Eine alte, in Tannengrün gekleidete Frau, deren Sprache ohne Zähne aus ihrem Mund fällt, trägt weiße, strahlend schöne Chrysanthemen ins Café. Die Blumen stecken in einem Weißweinkarton, worauf das Wort ›Muscat‹ angekreuzt ist. Ein Kellner in schwarz-bordeauxroter Uniform zupft einen Chrysanthemenstrauß aus dem Karton. Die Alte greift in einen Plastiksack, den sie neben sich gestellt hat, und holt ein Beutelchen heraus: »Ich hab noch was für euch.« Der Kellner zögert. »Keine Angst, mein Junge, das ist ein Geschenk!« Sie greift in das Beutelchen und holt einen riesigen Tannenzapfen heraus. »Nun nimm schon.«

#Jerewan #Charles #Samstag

[Während ich dies tippe, zittern die Blätter eines jungen Weihnachssterns über meinem Laptopdisplay. Selig bin ich Samstagsschreibende.]

@ Argam Yeranosyan

Foto: Argam Yeranosyan, Text: Wiebke Zollmann

die stufen zum oratorium sind so ungewohnt hoch, dass der eilige fuß dagegen schlägt und keinen halt findet. der reisende erstarrt, kauernd, auch die hände hält er versetzt auf die stufen gestützt. so schaut er zur kirchentüre hinauf und verharrt einen augenblick, ehe er sich mit, wie es von unten scheint, lächerlicher langsamkeit weiter tastet.

die stufen, auf denen nur zwei kinderfüße, nie aber die beiden eines erwachsenen platz fänden, sind der einzige weg nach oben. von zwei seiten führen sie zu einer hölzernen tür, hinter der ein frauenchor singt. der schönste klang des landes, sagt ein engländer, dessen gesicht die farbe von granatäpfeln angenommen hat. er verzichtet auf den aufstieg, mit seinem sonnenbrand leuchte er stark genug, dass gott ihn auch so sehe (und er sei ja nicht zum ersten mal hier).

er und seine kollegen, die in der selben klimatisierten obstkiste angereist sind, beneiden die scharen flinker kinder, die schier mühelos die stufen auf- und abhuschen. nur dass man die kleinen muskeln sehen kann, wie sie sich spannen und lösen, verrät, dass dieser weg auch die kinder kraft kostet. trotzdem springt eines die stufen auf nur einem bein hoch. das obst, noch steht es unten, schlägt sich die hände vor den mund, damit sein ängstlich oo in der mundhöhle zurückbleibt und das kind nicht herabreißt.

aber diese kinder wüssten gar nicht, dass man fallen könne, sagt der engländer, und deshalb fielen sie nicht. im gegensatz zu den alten mit ihren vagen erinnerungen, wie es früher war, als man fiel. sie fürchten sich bald mehr vor der vorstellung als vor dem fall selbst. trotzdem wollen sie ins oratorium, sie geben sich mutig und die heimischen sagen zu ihren kindern: warte, lass mal den mann hoch, und die kinder treten zurück, damit die gäste die stufen hinaufsteigen. bald aber beginnen die scharen zu nörgeln, wie langsam diese fremden seien, wie sie über die treppen, ja, beinahe, kriechen. sie scheinen aus ländern zu kommen, wo nicht schmale treppen zu gott führen, sondern breite flache tritte mit beidseitigen geländern. dort brauchen die menschen keine wunder, nicht einmal mut, der zu gott hinführt.

Vorzeichen 1: Heuschrecke: zirp, zirp, zirp, zirp, zirp, zirp, zirp
Vorzeichen 2: Schafe: mäh, mäh, mäh, mäh, mäh, mäh, mäh, mäh
Blitz: Zlicht
Donner donnert: Donner, Donner.
Blitz: Zlicht
Donner donnert: Donner, Donner.
Blitz: Zlicht
Donner donnert: Donner, Donner.
Blitz: Zlicht
Donner donnert: Donner, Donner.
Blitz: Zlicht
Donner donnert: Donner, Donner.
Blitz: Zlicht
Donner donnert: Donner, Donner.
Blitz: Zlicht
Donner donnert: Donner, Donner.
Die apokalyptischen Reiter galoppieren mit ihren Pferden über die Erde. Klackergeräusch für Hufe. Dort, wo sie sind, reißt die Erde auf.
Erde reißt auf: Reißgeräusch von Papier.
Das Schaf wird immer leiser und hört auf.

Ein Engelschor singt schlecht.
Diskutierende Götter beklagen sich über den Engelschor: Seufzen. Tze, tze, tze. Aischamamama. Immer lauteres Reden.
Der Engelschor klingt so schlecht, dass alles einstürzt, alle Häuser.
Singen.
Zusammensturzgeräusch. Hände auf Tischen. Krachkrach. Bumm.
Alle Götter werden erschlagen.
Stille.
Überall liegen erschlagene Götter. Das hungrige kannibalistische Einhorn läuft durch die Stille und fragt sich, ob es die Götter fressen kann. Murmelt vor sich hin. Hände als Hufgeräusche.
Plötzlich ein Feuer. zschzschzschzsch.
Das Einhorn schnappt den Gott und schleift ihm zum Feuer. Dann grilliert es ihn.
Das zornige Lamm tritt auf. Es hält einen Monolog. 3 Minuten Mäh.
Das Einhorn wiehert noch. Das zornige Lamm erschlägt das Einhorn.
Dann ist das Lamm das postapokalyptisch herrschende Wesen.

»blendung durch tiefstehende sonne
das stauende befindet sich im nebel.«

we’re sharing the same picture having taken the same perspective only changed a preference in order to distinguish ourselves your world is bluer than mine white tends to become blue from afar we’re exchanging the remembrance of the same day in a conference hall propperly climatized with 15 degrees less than outside

wir teilen das gleiche bild haben dieselbe perspektive nur eine einstellung verändert um uns voneinander zu unterscheiden deine welt ist blauer als meine weiß bläut in der ferne wir tauschen die erinnerung an denselben tag ein gut klimatisierten saal 15 grad kälter als draußen

 

du machst das alles sehr gut, taron, ich finde, du machst das alles wirklich ganz ausgezeichnet. aber schau, taron, das ist jetzt nicht schön. nicht? ja, siehst du. ich sags nochmal: du machst alles richtig. du leistest wunderbare arbeit, du triffst die richtigen entscheidungen. aber

das hier ist nicht schön!

es wäre gut, wenn du einen weg findest, dass das alles hier abgebaut wird. das wäre eine sehr gute entscheidung. schau, taron, in drei jahren wird das alles nicht schön aussehen. und wir haben doch gesagt, dass wir eine schöne stadt wollen.

taron, meinst du, du findest einen weg?

gut. gut, taron.

dann möchte ich jetzt den polizisten danken.

die menschen sind einflügelige
mit (sehr) geraden achsen
mit rändern wie reißverschlüssen
(kaputt sind ihre schlitten:
sie schließen nicht)
die menschen sind einflügelige
sie fliegen nicht.

[ikarusübung im herbst ’12]

er sagte, ich solle zuschließen. er sagte es auf einer sprache, die ich nicht verstand, aber er drehte dabei die hand, als verschließe er etwas, und er zeigte auf eine kleine kette, die neben der obersten liege hing, ich war allein im abteil.

er brachte bettzeug, das ich neben mich legte. als er eine stunde später sah, dass ich noch immer neben dem bettzeug lag, scheuchte er mich auf und bezog die liege. er war klein, rundlich, ein großvater.

ich schlief knopfschmerzlastig. ein pochen zwischen den augenbrauen. vor dem fenster kaufland.

ich las kapuscinski: die welt im notizbuch. wir hielen in sichtweite eines bahnhofs. ein bahnhof ist ein ort, wo ein zug hält und menschen zu- und aussteigen. könnten. zwei grenzer stiegen zur passkontrolle in den zug. der schaffner stand am fenster und warf brotstücke hinaus. das brot fiel auf hohes gras, das so trocken war, dass es unter dem brot aufrecht blieb. ein hund lag daneben und rührte sich nicht.

der schaffner stieg aus und füllte mit trinkbrunnenwasser einen kanister. neben ihm tollten zwei hunde. der brothund hatte, da der schaffner nicht mehr hinschah, ein brotstück geschnappt und kaute daran. er blieb liegen, als der zug sich in bewegung setzte. von nun an waren alle ortsnamen kyrillisch, ich lokaler analphabet. der großvater fragte, ob ich zigaretten wolle, er hatte bleistiftdünne. oder tee. komm, komm, der einladene arm, und stopp, die schließende hand.

[sommer 12]

»Fotografien sammeln heißt die Welt sammeln. Filme und Fernsehprogramme flimmern vor uns auf und verlöschen wieder; durch das Standfoto aber ist das Bild auch zum Objekt geworden, leichtgewichtig, billig zu produzieren,  mühelos herumzutragen, zu sammeln, in großen Mengen zu stapeln.«