Autor-Archiv: Wiebke Zollmann

Über Wiebke Zollmann

Schreibt, übersetzt, fotografiert. Absolventin des Schweizerischen Literaturinstituts. Mentorin bei Online-Literaturmentorat. Texterin & Fotografin für The Naghash Ensemble aus Armenien

„Jesus’ Katze“ von Grig – jetzt in deutscher Übersetzung

Im Corona-Jahr 2020 hatte ich die Ehre, gemeinsam mit Anahit Avagyan den Erzählband des armenischen Autors Grig „Jesus’ Katze“ ins Deutsche zu übersetzen. Es ist eine wunderbare Sammlung von Geschichten über die „kleinen Menschen“, wie Pierre Michon sie nennen würde, über unscheinbare Existenzen am Rande der Gesellschaft. In Grigs Texten geht um ein Trotzdem, um ein Weiterleben trotz aller Widrigkeiten. Die Geschichten des jungen armenischen Autors erwecken Mitgefühl für die Menschen Jerewans – auch für die Armen, die Bettler, die Obdachlosen, die Säufer und die scheinbar Irren. Wer dieses Buch gelesen hat, sieht die armenische Hauptstadt mit anderen Augen.

„Jesus’ Katze“ ist online und im Buchhandel erhältlich.

Update 1: „Jesus’ Katze“ steht auf der Hotlist der Bücher des Jahres aus unabhängigen Verlagen.

Update 2: „Jesus’ Katze“ steht auf der Shortlist für den Coburger Rückert-Preis 2022.

„Jesus’ Katze“ - Coverbild

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„Gesänge der Weisheit“ – mittelalterliche Lyrik von Kostandin Jersnkazi

Auszüge aus der deutschen Übersetzung von Anahit Avagyan und Wiebke Zollmann

Über den Unwissenden, der falsche und nutzlose Worte spricht und gegen den Weisen ist

1
Tausend Klagen bring’ ich hervor, gewaltig seufze ich und weine
Ob der Taten der Unwissenden verbrenne ich mir die Seele an einem unstillbaren Feuer
Ich bin dumm geworden und verrückt und wandle in Trauer
Und ob der Dummen und Narren quäle ich meine Seele oft

2
Ich habe keine Ruhe, immer wieder verwunden mich jene, die Dummes sagen
Denn sie sagen kein sinnvolles Wort, geben keinen nützlichen Rat
Ihr Antlitz ist form widerlich, sie sind am Leben, aber ohne Seele
Ihnen fehlen die Augen des Verstands, sie sprechen über niemanden gut

3
Für den Weisen haben sie nur Hass, nennen ihn verrückt und verschlagen
Seine guten Taten verbergen sie und alles Schlechte erwähnen sie oft
Wenn es Menschen gibt, die von ganzem Herzen rein und tugendhaft sind
So sind sie das grelle Gegenteil jener, die unrein sind und Schreckliches tun

4
Das Schlechte hasst die Güte und das Böse ist listig gegen alles Gute
Und der Unwissende wünscht dem Weisen nichts Gutes
Wenn du ihm süß und freundlich ein, zwei Ratschläge gibst
Meidet er dich, grollt und ist dir feindlich gesinnt

5
Wer kann je über den Weisen triumphieren, auch wenn er mit aller Macht Böses tut
Oder schamlose Worte sagt, lügt und verleumdet
Der eine ist Licht, der andere Dunkelheit, und es ist unmöglich, sie zusammenzubringen
Denn der eine flieht den anderen weit und lebt an verborgenen Orten

6
Das finstere Tun geschieht in der Dunkelheit und besteht im Verborgenen
Wie könnte es im Licht erscheinen, scheut es doch, sich zu offenbaren
Und schätzen die Unwissenden das unwissende Wort noch so hoch
Wenn es vor einem Weisen erscheint, ist es machtlos

7
Wer des Weisen Feind ist und ihm Böses wünscht
Möge er verstehen, dass er nun Judas gleicht und Ihn unter Folter kreuzigt
Wer schamlos und spöttisch über den Gerechten spricht
Sündigt gegen Gott und wird am gewaltigen Bösen zugrunde gehen

8
Der Weise ist der Morgen und ein Bote guter Kunde, die er fröhlich überbringt
Aber der Gedankenlose verharrt in der Dunkelheit, gemästet von einem traumerfüllten Schlaf
Der Weise ist sonnenhell und voller Licht
Aber der Gedankenlose ist schmerzerfüllt und Heim und Statt der Dunkelheit

9
Der Weise ist ein Garten voll prächtiger Blumen
Doch das Herz des Gedankenlosen ist voll Dunkelheit und düstrer Kälte
Der Weise trägt die Früchte des Guten, sie schmecken nach Unsterblichkeit
Doch der Gedankenlose ist fruchtlos, dürr und voller Dornen

10
Der Weise schätzt die Welt gering
Aber das Herz des Gedankenlosen ist voller Hingabe entzündet
Die Gedanken des Weisen sind zufrieden und gestärkt
Doch der Gedankenlose ist hungrig und durstig, das Auge voll Habgier und Verlangen

11
Der Weise selbst geht auf dem Pfad der Wahrheit
Aber der Verstand des Gedankenlosen ist blind, er sinkt in einen Abgrund und ins Meer
Der Weise fürchtet nicht, dass ihn ein Schwert treffen könnte
Doch die Worte der Dummen verwunden Körper und Seele

12
Der Gedankenlose und der Schurke wissen nichts von Gott
Dass Christ unser Herr gefoltert und gedemütigt wurde
Den Gedankenlosen hielt Er für unwürdig, um Sich ihm zu offenbaren
In der Dunkelheit ließ Er ihn blind, gedankenlos und seelentot zurück

13
Vom Blut des heiligen Abel bis heute waren sie ein Zeichen für euch
die Propheten und Aposteln und von Gott auserwählten Heiligen
Manche wurden gesteinigt, andere mit dem Schwert gespalten
Und auf Erden blieb niemand übrig, der noch nach den Gesetzen lebt

14
Die ganze Welt ist ein Wolf und vereint in einer einzigen Versammlung
Aber wo ist der Friede für ein Lamm, das unter Wölfen lebt
Wer weise ist und mit lebendigem Herz nach Weisheit strebt
Möge er diese Welt nicht kennen, weil er ihr entsagt

15
Wer ruhmreich ist und in den Augen der Menschen von großer Würde
Und Überfluss liebt und Lobpreis genießt
Wenn er von Fremden tadelnde Worte über seine Gaben hört
Wird er so tödlich getroffen, dass keine Arznei ihn mehr heilt

16
Aber wer heilig ist und rein und ehrlich handelt
Er freut sich nicht, wenn man ihn preist, Rufmord grämt ihn nicht
Wenn er einen armen Menschen trifft oder einen König mit goldener Krone
Wird er sie als ebenbürtig ansehen, einander gleich und ohne Unterschied

17
O Gedankenloser, wenn du deinen Teil der Dinge nicht zur Hand hast
Kein Haus voller Schätze oder einen Geldbeutel mit zwei Münzen
Warum hältst du dich dann nicht an den Weisen, sprichst wenig
Damit du nicht jeden Augenblick nackt und beschämt dastehst

18
Wenn du mit nur mit Gold überzogenes Kupfer bist
Warum stehst du so schamlos an den Goldstein
Und du verlangst das reine Gold anderer, tausendfach im Feuer geprüft
Du willst es mit dem falschen mischen

19
Für mich ist es besser, unter Menschen fressenden Untieren zu leben
Als dass ein gedankenloser Dummer törichte Worte zu mir spricht
Die Gedanken des Unwissenden sind schwach und haben keinen Bestand
Noch geduldet er sich einen Moment lang, um ein paar Worten Beachtung zu schenken

20
Kostandin, warum bist traurig und wirst so schnell ärgerlich
Warum quälst du dich mit düsteren Betrachtungen über die Dummen und Gedankenlosen
Du kannst nicht alle dazu bringen, dir recht zu geben und dich zu mögen

21
Wenn du in Frieden leben und deine Seele nicht erschöpfen willst
Dann folge nicht dem Ruhm, falle nicht in das grenzenlose Meer
Denn das Meer kennt keinen Frieden, der Wind wirft immer Wellen
Und wer aus Erde gemacht ist, wird dort nicht standhaft bleiben

*

Diese Übersetzung entstand im Sommer 2021 mit freundlicher Unterstützung von „Kultur ans Netz“. Um weitere Gedichte zu lesen, schreiben Sie mir.

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Film in Armenien. Verkrustete Strukturen, Geldmangel und ein Neuanfang

Eine Bestandsaufnahme für die Armenisch-Deutsche Korrespondenz (ADK)

Sobald wir über Film in Armenien sprechen, entfaltet sich die Nostalgie der 1970er Jahre, der Blütezeit der armenischen Filmkultur. Jerewan zählte mehr als 20 Kinos, jeder Stadtteil hatte sein eigenes Kino mit eigenem Programmschwerpunkt. Für einen guten Film standen die Menschen stundenlang Schlange. Es gab Kunstfilme und ein Publikum dafür. Es gab eine Vereinigung der Filmschaffenden mit eigenem Kinosaal, wo exklusive Premieren stattfanden und fast geheime Vorführungen, immer frequentiert von den lokalen Filmschaffenden und Cineasten.

1976 zog Hayfilm, das 1923 gegründete staatliche armenische Filmstudio, in einen riesigen Gebäudekomplex am Stadtrand Jerewans. „Zwei Hauptgebäude, ein neu gebautes Filmstudio, ein hochmodernes Tonstudio, eine Abteilung für Animation, ein Fuhrpark, mehrere Lagerhallen für Requisiten und Kostüme, ein Filmlabor“ so beschreibt Filmkritiker und Dozent Suren Hasmikyan das damalige Zentrum des armenischen Films. Es gab 1.200 Mitarbeiter, darunter Regisseure, Kameraleute, Tontechniker, Filmlaboraten und einfache Arbeiter. „Jedes Jahr erschienen sechs bis sieben abendfüllende Spielfilme bei Hayfilm und wenn man auch Dokumentarfilme, Kurzfilme und Animationen verschiedenster Stile einrechnet, waren es mehrere Duzend Filme jährlich.“

„Das größte Problem damals war die Zensur“, erzählt Filmhistorikerin Siranush Galstsyan im Interview. „Sowohl in der Filmproduktion als auch, wenn ausländische Filme in den Kinos gezeigt wurden. Oft fehlten ganze Szenen. Anderseits haben wir Filmnarren nach der Unabhängigkeit zuweilen Filme aus Sowjetzeiten gesehen und uns gefragt: Wie kann es sein, dass dieser Film so gezeigt werden durfte? Nicht alle Menschen, die in der Zensurbehörde gearbeitet haben, waren dumm oder ungebildet, wie man es sich als Klischee vorstellt. Es gab kluge, belesene Leute, die auf der Seite der Filmemacher standen. Zuerst gab es oft heftige Auseinandersetzungen – aber zum Schluss entstand ein Film.“

Mit der Unabhängigkeit Armeniens fiel die Zensur weg – und zugleich die verlässliche staatliche Finanzierung für die Branche. Die armenische Filmproduktion, die in den 1980er Jahren ihre höchste Produktivität erreicht hatte, schwand in den 1990er Jahren dahin. „Die Idee, einen Film drehen zu wollen, schien lächerlich angesichts dieser bitteren Jahre, in denen die Menschen eher damit beschäftigt waren, zu überleben und irgendwie finanziell über die Runden zu kommen“, so Journalistin und Dokumentarfilmemacherin Naira Paytyan. Gleichzeitig hielten nur wenige Kinos, darunter Kino Moskau, Kino Nairi und Kino Rossia, den Betrieb aufrecht.

Zwar verbesserte sich die soziale und ökonomische Situation in Armenien zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Dennoch fehlten dem armenischen Staat die Mittel, um das alte Hayfilm Studio zu modernisieren. Neben Mosfilm, dem Staatlichen Moskauer Filmstudio, war Hayfilm einst eines der fortschrittlichen Filmstudios in der gesamten Sowjetunion gewesen. Doch selbst der russische Staat brachte die Mittel für die Modernisierung von Mosfilm nicht selbst auf, sondern entschied sich für den Weg der Privatisierung.

2005 zog Armenien nach. Das Hayfilm Studio ging zum Kaufpreis von 350 Millionen Dram (heute circa 615.000 Euro) in den Besitz von Armenia Studio CJSC unter Leitung von Bagrat Sargsyan über, der sich als Vertreter der Cafesjian Stiftung präsentiert hatte. 24.200 Quadratmeter Studio- und Lagerraum und ein Gesamtgebiet von 32,6 Hektar sollten für 50 Jahre in den Händen von Armenia Studio CJSC liegen. Die Bedingung: Durch die Privatisierung des Studios sollte der armenische Film zu neuer Blüte gelangen. Im Laufe von 10 Jahren sollten 70 Millionen Dollar in die Modernisierung der Anlage investiert werden: Renovierungen, Anschaffung modernen Equipments, die Digitalisierung des Filmarchivs von Hayfilm. Außerdem sollte sich das neue Studio in der Filmförderung betätigen und jährlich mindestens vier Spielfilme, drei Animationsfilme und fünf Kurzfilme produzieren.

Es geschah – wenig. Eine Seifenoper wurde gedreht. Mitarbeiter wurden entlassen. Lagerhallen wurden zu anderen, einträglicheren Zwecken umfunktioniert: eine Wäscherei, ein Glühbirnenlagerhaus, Gewächshäuser. Als Ersatz für Filmförderung vermietete das Studio seine alte Filmtechnik. Die Zeit fraß ihre Spuren in die Substanz der Hauptgebäude. 2015 war die Zehnjahresfrist verstrichen, in der die Investitionen getätigt werden sollten. Der Staat forderte das Studio zurück. Doch die technische Ausrüstung ist verschwunden, das Filmlabor zerfallen und Reste von früheren Kulissen liegen auf dem Außengelände in Ruinen. Das Problem, dass es zu wenig finanzielle Mittel für die Modernisierung des Studios gibt, ist dringlicher denn je.

„Die größte Schwierigkeit für den armenischen Film ist die fehlende Finanzierung – in allen Bereichen“, so Siranush Galstyan, die am Jerewaner staatlichen Institut für Theater und Film armenischen und internationalen Film lehrt. „Es beginnt bei der Bildung.“ So kostet beispielsweise ein Regiestudium 500.000 Dram jährlich – fast ein Viertel des durchschnittlichen Jahreseinkommens in Armenien. Und selbst wer sich das Studium leisten könne oder ein Stipendium für herausragende Studienleistungen erhalte, stehe nach dem Studium vor der existentiellen Frage, die notwendigen Mittel für einen Debütfilm aufzutreiben.

„Ein Maler braucht Farben und eine Leinwand“, so Galstyan. „Film ist einfach eine Sparte, die viel mehr Material benötigt – und dafür braucht man Geld. Schauen wir uns meine Absolventen an. Da gibt es einige, denen es gelungen ist, private Gelder aufzutreiben oder staatliche für ihr Kurzfilmdebüt zu erhalten. Aber viele verlassen das Land, gehen nach Deutschland oder in die USA. Für Armenien ist es fürchterlich, diese jungen, talentierten Menschen zu verlieren. Aber wie kann jemand hierbleiben, wenn er in Armenien keine Chance hat, seine Ideen umzusetzen?“

Ich besuche Anahit Arpé, Drehbuch-Beraterin beim Nationalen Filmzentrum Armeniens, das 2006 nach der Privatisierung von Hayfilm als staatliche, nichtkommerzielle Institution zur Förderung des armenischen Films gegründet wurde. Die Aufgaben des Zentrums umfassen u. a. die Bereitstellung von Kofinanzierungen, die Teilnahme an internationalen Filmfestivals und Filmbörsen. 2016 lag das Förderbudget bei ca. 514.000 Euro für Spielfilme und circa 105.000 Euro für Animationsfilme. Außerdem wurden je vier Nachwuchsfilmemacher und vier Filmstudenten gefördert.

Anahit Arpés Büro ist ein spartanisch eingerichteten Raum mit kleinem Elektroheizer. An der Wand hängt ein mit Klebestreifen geflicktes Portrait von Hamo Beknazaryan, dessen Namenszusatz Hayfilm seit 1966 trug. Sie blättert ein dickes Album auf, in dem Presseberichte und Rezensionen aus aller Welt alte Hayfilm-Produktionen beschreiben. Zwei junge Männer klopfen an ihre Tür und fragen, wie sie sich für Filmförderung für ihre Debütfilme bewerben könnten. Eine kurze Antwort später verschwinden die beiden in ein anderes Zimmer, um sich Formulare abzuholen. „Die Deadline ist schon verstrichen, aber das Auswahlverfahren hat noch nicht begonnen, vielleicht können wir sie noch unterbringen. Es sollte mehr als nur einen Bewerbungszyklus im Jahr geben.“

An der Fördervergabe des Nationalen Filmzentrums scheiden sich die Geister – wann Bewerbungen eingereicht werden müssen, ist dabei das geringste Problem. Vor einigen Jahren verlangte Harutyun Khachatryan, damals Direktor des „Golden Apricot“ Internationalen Filmfestivals (GAIFF) in Jerewan, es müsse rotierende Auswahlkommissionen geben, damit nicht ständig dieselben Leute gefördert würden. Dozentin und Filmkritikerin Siranush Galstyan betont einen zweiten Aspekt: „Die Leute in den Auswahlkommissionen müssen vernünftig für ihre Arbeit bezahlt werden. Einerseits sind sie dann unabhängiger gegenüber Bestechungsversuchen. Anderseits können sie es sich dann leisten, sich wirklich eingehend mit dem eingereichten Material zu beschäftigen. Nicht stichprobenartig, weil die Zeit nicht reicht, sondern vertieft und ausführlich prüfen – davon würde das Fördersystem stark profitieren.“ Andere Stimmen werfen der Kommission vor, in einer Ästhetik des Sowjetischen verhaftet zu bleiben, statt zu fragen, welche Filme heute international konkurrenzfähig sein könnten.

Ich treffe Victoria Aleksanyan, eine aus Jerewan stammende Regisseurin und Produzentin, die heute in New York lebt. Ein Studium am Jerewaner Filminstitut war für sie einst zu teuer und Stipendien hatte es zu dieser Zeit nicht gegeben. So studierte sie Journalismus an der Staatlichen Russisch-Armenischen Universität in Jerewan, ehe sie für ein zweites Masterstudium mit Stipendium der Luys Foundation an die Columbia Universität nach New York wechselte. Um einen Kurzfilm zu drehen, ist sie für einige Monate nach Armenien zurückgekehrt.

„Einen guten Film zu drehen, kostet in Armenien überraschenderweise nicht weniger als in Deutschland oder Amerika. Was immer gepriesen wird – der mit den minimalen Mitteln gemachte Film, am besten noch gedreht in der eigenen Wohnung – kann sich im internationalen Wettbewerb nicht behaupten.“ Die Hälfte der Finanzierung für ihren Kurzfilm sollte vom Nationalen Filmzentrum kommen, die andere Hälfte von einer privaten Produktionsfirma aus Russland. Doch dann brach die Förderung vom Nationalen Filmzentrum weg, die Schauspieler fanden keinen rechten Zugang zum Drehbuch, und Victoria Aleksanyan erkannte: Für den Film, den sie machen wollte, war Armenien nicht bereit. Die Geschichte einer jungen Frau, die auf der Suche nach Liebe einem Ausländer verfällt und mit ihm schläft, während die Grenzen zwischen Geschäft und Zuneigung verschwimmen. Im Ausland weckte diese Idee Interesse: Man wolle wissen, wie sich diese Geschichte eingebettet in der armenischen Gesellschaft erzählen lasse. In Armenien selbst: Ein umstrittenes Thema. Außerdem entsprach Victoria Aleksanyans Herangehensweise, geschult im internationalen zeitgenössischen Film, nicht den Vorstellungen der Fördervergabekommission beim Nationalen Filmzentrum und stieß auch bei einigen Dozenten des Jerewaner Filminstituts auf Widerspruch. „Das ist natürlich extrem verunsichernd. Egal, wie sehr man hinter seinem Projekt steht, wenn man so viel geballte Ablehnung erfährt, beginnt man zu zweifeln.“ In Victoria Aleksanyans Fall gibt es zumindest ein Gegengewicht, ein internationales Netzwerk, das ihre Filmidee unterstützt. Wer sich jedoch ausschließlich im nationalen armenischen Umfeld bewegt – für den sind als Nachwuchsfilmemacher die eigenen Ausdrucksmöglichkeiten deutlich limitierter.

Dass es in Armenien mehr Auseinandersetzung mit dem zeitgenössischen internationalen Film geben muss, um eingefahrene Denkmuster aufzubrechen, darin sind sich alle Akteure einig, mit denen ich für diesen Text gesprochen habe.

Harutyun Khachatryan hat sich die Umsetzung dieser Idee auf die Fahnen geschrieben. Nachdem er im Sommer 2017 seine Tätigkeit als Direktor des „Golden Apricot“ Internationalen Filmfestivals niedergelegt hatte, wurde er im Oktober zum neuen Direktor der armenischen Vereinigung der Filmschaffenden gewählt. Seither herrscht Aufbruchstimmung in der Vereinigung.

„In zehn Jahren wollen wir eine ernstzunehmende internationale Einrichtung geschaffen haben, ein Kino, eine Ausbildungsstätte, ein Museum – kurzum ein Zentrum für internationale Filmkunst in Armenien“, so Harutyun Khachatryan.

„Wir werden Berufsverbände u. a. für Regisseure, Kameraleute, Drehbuchautoren, Produzenten gründen. Wir wollen faire Produktionsbedingungen durchsetzen und Rechtsbeistand für Filmschaffende stellen. Und wir wollen Bildung fördern. In unserem Zentrum wird es regelmäßige Filmvorführungen, Themenabende und Ausstellungen geben, außerdem werden wir ein Filmmuseum und eine Videothek einrichten. Zugleich wollen wir Jugendlichen und Nachwuchsfilmemachern eine Plattform geben.“

Harutyun Khachatryan führt mich durch das Gebäude der Vereinigung. In einem kleinen Raum finden schon jetzt fast täglich kostenlose Filmvorführungen und Diskussionen statt. Die Vorbereitungen für die Gründung der Berufsverbände laufen auf Hochtouren. Eines der wichtigsten Projekte ist die Wiederbelebung des größten Kinosaals in Armenien – ein 20 Jahre lang kaum genutzter Raum mit 550 Sitzplätzen. Die Wände holzvertäfelt, die Akustik ist fantastisch, die Atmosphäre betörend. Doch die technische Ausstattung ist längst nicht mehr zeitgemäß.

Fast ist es in dieser Reportage zum Mantra geworden: „Die größte Herausforderung ist es, die finanziellen Mittel für dieses Projekt aufzutreiben.“ Doch Harutyun Khachatryan ist optimistisch: „Es gibt jede Menge gute Projekte und Konzepte. Jetzt müssen wir die entscheidenden Leute von diesen Ideen überzeugen. Aber der Bedarf ist da und alle Beteiligten sind äußerst enthusiastisch.“

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Der Oligarchenlehrling von Michael Stauffer

Der Schweizer Hörspielmacher Michael Stauffer wollte wissen, wie man in Armenien Oligarch wird. Er begab sich in der Schweiz, Österreich und natürlich in Armenien auf Erkundungsreise, sprach mit Ökonomen, Politikern, Kulturschaffenden und Auswanderern. Es entstand ein Hörstück zwischen Feature und Hörspiel. Ich hatte die Ehre, ihn bei seiner Recherche in Armenien zu begleiten und dabei Interviews zu organisieren und zu übersetzen.

Zu hören ist »Der Oligarchenlehrling« hier im Deutschlandfunk Kultur.

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