setzte. von nun an waren alle ortsnamen kyrillisch, ich lokaler analphabet. der großvater fragte, ob ich zigaretten wolle, er hatte bleistiftdünne. oder tee. komm, komm, der einladene arm, und stopp, die schließende hand.

[sommer 12]

Über Wiebke Zollmann

Schreibt, übersetzt, fotografiert. Absolventin des Schweizerischen Literaturinstituts. Mentorin bei Online-Literaturmentorat. Texterin & Fotografin für The Naghash Ensemble aus Armenien
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