– 15 Menschen.
– Ich meine, wie viele von uns?
—
Benedikt van den Boom hat für CivilNet die internationale Medienberichterstattung über die jüngsten Vorfälle in Berg Karabach und an der Armenisch-Aserbaidschanischen Grenze analysiert.
Text. Fotografie. Übersetzung.
– 15 Menschen.
– Ich meine, wie viele von uns?
—
Benedikt van den Boom hat für CivilNet die internationale Medienberichterstattung über die jüngsten Vorfälle in Berg Karabach und an der Armenisch-Aserbaidschanischen Grenze analysiert.
Für ein Rockfestival braucht man:
Ein Stück Land.
Eine Bühne.
Besucher.
Bands.
Bier.
Zelte.
Schlafsäcke.
Und Toiletten.
Das Land ist ein Garten mit Bauruine.
Der Garten liegt im armenischen Dorf Getamej, eine halbe Stunde Autofahrt von Jerewan entfernt.
Die Bühne besteht aus einer Wiese und der Ladefläche eines Lkws.
Die Besucher kommen aus Jerewan mit Minibussen, Taxis und Privatautos: die lokale Rockgemeinde, dazu Diaspora-Armenier und Ausländer.
Die Bands sind 15 große und kleine der armenischen Rockszene. Oder Freunde von Freunden. Sie verzichten auf ihre Honorare und sammeln für die Renovierung der Dorfschule.
Das Bier besorgen eine Jerewaner Bar und ein Getamejer Kiosk.
Die Zelte und Schlafsäcke kann man vor Ort ausleihen.
Und die selbstgebauten Toiletten sind auch am zweiten Tag noch sauberer als jedes deutsche Dixiklo.
Über das Festivalgelände läuft ein kleiner zottig staubiger Hund. Bei fast jedem Besucher bleibt er stehen. Die Menschen beugen sich hinab und streicheln. Hier und da fällt ein Stück Brot zu Boden. Neben dem Eingang zum Festivalgelände liegen Stapel von Zelten und Schlafsäcken, die gegen Gebühr ausleiht, wer selbst nichts mitgebracht hat.
Weil das Festival mit armenischer Pünktlichkeit eine Stunde später beginnt als angekündigt, hat die Leadsängerin der ersten Band viel Zeit, die Besucher zu mustern. Sie entdeckt mich, kommt mir entgegen. Wir kennen uns aus den Jerewaner Rockbars. Sie stellt mir die übrige Band vor. Der Schlagzeuger ist eigentlich Zahntechniker, spricht gut Englisch und begleitet mich bei einem Rundgang über das Gelände. Gegenüber der Bühne steht eine Bauruine: ein Betonskelett mit Rostmetall. Davor liegen Rohe, Stangen und Holz. Der Schlagzeuger beharrt darauf, dass hier etwas entsteht. Und ich beharre, es verfällt. Der Abendwind wirbelt Sand und Baustau auf. Eine Jerewaner Bar stapelt derweil Bierflaschen ins Erdgeschoss. Zwanzig Schritte entfernt hat ein Dorfkiosk einen Stand improvisiert und verkauft Dosenbier, Limonade, Wasser, Kuchen, Blätterteigtaschen und Zigaretten. Dabei sind – im Gegensatz zu europäischen Festivals – die Preise keinen Deut höher als anderswo im Dorf. Überhaupt ist dieses Festival kein Luxustreff. Kostet in der Hauptstadt ein gewöhnliches Einbandkonzert bis zu 3.000 AMD (rund 5,35 Euro), bekommt man beim „River Fest“ vom 2. bis 3. August 2013 für 5.000 AMD (rund 8,92 Euro) 15 Bands an zwei Tagen, acht offizielle Konzertstunden, plus Jammsession am Lagerfeuer. Sogar die Anreise ist inbegriffen. Trotzdem erwirtschaftet das Festival einen Erlös von 300.000 AMD (ca. 535 Euro). Damit werden neue Fenster für die Getamejer Schule angeschafft und, so hoffen die Organisatoren, auch Wandfarbe, um die Klassenräume neu zu streichen.
Obwohl das „River Fest“ in dieser Hinsicht ein Event zugunsten des Dorfes ist, besuchen nur wenige Ortsansässige das Festival. Einerseits sind 5.000 AMD viel Geld, wenn man bedenkt, dass das landesweite Durchschnittseinkommen rund 147.000 AMD (ca. 262 Euro) beträgt und in den Dörfern vor allem einkommensschwache Familien leben. Andererseits fristet Rock in Armenien – auch in Jerewan – ein Nischendasein und die Festival-Meute mit ihrer Musik ist den meisten Armeniern suspekt. Einige Dorfbewohner haben sich auf dem Balkon eines Nachbarhauses eingefunden. In sicherer Entfernung stehen Männer, Frauen und Kinder und stellen erstaunt fest, wie friedlich das Festival doch bleibt.
Nachdem der erste Hobbykellerpop verklungen ist, werden die Bühenacts besser. Die Besucher sind entspannt, fröhlich, einige schon angetrunken. Als erste Szenen-Größe spielen Vordan Karmir. Zu ihrem Ethno-Metal rockt das Publikum, springt und headbangt. Eine nachfolgende Band covert internationale Klassiker, später singt die wunderbare Sima Cunningham. Ihr hat die Idee des „River Fests“ so imponiert, dass sie kurzerhand aus Amerika eingeflogen ist. Während man bei ihrer Darbietung mit geschlossenen Augen vor sich hin träumt, zieht der Abschlussact The Bambir das Publikum noch einmal auf die Tanzfläche. Der Ethno-Rock von The Bambir ist gut tanzbar, die Melodien sind bekannt, die meisten Besucher textsicher. Die Jerewaner Rocker, Diaspora-Armenier, Expats und Repats – sie werfen sich ein letztes Mal in die Refrains, grölen, headbangen, springen, tanzen, schleudern umher.
Als der letzte Song verklungen ist, lichtet sich das Gelände. Schnell werden die letzten Biere gekippt, die Dosen gefaltet. Dann strömt der Großteil des Publikums in seine Taxis und Privatautos – und jagt über die Getamejer Schlaglöcher zurück in die Hauptstadt.
Die Verbliebenen sammeln Holz für ein Feuer, formen einen Kreis und jammen gemeinsam durch die Nacht.
Epiphany Project (Bet Williams, John Hodian & Mal Stein) spielen aus »Nagash«, einem Projekt von John Hodian basierend auf den Gedichten des armenischen Dichters Mkrtich Nagash (1390-1470).
eriwan 1666
»vor der karawanserei gibt es einen kleinen markt mit läden, wo man allerlei proviant verkauft, daneben eine schöne moschee und zwei cabarets à cahvé.«
Jean Chardin
eriwan 2012
die karawanserei heißt avtokajan und die minibusse, die aus eriwan nach tiflis oder teheran fahren, parken mit den schnauzen zum gehsteig. dahinter wechseln sich kioske, in denen man kekse, weißbrot und zigaretten kauft, mit kinositzen ab. zum ende der sowjetunion hat man die kinos geplündert und die kirchen mit neuem inventar bestückt. heute gibt es holzbänke, aber am avtokajan sind die kinositze geblieben.
eine alte frau mit grauem haar, bunter schürze und so faltiger haut, dass man seine fahrkarte wie in einen automaten hineinstecken könnte, läuft langsam den gehsteig ab. sie hat einen korb in der hand, darin jesuskettchen, türkisch blaue augen, streichhölzer und papiertücher. die alte bleibt neben einem hippie stehen, tätschelt seinen unterarm und zeigt auf ihren korb, die augen, den jesus, und gen himmel. der hippie schließt die augen, schüttelt langsam den kopf, faltet die hände und hebt sie vor sein gesicht. eine junge frau neben ihm steht auf und verschwindet. die alte setzt sich auf ihren platz. sie zieht eine plastiktüte aus der schürze und atmet einige male hinein. dann schnäuzt sie gelben schleim in die durchsichtige tüte, die dabei raschelt. die alte verknotet die öffnung, legt die tüte neben sich und schiebt sie, mit einer bewegung, wie man sie zum anstoßen einer murmel macht, vom sitz.
die junge frau kommt zurück, sie trägt zwei kleine porzellantässchen, beide auf untertassen. ihr klirren verrät, dass die hände der frau zittern. sie stellt die tassen auf ihren koffer. ihr mann bietet eine zigarette an, gibt feuer und sie stehen rauchend nebeneinander.
***
zuerst erschienen in: la liesette litteraire #3

Tawusch, mit seinem alten persischen Namen Schamschadin genannt, liegt im Nordosten Armeniens. Eine wunderschöne, baumbegrünte Region mit Landwirtschaft wie vor fünfzig Jahren, Imkerei und dem gemächlichen Fluss des Ländlichen. Wenn sich die Wolken um die Berggipfel winden und an ihren Schrägen ausfransen, erinnert Schamschadin an die Schweiz – mit dem Unterschied, dass viele Menschen hier sorgfältig ihren Exodus vorbereiten. Gab es in den ländlichen Gebieten Armeniens zu Sowjetzeiten hier und da Fabriken, Bergbau und Industrie, so ist heute nur jener Teil des Bergbaus übrig, der die Flüsse verdreckt und die Täler in einen bläulichen Schimmer taucht. In manchen Teilen der Nachbarregion Lori sind Böden und Wasser inzwischen derart konterminiert, dass die lokale Landwirtschaft mehr Giftschleuder als Nährstoffversorgung ist. Aber weil das Geld fehlt, Güter aus unverseuchten Gegenden zu importieren, gilt: Wer nichts isst, verhungert sofort, wer Gift isst, stirbt später.
Diese Sorgen haben die meisten Menschen in Schamschadin nicht, ihre Nahrungsmittel sind sonnensüß und sauber. Die Menschen leben von Subsistenzwirtschaft und tauschen – kochen, legen ein, produzieren Honig, backen. Trotzdem finden die Schamschadiner Produkte nur selten ihren Weg in andere Regionen Armeniens oder nach Jerewan. Zu lang sind die Wege, zu unorganisiert die Produktion. Jeder arbeitet für sich, eine beachtenswerte Produktionsmenge kommt so nicht zustande. Und zehn Gläser Marmelade nach Jerewan zu schicken, um sie dort auf dem Markt zu verkaufen, lohnt nicht, wenn andere statt dreieinhalb Stunden Fahrt 30 Minuten brauchen – und damit wesentlich geringere Transportkosten aufschlagen.

Wenn Schamschadin nicht nach Jerewan kommt, kommt eben Jerewan nach Schamschadin. Das dachten sich die Organisatoren vom zweiten Schamschadiner Honey and Berry Festival. Sie stellten Werbefiguren auf, verteilten Flyer, verschickten Einladungen und warben auf Facebook. Wer wollte, konnte für 5000 AMD, rund 9,23 Euro, ein Busticket hin und zurück kaufen, der Eintritt selbst war frei. Sieben Busse füllten sich, dazu kamen unzählige Privatautos. Und weil sie das Festivalgelände kostenlos betreten konnten, kamen auch die Einheimischen. Während die Angereisten ihre Münder und Taschen mit Gebäck, Honig und Früchten füllten, bestaunten die Besucher aus der Region im Gras sitzend die kostenlosen Tanz- und Artistik-Vorführungen.




das gespiegelte kupferhuhn ist ein kleines vom leben ausgeschlossenes zukunftshuhn
(ein ei nämlich)
dessen weiß und kupfer auf meinem teller lag
ich aß es mit fladen (die metallklammer des mehlsacks
eingebacken spuckte ich aus) und gestreckter butter
die mutter des kupferhuhns das erfuhr ich später
sieht jeden morgen wenn sie aus dem stall tritt
den kupferrauch der fabrik
und weil der wind häufig die richtung wechselt
steigt der rauch jeden tag anderswo
wer weiß wo=
hin
die mutter des kupferhuhns schert es nicht nur
dass sie (von den eiern die man ihr ließ)
nie ein küken durchgebracht hat
stimmt traurig
es ist daher gut dass man ihr die eier wegnimmt
so muss die mutter die krüppel wenigstens
nicht sterben sehen.
Nachdichtung von տաղ անձնական (Չարենց)
In Kars ließ ich am Flussufer mein Haus aus unbehauenem Stein,
Ich verließ Kars, den Karser Park und den blauen Himmel der Heimat
Und Karine Kotantchyan, der ich dieses Mal nicht sagte: Mach’s gut –
Ohne diesen letzten Gruß gehe ich nun durch fremde Städte.
Ohne diesen letzten Gruß gehe ich und bin umgeben von Menschen, tausenden und abertausenden Gesichtern,
Um mich herum lärmt die Welt, das ungleiche menschliche Leben,
Wer wird sagen, warum du, und wer wird sagen, wohin du kommst
Die Gesichter, ach, sind so stumpf, als seien sie mit Äxten geschlagen.
Dieses Leben scheint ein graues, lahmes und irres Lied.
Dieses Leben scheint die offene Wunde im Herz eines Menschen.
Und für wen, für wen jetzt dieses sehnsuchtsvolle Lied?
Mein Herz ist gefüllt mit dem Zinn und Blei der Jahre.
Und um mich lass diese bucklige Welt lachen, sich auflösen,
Ich – verkrüppelt und irr und ein ewig Fliehender
Muss zum Himmel gehen, an den Rande Amenthes –
Meinen hohen, alten und sternigen Weg der Träume
Und mein Herz vergibt nun alle Sünden,
Ich muss mich entfernen auf ewig, muss gehen, meine Augen schon in der Ferne,
Und wenn Ihr Karine Kotantchyan auf den Straßen von Kars seht –
Sagt ihr, Tscharenz wollte sagen: Mach’s gut, mach’s gut …
1919