bilinguism, variationen über sprachen

zwei sprachen, eins

du betrittst den raum mit einer doppelsprache, zwei kleider übereinander. die untere, die fremdsprache, kennst du besser als ich jene meiner mutter, ich schwöre und bei gelegenheit leihe ich deine wörter aus.
trotzdem trägt die untere den akzent deiner herkunft. so niedlich! deshalb hast du ihr einen anderen übergestülpt, ein graues grobmaschiges cape. du ziehst die wörter länger, hast ihre betonung verändert und für ein paar laute ersatz gesucht: eine französin mit hamburger dialekt und kölschem isch.

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zwei sprachen, zwei

wir reden über drei ebenen von sprache.

wir reden von der muttersprache, der untersten, der natürlichsten. deine muttersprache hat ihren tonfall, dein wort trägt ihn mit leichtigkeit.

über der muttersprache liegt die sprache, die du für mich sprichst.

du hast zwei davon:
du hast eine zweite sprache, unangestrengt, mit ihrem akzent, wie ihn die muttersprache formt.
und du hast eine dritte sprache, eine unbequemere, übergestreift: sie ist für draußen, fürs ausgehen.

als ich deine dritte hörte, glaubte ich, sie sei die erste.
ich dachte, so also spräche man in deiner heimat, und ich begeisterte mich.

dann fiel deine dritte sprache ab. mitten in einem witz, du sahst schlecht aus, die augen rotfasrig durchzogen. die zweite sprache brach durch.

ich nahm den wechsel als geschenk:
für mich brauchst du die äußere sprache nicht.

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die deines landes

ich wollte in deine sprache ziehen.

sie war das erste,
was ich von deinem land hörte.

ich dachte, so spräche man bei dir.

die laute, die betonungen verschoben.

ich dachte: so.

wenn man in kirchen die hände öffnet,
um den segen zu empfangen,

warum nicht für deine sprache.

ich hielt sie in der hohlen hand, so leicht.
so leicht war deine sprache.

ich schloss die hand, hob sie
zum mund, schluckte die worte.

ich erbrach mich.

ich sprach nicht, wartete, dann
der erste satz:

ich sprach dich.

ich war angekommen.

ich hatte deine sprache gewonnen.

es war nicht die des landes.
sagte man dann.

aber es warst du.

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worthaut

deine worte wohnen / zogen hinein / in meine stirn, unter den augenbrauen / in den lidern / an ihren enden / sie brechen / (als wimpern) aus der haut / härrchen, die / wenn sie fallen / einen wunsch tragen / dich.

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die sprache douce; wie muttermilch.

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weltenempfänger

der weltenempfänger in der küche des freundes: noch spricht er das französisch einer frau vor meiner zeit.

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sprachkompass

ich habe die marotte angenommen mich nach dir auszurichten kompassartig ich ändere meine richtung egal woher ich drehe mich auf der welt ostwärts westwärts ich strebe auf einen mittelpunkt zu deine sprache wenn ich sie erreiche wird sich die richtung auflösen ich werde auf dem boden liegen gen himmel starren in dein wort schauen in deinem wort gewogen mich selbst in den schlaf singend; ich höre wie du lachst das geliebte tiefe lachen sommerkalt winterwarm: abends gehe ich in die fremde und setze mich
in richtung deines worts

Über Wiebke Zollmann

Schreibt, übersetzt, fotografiert. Absolventin des Schweizerischen Literaturinstituts. Mentorin bei Online-Literaturmentorat. Texterin & Fotografin für The Naghash Ensemble aus Armenien
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