heute abend. da draußen.

eine weiße linie
in den himmel
gezeichnete reinheit

das regenwasser würde ich
nicht trinken aber es
ist deine entscheidung

menschenleere straßen
die hunde haben sich
in die hinterhöfe verzogen

wo die obdachlosen
mit kerzen das ungeziefer
verbannen

langsam zieht das gewitter
aus meinem blickfeld
und ich schließe die tür.

Verzeihung bitte

In die Luft geschrieben
schwindet die Bilanz
des Tages das habe
nicht ich erlebt

sicher nicht denke ich
dann lacht das Schicksal
am Telefon:

Ich solle die letzten Tage
bitte vergessen es habe
versehentlich
Adressen vertauscht.

Kaskaden und Siegespark in Jerewan

„Wo kann ich denn jetzt noch ein Weilchen spazieren gehen?“, frage ich meine armenische Freundin. „Maschtots hoch und runter“, ich schüttle den Kopf, denn „das kenne ich doch schon. Ich wollte jetzt einen Insidertipp.“ „Nimm die Kaskaden, dahinter ist der Siegespark, damit müsstest du beschäftigt sein.“

Kaskaden - eine Treppensymbolik

Hundert Meter hoch steigt man auf weißen Treppenstufen von der Innenstadt zum Siegespark hinauf. Für müde Wanderer gibt es Rolltreppen im Inneren der Kaskaden, aber ich will mich bewegen. Bei wolkenlosem Himmel starte ich meine Wanderung in die Höhe – dort, wo, einige Baustellen umgehend, sich ein herrlicher Ausblick über die Jerewan bietet.

Ausblick von den Kaskaden

Von dort sind es wenige Meter zum Siegespark „Haghtanak“ mit der Mutter Armeniens. Alte Cafékomplexe zerfallen und werden zerwuchert. Um die Mutter Armeniens stehen Kanonen, Panzer und ein Flugzeug, sie erinnern als Freiluftmuseum an den zweiten Weltkrieg – und sind nebenbei ein beliebter Hintergrund für Familienfotos.

Wenige Meter weiter findet sich ein großer Vergnügungskomplex mit Karussells, Booten, Kiosken und einem Riesenrad. Die Cola- und Fantawerbung an den Gondeln wirkt sonderbar, dabei lässt sich die sowjetische Herkunft der Anlage nicht leugnen. Für 300 AMD, rund 0,60 Euro kann man Riesenrad fahren, andere Aktivitäten haben ähnliche Preise.

Riesenrad mit Werbung

Solange man nicht beachtet, dass eine Lehrerin rund 100 Euro im Monat verdient, klingt das verlockend.

Sommergewitter in Jerewan

Für gewöhnlich ist es heiß in Jerewan, heiß und trocken. Durch die vielen Baustellen verbreitet sich Staub. Die Durchschnittstemperatur im Juli liegt bei 25,1 °C, nur 13mm Niederschlag fällt.  Zum Vergleich Berlin: 19,2°C und  55,8mm.

Unwetter, Gewitter dagegen sind ungewöhnlich in Armenien. In meiner Zeit hier gibt es sie verhältnismäßig häufig. Außerordentlich stark war das Gewitter am 5. Juli 2009: Dächer fielen von Häusern, Bäume knickten um. Ich stand unter dem Schutz eines deutschen Bankvordaches und sah zu.

Unwetter in Jerewan

Haritschawankh

Aus Gymri fährt eine Marschrutka direkt in das Dorf Haritsch. Vierzig Minuten, 300 AMD, rund 60 Cent. Als ich aussteige, finde ich mich zum ersten Mal allein in einem armenischen Dorf wieder. Natürlich nicht ganz allein, ein junger Armenier zeigt mir den Weg zur Kirche, Haritschavankh. Es ist kalt hier, angenehm kühl für armenische Verhältnisse. Von den Befestigungsmauern kann man in das Tal sehen, Jugendliche haben sich am Hang niedergelassen.

Ausblick nahe Haritschavankh

Ich fotografiere und treffe auf zwei Frauen und einen Jungen. „Wer bist du, was machst du.“ Mit Englisch und Armenischbrocken kommen wir ins Gespräch, sie laden mich zum Kaffee ein – woraus ein ausgedehntes Mittagessen wird, bevor um zwei Uhr ein Bus, mein erster großer Bus in Armenien,  mich nach Arthik bringt. Aus der sieben Kilometer und 100 AMD, 20 Cent, entfernten kleinen Stadt fahren Marschrutki nach Jerewan. Eineinhalb Stunden, 1.300 AMD, 1,60 Euro. Einmal Metro, 50 AMD, 10 Cent, und ich bin daheim.

Gyumri. Ein erster Besuch

An der Metro-Station „Zoravar Andranik“ warten Marschrutki in beinahe alle Regionen Armeniens. Dabei ist das nur eine der Sammelstellen für die armenischen Kleinbusse. Meine Reise geht nach Gyumri, die zweitgrößte Stadt Armeniens. Knapp zwei Stunden benötigt unsere mit 16 Leuten auf 15 Sitzplätzen verhältnismäßig gering besetzte Marschrutka für rund 130 Kilometer in den Nordosten. Eine Fahrt kostet 1200 AMD, rund 1,40 Euro. In Gyumri angekommen empfängt mich am Straßenrand die 13-jährige Schwester einer Kollegin. Sie wohnt zusammen mit Mutter und Großmutter in einem gemütlichen Häuschen nur wenige Minuten von der Innenstadt entfernt. Lilit lernt an der deutschen Schule in Gyumri, einmal war sie schon in Deutschland. „Das war die beste Zeit meines Lebens!“, sagt sie und lächelt. Mit bemerkenswerter Ausdauer führt Lilit mich durch die Straßen, zeigt mir das Hausmuseum eines Schriftstellers, die Ausstellung der Bilder der Schwestern Aslamazya, das Stadtzentrum mit den herrlich alten Häuser, die in der Innenstadt noch erhalten sind.

Gymri - Ein Detail der alten Bürgerhäuser

Für die Kirchen in der Innenstadt kommen wir zu spät und genießen stattdessen den Ausklang des Tages an einem Springbrunnen mit Blick ins Grüne. Der Reiseführer und die Einwohner in Gyumri sind überzeugt: „Hier ist alles besser als in Jerewan“, leugnen lässt sich das dieser Tage nur schwerlich.

Es gibt fast alles – ein Tagesrätsel

Auf der Vernissage, dem wochenendlichen Kunstmarkt, kann man fast alles kaufen. Bücher – Kopien von Büchern -, Hausrat, Dieselmotoren. Motorräder. OP-Besteck. Hundehalsbänder.  Kunst.

Große europäische Ketten bevölkern die Innenstadt, Benetton, Villeroy & Boch, Bosch, Siemens. Kaffee von Segafredo. Ein verkapptes IKEA. Nur McDonald fehlt, das nächste wäre in Tiflis.

Dieses Bild ist das Rätsel des Tages. Wer es löst, bekommt eine Postkarte: Welche Firma verbirgt sich hinter dieser Fassade?

Tagesrätsel

Ein besonderer Ort der Literatur

Denken Sie bei diesem Titel an das Matenadaran? Recht haben Sie. Aber Jerewan hat noch mehr zu bieten.

Außenansicht der Chnko-Aper Kinderbibliothek in Jerewan
Außenansicht der Chnko-Aper Kinderbibliothek in Jerewan

Gegenüber liegt ein künstlicher Teich, im Winter wird er zur Eislaufbahn. Immer im Blick auch die Statue von Arno Babajanian, einem armenischen Komponisten aus dem 20. Jahrhundert. Besonderes Merkmal der überlebensgroßen Figur – seine riesige Nase. Sie ist blank von den vielen Händen, die darüber streichen. Ihr – der Statue und Nase – gegenüber liegt ein unbekannterer, doch auch einmaliger Ort in Jerewan.

Die Nationale Chnko-Aper Kinderbibliothek. Sie ist in zweierlei Hinsicht etwas Besonderes in Armenien – weil sie als reine Kinderbibliothek jungen Leser kostenlosen Zugang zur Literatur bietet. Und weil, etwas verborgen im zweiten Stock, der deutsche Lesesaal untergebracht ist.

Das Gemeinschaftsprojekt des Goetheinstitut und der Kinderbibliothek umfasst rund 5000 Medien, darunter 4000 Bücher, 400 Videos/DVDs, 400 Tonkassetten und 400 CD/CD-ROMs.

Ein Raum Deutschland mit erzählende Texten, Literaturgeschichte und Sprachlernprogrammen. Gleich am Eingang steckt DIE ZEIT in einem Ständer. Dahinter deutsche Zeitschriften, Stern, Brigitte, Geo. Auf einem Tisch liegen CHIP von 2007. In einem geöffneten Kreis stehen Holztische und Stühle, hier sitzen die Leser, außer mir zwei Armenierinnen.

Zwei Mitarbeiterinnen sitzen an Computerarbeitsplätzen. Auch Filme könnte man sehen, Hörbücher hören oder deutsche Musik. Ich verliere mich in der Lektüre einer alten ZEIT – und zugegeben auch in der Brigitte. Ein Ausflug in einen Romananfang Thomas Manns.

Nach eineinhalb Stunden verlasse ich den Deutschen Lesesaal, ein nettes Kulturgemisch: Unbürokratisch undeutsch – und ein bisschen erlesbare Heimat. Das mache ich jetzt wöchentlich, Danke Goethe.