Yerevan, Mitte Oktober 2010

Der Herbst drängt sich in die Stadt, statt in bunte Herbstlichkeit scheinen die Bäume sich ins Grau der Häuser zu fügen. Als der Oktober zehn Tage alt war, hatten sie bereits die Farbe der ausgewaschenen Polizeiuniformen angenommen. Am Mittag fiel Regen, am Nachmittag spiegelte sich die Sonne im Wasser jener Pfützen, die sie noch nicht aus der Stadt getupft hatte.

Anfang des Monats hatte jemand ein Theaterfestival organisiert, eine Woche lang armenisches, georgisches, ukrainisches, russisches, rumänisches und iranisches Theater nach Yerevan geholt. Jeden Abend fanden parallel in der Innenstadt verteilt die Aufführungen statt. Ich sah eine Besucherin, eine kleine Frau mit kurzem, schwarz gefärbtem Haar, dessen weißen Ansatz sie nicht zu scheren schien, bei jeder Veranstaltung. Sie rauchte, während sie wartete, dass man ihr Zutritt zu den Sälen gewährte. Wir warteten viel. Yerevan: Nichts beginnt zur angekündigten Zeit. Ich sah den Monolog einer Rumänierin über Mutterschaft, modernes Theater: „Entschuldigen Sie meine Ausdrucksweise, das ist modernes Theater, also zeitgenössische Texte, Sie verstehen schon, es tut mir leid!“ und eine georgische Müllkippenbegegnung: Zwei Menschen auf einer Müllhalde, die Aufgabe der Dinge als Befreiung – ohne Aussicht, stattdessen endend im Tode.
Eine tschechische Komödie ließ die Dinge, die Menschen und Geschichten ständig ineinander übergehen, sich drehen, wachsen und verschwinden. Guten Appetit. Dankeschön! Wie fröhlich das Publikum nach drei Worten Armenisch applaudierte.
„The interpreter of the Apocalypse“, ein voll Kraft strotzender Monolog auf Russisch erzählte die Bibel nach, in einer ungewöhnlichen Sprache und voller Energie, ein einziger Mann auf der Bühne war der Höhepunkt des Festivals. In einem Raum, wo die Menschen auf dem Boden saßen, auf den Aufgängen standen und gebannt wurden, von dem Drama des Theaterstudios ASB aus Russland. Der Text schien aus dem Mann herauszubrechen, zu strömen ohne Unterlass, zuweilen schwall Musik an, Melodisches, während der Text weiter floss, untergehen zu schien, bevor er sich doch behauptete. Nach der Vorstellung fragte ich einen jungen Armenier, ob er für mich den Text nacherzählen könne. Unmöglich, sagte er, aber strahlende Kunst!
Die letzte Vorstellung, die ich einen Tag später sah, war eine Inszenierung, die nicht wusste, in welcher Zeit sie sich verortet, ob der deutsche Rammsteintext zu den Bildern passt, die gegen die Wand geworfen werden. Zwei Stunden lang freute ich mich auf den Mord, das Ende. Vor dem Gericht lief ein Igel über die Leinwand, eine alte Kindersendung. Sie war fehl am Platz. Wie beinahe alles in der Vorstellung, so verloren wie Woyzek.

Einige Tage später bin ich eingeladen zu einem Konzert von Dyko, einem Australier, der Deutschlernelektropop macht. Das Konzept sei gut, sagt eine Frau von der Botschaft, mehr konnten wir beide der Veranstaltung nicht abgewinnen. Auf der mickrigen Bühne hampelte ein Mann in rotem Ganzkörperkondom und sang von Vorstädten. Ich dachte an einen Freund, der fragte, ob es in einigen Jahren noch ein Armenien geben werde – oder nur den Stadtstaat Yerevan. Eine von drei Millionen Einwohnern leben derzeit in der Stadt. Manch einer witzelt, wo nichts witzig ist, dass der Rest in Russland sei. Oder anderswo. Die Anzahl der Diasporaarmenier übersteigt die der Inlandsarmenier um ein Vielfaches: den drei Millionen Menschen, die in der Republik Armenien leben, stehen rund 8 Millionen Diasporaarmenier gegenüber.

Über Wiebke Zollmann

Geboren 1990. Schreibt, übersetzt, fotografiert. Absolventin des Schweizerischen Literaturinstituts in Biel/Bienne. 2014-2015 DAAD-Sprachassistenz in Eriwan, Armenien.
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