notate: friederike kretzen im gespräch mit urs engeler

am 16. april 2012 hatte der cap, der masterstudiengang contemporary arts practise an der hkb, zur lesung von und diskussion mit friederike kretzen eingeladen. sie las aus natascha, véronique und paul, einem 2012 erschienen buch, das stroemfeld in der verlagsvorschau roman nennt, diese bezeichnung aber vorsichtshalber nicht auf das buch druckt. zur anschlieszenden diskussion einige notate:

  • heimweh als heimsuchung!
  • urs sagt, heimweh sei ein schweizerisches wort. (der duden gibt ihm recht, heimweh: ursprünglich medizinischer fachausdruck in der schweiz)
  • friederike antwortet, sie kenne heimweh als etwas sehr deutsches, gerade prägend für die nachkriegszeit: das heimweh nach den toten und denen, die nicht aus dem krieg zurückgekommen sind
  • die autorin sagt über die hintergründe ihrer figuren: ich weisz auch nicht mehr, als das, was im buch steht.
  • konzept des identifizierens: nicht im sinne der literatur, es geht stattdessen ums hängen bleiben, sich wundern und sich stoszen – kurzum: um die irritation
  • eine bewegung, die sich im buch wiederhole: die heimsuchung und das heimgesucht werden
  • erinnerung ist etwas, das einem geschieht -> da findet heimsuchung statt
  • dass die figuren anfang der 80er jahre poster von marx und virginia woolf in der küche hatten, ist ein ganz bestimmtes konzept von wirklichkeit
  • friederike: das buch behandelt die frage: wie kann ich mich von einer zeit verabschieden, die zuende gegangen ist?
    urs: warum sollte ich das tun?
    friederike: damit sie weitergehen kann.
  • was heiszt es schon, dass eine zeit vorbei ist? sie ist ja gewesen? also ist sie da, es gibt sie.
  • und wo sind die erfahrungen, die wir gemacht habe? (im 9. band bei proust geht es nur darum!)
  • urs: was ist für dich schreiben?
    friederike: das macht mich sprachlos, die frage. darüber spreche ich doch die ganze zeit.
  • friederike: diese frage, was sind für sie die leser?, man könnte genauso gut fragen: was sind für sie die engel, die kirchen, wenn sie schreiben? (ein äuszerst lesenswerter aufsatz dazu ist in der woz vom 13.10.2011 erschienen)
  • die arbeit am text: die umschichtungen des hinschreibens, des wegschreibens
  • die selbstermächtigung des autors: alles, was sich im schreibprozess ereignet, gehört zu diesem projekt.
  • hör nie auf, alles, was dir geschieht, wahrzunehmen und ernst zu nehmen!
    -> dann befindest du dich in einer landschaft
  • die frage nach der mentorschaft:
    urs, da bist du doch erste leserin!
    friederike: dritte. es geht vor allem ums zuhören.
    urs: man stärkt am anderen, was man schon wahrnehmen kann, was er schon ist?
    friederike: barthes spricht vom prozess des entlernens. vieles, was wir gelernt haben, hinter und bremst uns. es geht vor allem darum, probieren zu dürfen.
  • ich selbst trage die verantwortung gegenüber meinem text – das kann ich niemandem überantworten.
  • urs: das mentorat als echoraum? – und dadurch verstärkung
    friederike: schlüsselbegriff ist aber das zuhören
  • melanie klein, eine psychoanalytikerin anfang des 20. jahrhunderts, beobachtete babies, die von ihren müttern getrennt wurden. um sich über die einsamkeit hinwegzutrösten, begannen die kinder, wörter aneinander zu reihen.
    -> die wörter haben damit die funktion des guten objektes
  • im gespräch mit sich selbst zu sein – da ist die welt anwesend: das ist sprechen an die und mit der welt
  • die sorge um den adressaten / den leser braucht man sich nicht zu machen
  • in dem moment, wo ein wort da ist, ist es schon an die welt adressiert
  • proust: auf der spitze des besonderen entfaltet sich das allgemeine
  • ich weisz nicht, was für andere interessant ist
    ich weisz nur, was für mich interessant ist, wenn ich davon träume, ein anderer zu sein
  • wichtig ist, dass es dieses buch gibt. wie es – und ob es gelesen wird – kann ich nicht beeinflussen. ich finde es aber wichtig, dass es in der welt ist
  • man hat nicht so viele themen und wahlmöglichkeiten, aber man sollte an dem wenigen dranbleiben, was man kann. die grösze des beeinflussbaren ist sehr beschränkt
  • ja, es kann kränken, wenn man keinen riesigen erfolg hat – und kein grass ist. dafür kann man vielleicht einen schönen satz schreiben
  • in der diskussion: die antimainstream-theorie: das, was überdauert, ist nicht kein mainstream
  • wir müssen uns auch daran gewöhnen, dass wir uns ständig täuschen
  • ich bin doch durchdrungen von der welt, die mich umgibt. auch im stillen kämmerlein
  • das entlernen als privileg, zu dem man sich bewusst entscheiden kann
    das entlernen als eine arbeit, an andere möglichkeiten zu kommen

Über Wiebke Zollmann

Schreibt, übersetzt, fotografiert. Absolventin des Schweizerischen Literaturinstituts. Mentorin bei Online-Literaturmentorat. Texterin & Fotografin für The Naghash Ensemble aus Armenien
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