Was heißt „Linsen“ auf Georgisch

Von Ketevan, Parvin, Sahiba, Zumrud

Parvin steht im Supermarkt, er vermisst die aserbaidschanische Küche. Seit Monaten hat er seine Lieblingsspeise nicht gegessen: Linsen. Er läuft zur Lebensmittelabteilung, sucht und sucht, bringt alles durcheinander, aber die Linsen kann er nicht finden. Und jetzt hat er keine Wahl mehr: Er muss versuchen, auf Georgisch zu fragen, ob es hier Linsen gibt.

Parvin ist ethnischer Aserbaidschaner aus dem Dorf Sadakhlo in Marneuli. Das Dorf liegt im Südwesten Georgiens an der armenischen Grenze. Parvin wurde 1994 in Sadakhlo geboren und ist dort aufgewachsen. Er hat die georgischeStaatsangehörigkeit. Seine Familie ist fünfköpfig: Vater, Mutter, eine Zwillingschwester, ein Bruder. Der Vater ist Therapeut, die Mutter ist Frauenärztin. Beide Geschwister studieren Medizin in Tbilissi. Parvins Vorfahren waren allesamt Mediziner. Er als Politikwissenschaftler bildet die Ausnahme in der Familie. Seit 2013 studiert er Internationale Beziehungen an der Staatlichen Universität Tbilissi.

Als Parvin sich entschloss, in Tbilissi zu studieren, kannte er nur einige georgische Wörter: „Selbst nach zwölf Jahren Schule wusste ich nur ein Wort auf Georgisch. Das leichteste Wort: ‚ia‘ – violett.“ Aber eines Tages kam eine Gruppe aus Tbilissi zu Parvins Schule. Sie stellten den Schülern ein Programm vor, das Parvins Leben gründlich verändern sollte: Das Programm „1+4“ ermöglicht es Angehörigen von Minderheiten in Georgien, die Aufnahmeprüfungen für die Universität in ihrer Muttersprache abzulegen und gebührenfrei zu studieren. Die Schüler erhalten ein Stipendium, lernen im ersten Jahr Georgisch und setzen dann ihr Studium wie die anderen Georgier fort.

Aber das Programm fordert viel von den Stipendiaten: „Eine Freundin? Ich habe doch Georgisch gelernt und lerne immer noch. Wenn ich damit fertig bin, kann ich vielleicht daran denken.“

Das Problem der mangelnden Sprachkenntnisse betrifft viele der aktuell 233.024 Angehörigen der aserbaidschanischen Minderheit in Georgien. „Es gibt einen großen Mangel an Ressourcen, die Schüler haben keine Materialien auf Georgisch und selbst wenn es Materialien gäbe, gibt es keine Lehrer, die selbst gut genug Georgisch sprechen, geschweige denn es lehren können. Manche Materialien kommen aus Aserbaidschan, sie sind in Aserbaidschanisch verfasst. Aber diese Materialien sind nicht nützlich für uns.“

Die Ferien verbringt Parvin gerne in Sadakhlo und freut sich über positive Veränderungen: „Die Situation hat sich in der jüngeren Vergangenheit ein bisschen gebessert, georgische Lehrer kommen mit einem eigenen Programm aus Tbilissi. Die Schüler hören echtes Georgisch. Learning by doing ist sehr wichtig beim Sprachenlernen.“ In den Schulen wird Georgisch fünfmal pro Woche unterrichtet. Das Programm allein kann aber nicht die ganze Region abdecken, denn es sind nicht viele Lehrer mit dem Gehalt in den Regionen zufrieden. Von diesem Gehalt kann man nicht leben, deshalb haben sie kein Interesse, dort zu arbeiten. Und da die Schüler deshalb Georgisch nicht gut können, haben sie Problem bei den Aufnahmeprüfungen. Sie lernen in der Schule in der einen Sprache, müssen aber die Prüfung in einer anderen ablegen. Deshalb bevorzugen die Jugendlichen ein Studium in Aserbaidschan; manche sind zum Studieren nach Aserbaidschan gegangen und lebten nach dem Studium weiterhin dort, denn wegen der sprachlichen Probleme können sie keine Arbeit in Georgien finden. „So verlassen die besten Freunde uns leider für immer. Aber ich gewinne immer mehr neue georgische Freunde, mit denen ich meine Zeit am besten verbringe.“

Während des Gesprächs betont Parvin mehrmals, wie ihn die georgischen Kommilitonen und Lehrer an der Universität beim Studium unterstützen. „Ich habe den ganzen Tag in der Bibliothek verbracht und mithilfe meiner georgischen Freunde habe ich es geschafft, alle Semesterprüfungen abzulegen. Auch die Lehrer an der Uni haben in Betracht gezogen, dass Georgisch für uns noch eine Fremdsprache ist und wir damit Schwierigkeiten haben können.“

Kulturelle Missverständnisse sind ebenfalls unvermeidlich. Seine georgischen Freunde in Tbilissi haben gelegentlich eine unbegründete Meinung über die Angehörigen von Minderheiten in Georgien. Manche von ihnen wissen nicht einmal, dass es eine aserbaidschanische Minderheit in ihrem Land gibt. Andere denken, dass die Minderheitenvertreter Georgien nicht für ihre Heimat halten. Aber wie die anderen Menschen der aserbaidschanischen Minderheit empfindet auch Parvin Georgien als seine Heimat.

Er hat auch schöne Erinnerungen: „Einmal haben wir mit georgischen Studenten zusammen ein Projekt in Borjomi durchgeführt. Am vierten Tag des Projekts, dem 12. Mai, hatte ich Geburtstag. Um 12 Uhr wurde plötzlich an meine Tür geklopft und als ich öffnete, standen viele Leute vor mir. Ich verstand nicht gleich, was passierte: Sie haben mir zum Geburtstag gratuliert und mich zu einer sehr schön organisierten Party mitgenommen. Die Leute, die ich neu kennengelernt hatte, haben meinen Tag perfekt gemacht. Ich liebe meine georgischen Freunde!“

Parvin ist Muslim und betet gern. Er erklärt, dass die aserbaidschanische Minderheit religiöse Freiheiten genießt. Es gibt drei Moscheen in Marneuli: „Vor kurzer Zeit haben wir das Opferfest gefeiert und von der Stadtverwaltung wurde den Familien Opferfleisch als Festgeschenk gegeben.“

Die Minderheiten in Georgien haben viele Probleme; manche werden allmählich gelöst, andere nicht. Im Bereich der Ausbildung sind viele Verbesserungen nötig. Hierzu gehören Ressourcen, aber auch Aufklärung und Arbeitsprobleme. Die Leute kennen viele ihrer Rechte nicht, sie sind immer vorsichtig und haben Angst davor, Fehler zu machen. Die Gesetzestexte werden nicht ins Aserbaidschanische übersetzt. Sie werden trotzdem oft auf Aserbaidschanisch benötigt; manchmal werden sie dann von der Stadtverwaltung teilweise übersetzt. Ich helfe bei so einer Übersetzung und erkläre den Leuten immer etwas über ihre Möglichkeiten und über die Programme.“ Parvin freut sich auf eine bessere gemeinsame Zukunft.