»Tödliche Formeln«, ein Kurzfilm über die Luftverschmutzung in Armenien

Tödliche Formeln, Orginaltitel: »մահաբեր բանաձևեր / Deadly formulars«
Armenisch mit englischen Untertiteln.

Der 20-minütige Dokumentarfilm »Tödliche Formeln« thematisiert die Luftverschmutzung in Armenien und wie sie entsteht: Fabriken ohne Filteranlagen, alte – und vor allem viel zu viele – Fahrzeuge in den Städten und Müllverbrennungen im kleinen und großen Stil setzen gesundheitsschädliche und krebserregende Stoffe frei. Wälder und Grünanlagen müssen kommerziellen Interessen weichen. »Wir sagen nicht, dass alle Tiere überleben werden«, wird der Vorsitzende eines Minenunternehmens zitiert: »Wir sagen nur, dass es rund um die Anlage Waldflächen geben wird, wo Reptilien, Nagetiere und einige Vögel leben könnten.« Die Betreiberin eines Kiosks in Alaverdi, einem Ort in Nordarmenien, der massiv von Luftverschmutzung durch die (Kupfer-)Minenindustrie betroffen ist, sagt in die Kamera: »Es stimmt, unsere Gesundheit nimmt Schaden. Aber wir leben. Vochinch. Wir leben.«

Ein Film von Inga Zarafyan unter Regie von Hayk Kbeyan.
Produktion: Vem Media Arts (2006).
Der Film wurde unterstützt vom Armenia Tree Project, der Armenian Forests NGO und dem WWF Kaukasus.

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Ursula Schulz-Dornburg: Bushaltestellen in eine andere Welt | Reisen | ZEIT ONLINE

Armenien hat es auf ZEIT ONLINE geschafft. Vor einigen Tagen mit mehreren Artikeln zu Frankreichs Genozid-Gesetzes. Das Glanzstück der Berichterstattung war dabei die völlig überraschende Feststellung unter dem Titel »Erdoğan erzürnt über französisches Völkermord-Gesetz«:

»Armenien hat die Annahme des Völkermordgesetzes positiv aufgenommen.«

Das hätten wir wirklich nicht erwartet!

Und apropos »warten« – die Fotografin Ursula Schulz-Dornburg hat von 1994 bis 2004 Bushaltestellen in Armenien fotografiert. Anlässlich ihrer Bochumer Ausstellung »Niemandsland« veröffentlichz die ZEIT ONLINE eine Auswahl ihrer Fotografien:

Ursula Schulz-Dornburg: Bushaltestellen in eine andere Welt | Reisen | ZEIT ONLINE.

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»Wie die Elite ihr Volk vergiftet« | Lragir.am – Armenian Online

Frage an Radio Eriwan: Sind die Preise teurer geworden?
Radio Eriwan: Im Prinzip schon, aber die Qualität ist auch schlechter. 

Lragir.am schreibt unter dem Titel How »Elite« Poisons People über Nahrungsmittel in Armenien. Für gewöhnlich gebe es Themen, die traditionell in den Medien während des Jahreswechsels aufgegriffen würden, beispielsweise die Lebensmittelvergiftungen während der Neujahrsfestlichkeiten. Die offiziellen Zahlen seien in diesem Jahr aber bemerkenswert gering, nur ein Fall ist in den Statistiken vermerkt.

Allerdings sei die aktuelle Situation auf dem Lebensmittelmarkt keineswegs so gut, wie es scheint:

»Das armenische Staatskomitee zum Schutz des Wirtschaftswettbewerbs belegte Produzenten von Milchprodukten mit einer Strafe wegen Lebensmittelverunreinigung. Eine Kontrolle der Zollpapiere durch das Komitee zeigte, dass die oben genannten Firmen Pflanzenöl in großen Mengen importieren, hauptsächlich Kokosfett. Eine Laboruntersuchung ergab, dass diese Firmen bei der Herstellung von Milchprodukten Fette verwendeten, die in Armenien gesetzlich verboten sind.

Währenddessen stiegen die Milchpreise in Armenien. Als ein Journalist den Landwirtschaftsminister zu dem Preisanstieg befragte, antwortete dieser, dass die Preise nicht gestiegen seien, aber die Qualität besser geworden sei.«

Das klingt nach nach Radio Eriwan, ist aber Realität. Und Lragir setzt nach:

»Man muss wissen, dass diese Produzenten und Importeure Mitglieder des Parlaments sind. Ihre Habgier und ihr Geiz sind grenzenlos. Sogar in offiziellen Kreisen Armeniens gibt man zu, dass die Inflation in Armenien nichts mit internationalen Tendenzen zu tun hat. Die Nahrungsmittel sind nicht nur viel teurer verglichen mit internationalen Preisen, sondern auch noch von schlechter Qualität – während die Produzenten und Importeure immense Profite generieren.«

via How “Elite” Poisons People | Business | Lragir.am – Armenian Online.

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Besitzerin von »le Café de Paris« verlässt Armenien | Epress news | A1 plus

Laut eines Artikels von Epress News habe die Besitzerin von »le Café de Paris« Ashkhen (Valerie) Gordzounian am 29. Dezember 2011 Eriwan verlassen. 16 Jahre lang habe die Diaspora-Armenierin das Unternehmen geführt. Vor vier Jahren hätten die Probleme begonnen. Ihr Exmann habe entsprechenden Beziehungen in Regierungskreise gehabt. 2010 der Vorwurf: Sie habe Steuerschulden in Höhe von 48 Millionen AMD (rund 97.000 Euro), aus denen »wegen der Tageszinsen« bald 80 Millionen (rund 161.000 Euro) wurden.

Im Interview mit Epress News sagt Gordzounian:

»Staatsorgane werden gewählt, um die Lasten eines Landes zu verringern, um den Menschen und der Wirtschaft zu dienen und um Mittel zu generieren … aber wenn sie nicht in der Lage sind, den Menschen zu helfen, sollten sie nicht bestehen bleiben […]

Mich überraschte, wie unsere Richter und maßgebenden Gremien damit umgehen. Die Richter werden bestochen. Es gibt keine Gerechtigkeit.«

Sie habe ihre Kaffeerösterei verkauft um die Schulden zu begleichen. Aber bis heute würden verschiedene Maßnahmen gegen sie eingesetzt. Zuletzt sei ihr von der Stadtverwaltung eine 2- bis 3-monatige Schließung verordnet worden, im Rahmen einer »Säuberungsaktion der Innenstadt«, schreibt A1 plus unter dem Titel »Owner Of Le Café De Paris To Leave Armenia«. Seien Sie gewappnet mit Geduld, habe der Eriwaner Bürgermeister ihr gesagt.

Schließlich habe Gordzounian entschieden, Armenien zu verlassen und le Café de Paris zu verkaufen.

»Ich wusste nicht, dass sich nahe von le Café de Paris eine Molybdän-Mine befindet; Warum sonst interessieren sich die Mächtigen Armeniens für dieses Unternehmen? Die letzte Phase hat bereits begonnen und le Café de Paris steht zum Verkauf. Ich verlasse Armenien – enttäuscht und mit tiefem Schmerz. Ich habe alles getan, um dieses Unternehmen, das ich selbst gegründet hatte und sehr schätzte, zu retten. Vergeblich. Mein einziges Ziel ist, dass nach mir le Café de Paris einen rechtschaffenen Besitzer haben wird und keine unrasierte, fetthalsige und hässliche Person (d.h. einen Oligarchen). Ich will, dass meine Angestellten in sicheren Händen sind.«

Das sagte Gordzounian im Interview mit Epress News. Ihr Fazit zu Armeniens aktueller Situation:

»Ich bin entsetzt, wenn ich sehe, dass Tag für Tag Armenier das Land verlassen. Ich bin sehr besorgt, dass enttäuschte Menschen emigrieren – und zwar intelligente und fähige Leute. Gebildete Menschen werden hier mit Füßen getreten und unter Druck gesetzt; Alles Schöne scheitert an den Dickhälsigen und Unrasierten – und wird vernichtet.«

Orginalartikel: Le Cafe de Paris Owner Finally Decides to Close Up Shop and Leave Armenia | Epress News und Owner of Le Café de Paris to leave Armenia | A1 plus

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Open your eyes, people! | Hetq online

Zum Jahresende 2011 veröffentlichte Hetq online einen Aufruf unter dem Titel: »Open your eyes, people!«, der die aktuelle Situation Armeniens beschreibt:

»Im Namen tausender Armenier erheben wir unsere Stimme gegen die Ungerechtigkeit und Gesetzlosigkeit, die zur Arbeitsweise der armenischen Regierung geworden sind. Sie hat mit ihren Entscheidungen illegale Aktionen legitimiert, das Volk seines Besitzes beraubt und dessen Emigration gefördert.«

Durch misslingende Maßnahmen internationaler Organisationen werde das Oligarchenwesen Armeniens unterstützt und die negativen Entwicklungen im Land noch verstärkt. Der Artikel wendet sich an die Industrieländer, deren Unterstützung ihrer Meinung nach oft in die falsche Richtung läuft:

»Erinnern Sie sich, dass das Wohlergehen der Kinder ihres Landes auf dem Elend hungriger Kinder baut.

Weiß die Bevölkerung ihres Landes von dieser grausamen Wahrheit?«

Als Beispiel wird Deutschland genannt und die armenische Minenindustrie:

Haben sie, die Staatsvertreter der Bundesrepublik Deutschland, Ihre Bürger darüber informiert, dass das Molybdän, das nach Deutschland exportiert wird, bei hunderten armenischen Kindern schwere Krankheiten verursacht hat. Und nun werden diese Kinder ihr Zuhause verlieren. Wo ist Ihre moralische Verantwortung? Millionen Dollar werden von internationalen Organisationen bereitgestellt, von der Global Ecology Foundation, der Weltbank und anderen Finanzinstitutionen. Dieses Geld wird dem sterbenden, vernichteten Körper des System injiziert […] Sie fördern ein korruptes System; sie unterstützen die Verschärfung der Gegensätze im Land, sowie die vollständige und endgültige Demoralisierung dieser Gesellschaft.«

Zum Abschluss ein ökologischer Aufruf:

»Die Natur Armeniens ist einzigartig. Sie umfasst flächenmäßig zwar nur 6,7% des gesamten kaukasischen Ökoregion, beherbergt aber rund 60% der kaukasischen Biodiversität (von 6000 Pflanzen wachsen 3500 in unserem Land). Wir dürfen nicht zulassen, dass die natürlichen Ressourcen zerstört werden; Wälder, Wasser, Luft. In diesem wunderbaren Land darf es nicht sein, dass die Minenindustrie der größte Industriezweig ist.«

Der Originalartikel ist zu finden unter Open your eyes, people! | Hetq online.

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Armenien – die zweitschlechteste Wirtschaft der Welt

Das Forbes Magazine hat Armenien zur zweitschlechtesten Wirtschaft der Welt gewählt. Mit einem Einbruch der Wirtschaft um 15% im Jahre 2009, einer mittelmäßigen Wachstumsprognose für die nächsten Jahre und der Abhängigkeit von Russland und Iran im Energiesektor habe Armenien Schwierigkeiten, mit dem Rest der Welt mitzuhalten, schreibt Daniel Fisher in seinem Blogeintrag: „The World’s Worst Economies“. Derzeit gebe es in Armenien eine Inflation von 7%, das BIP pro Kopf liegt bei 3.000 USD. Im Nachbarstaat Türkei betrage das GIP pro Kopf das Dreifache. Bei seinem Ranking stützt sich das Forbes Magazine auf Daten des Internationalen Währungsfonds.

Als Gründe für das schlechte Abschneiden Armeniens wurden die Finanzkrise 2009, Missmanagement und Korruption genannt, schreibt ArmeniaNow.com. Das Internetmagazin zitiert den armenischen Ökonom Tatul Manaseryan: „Für gewöhnlich macht das Forbes Magazine fundierte Untersuchungen und auch unsere Forschungen haben ergeben, dass sich die armenische Wirtschaft, gelinde gesagt, nicht gerade in gutem Zustand befindet.“

Viele Armenier ziehen angesichts der schlechten wirtschaftlichen Lage, der steigenden Preise und der hohen Arbeitslosigkeit ins Ausland: Allein in den letzten 2,5 Jahren haben 250.000 Menschen das Land verlassen. Von Januar bis April 2011 betrug die Negativbilanz der Ein- und Ausreisen 47.610 Menschen. Bedrohliche Zahlen, wenn man bedenkt, dass die Gesamtbevölkerung Armeniens derzeit rund 3 Millionen Menschen beträgt. Armenien kann dieser Bewegung derweil wenig entgegensetzen – und wie die Ethnografin Hranush Kharatyan sagt: „Mit Patriotismus allein können die Menschen nicht dazu bewegen zu bleiben.“

Quellen:
http://blogs.forbes.com/danielfisher/2011/07/05/the-worlds-worst-economies/
http://www.armenianow.com/economy/30861/forbes_report_worst_economy_armenia
http://www.armenianow.com/social/30816/migration_armenia_labor_russia

Emo in Armenien – die Behandlung einer Subkultur

Donnerstag, 2. Dezember 2010. Die Sonne scheint, scheint seit Monaten. Mitte Oktober ist der letzte Regen in Yerevan gefallen.
Eine Gruppe Menschen, von denen viele nicht wissen, wofür sie auf die Straße gehen, zieht am Nachmittag durch die Innenstadt. Ihr Feinbild: Emos. Junge Menschen, die sich der Subkultur Emo angeschlossen haben – und denen man jetzt unterstellt, sie seien eine Gefahr für die Gesellschaft. Schwarze Kleidung kombiniert mit greller Farbe, gern rosa, ein schräger Pony, der ins Gesicht hängt, Buttons, die Füße in Chucks und Vans. Entdecke das Mädchen in dir, titelt der Spiegel in Deutschland sein Portrait von jener Kultur, der gewissermaßen die Kanten fehlt, anhand derer man sie definieren könnte. Gefühlszugewand und offen, so das Selbstbild – auch mal weinen dürfen – Emotional Rock hören und schon ist Mensch Emo. Wer in Deutschland unbedacht den New Yorker leerkauft, entspricht schon der optischen Definition. Etwas, wofür er in Armenien verhaftet werden könnte, denn Emos gefährdeten die Gesellschaft – durch Selbstmord und Perversionen, so die Unterstellung. Während in Deutschland zahlreiche Witze kursieren und der Spott über die Bewegung mehr Bedeutung hat, als sein eigentliches Objekt, nimmt die Polizei in Armenien die Emos äußerst ernst, sie nimmt sie nicht nur ernst sondern auch fest und verhört sie. Menschen, die aussehen wie Emo. Wobei: In direktem Zusammenhang stehe die steigende Rate der Selbstmordversuche unter Minderjährigen (25 statt 23 im Vorjahr) laut der Polizei nicht. Bleibt: Emo – ein Beinaheverbrechen, auch bekannt als: Die Perversion aus dem Ausland.

Quellen: ArmeniaNow, ArmeniaNow

How We Live: Life on the Margins in Armenia

»I hope viewers will gain a deeper understanding of the challenges faced by Armenia’s families who are dealing with poverty, and that a deeper understanding will lead to greater awareness, a basis for dialogue, and inspire a more informed level of engagement by Diaspora Armenians in their homeland.«
Sara Anjargolian

Ein Film von Karlo Gharabegian und Sara Anjargolian:

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Freiwilligendienste in Armenien – was bringt das?

Laut offiziellen Angaben leben in Armenien rund 3,2 Millionen Menschen, das Auswärtige Amt schätzt die reale Einwohnerzahl geringer. Sagen wir, 3,2 Millionen waren es einst.
Durchschnittlich verdienen die Menschen, die in der Republik Armenien geblieben sind, rund 230 Euro pro Monat*. Eine Lehrerin in Gyumri erzählte mir 2009, sie verdiene 100 Euro. Davon ernährt sie ihre Mutter, ihr jüngeres Kind, das in Gyumri zur Schule geht, und unterstützt die ältere Tochter, die in Yerevan ihren Journalismus-Master macht.

In Yerevan selbst wechseln die Gegensätze wie Verkehrslichter. In manchen Straßen stehen Autos nebeneinander, von denen jedes einzelne das Vielfache eines gewöhnlichen Menschenlebens wert ist. Keine zehn Minuten entfernt stehen Baracken und Hütten, die man nur als Behausungen erkennt, weil vor ihren Türen Wäscheleinen hängen. Yerevan versucht sich als moderne Stadt zu zeigen, voller Cafés, Pubs und Restaurants. Menschen prosten zuversichtlich dem Abend entgegen. Wenn man abends durch die Innenstadt geht, scheint es, als gebe es eine Mittelschicht, zumindest in der Hauptstadt.

Ein paar junge Leute kellnern und verdienen am Tag so viel, wie ein deutscher Kellner in der Stunde. Ein Freund sucht eine zentrumsnahe Wohnung für 30.000 Dram, rund 60 Euro. Er findet sei Monaten nichts. Die Preise im Zentrum haben längst das ostdeutscher Großstädte erreicht. 200, 300 Dollar für eine Einraumwohnung sind normal. Eine Gruppe deutscher Freiwilliger wohnt zwanzig Minuten vom Zentrum mit der Marschrutka entfernt, sie zahlen zu dritt 500 Dollar für eine Vierraumwohnung. Entweder oder.

Wobei: Wir als Freiwillige haben gut reden. „Klar kann man in Yerevan gut leben“, sagt Martin, ein Freiwilliger aus Deutschland, „wenn man Geld hat.“ Die Freiwilligen aus Deutschland bekommen Unterkunft, Verpflegung, Taschengeld, gefördert vom BMZ (weltwärts) oder dem Auswärtigen Amt (kulturweit). Der gemeine Weltwärts’ler wird mit bis zu 580 Euro pro Monat vom BMZ bezuschusst. Seine Entsendeorgansiation gibt 25 Prozent dazu. Dafür sammelt der Weltwärts’ler monatlich 150 Euro Spenden in Deutschland. Jeden Monat bekommt er dann 100 Euro als Taschengeld, 230 Euro gehen an die Aufnahmeorganisation vor Ort. Nett.

Dabei wird oft kritisiert, dass viele der jungen Menschen, die ins Ausland gehen, kaum Qualifikationen haben, mit denen sie sich im Einsatzprojekt einbringen können. Die Kritik: Egotrip ins Elend. Auf einen Satz gebracht von der Berliner Politikprofessorin Claudia von Braunmühl: „An unqualifizierten Händen fehlt es dort nirgends!“ Etwas anderes sind viele Weltwärts’ler nicht. Bewerbungsbedingung: Abitur oder abgeschlossene Berufsausbildung. Abiturienten überwiegen. Die ijgd hat 2010 keinen einzigen Freiwilligen mit Berufsausbildung nach Osteuropa geschickt.

Trotzdem kann man sinnvolle Arbeit finden. „Wir versuchen, für unsere Freiwilligen Tätigkeiten zu finden, die ihren Fähigkeiten entsprechen. Klar müssen sie arbeiten, ein Freiwilligendienst ist Arbeit. Das sollte allen Beteiligten klar sein“, sagt meine Programmdirektorin. Mein Vorvorgänger war im Bereich Bau und Handwerk beschäftigt und lebte zeitweise in Urtsadzor, einem Dorf nahe des Naturschutzgebietes Khosrov. Meine Vorgängerin unterrichtete Deutsch und Englisch, assistierte bei einer TV-Produktion und tourte während der Sommerferien mit einer fahrenden Ökobiobliothek durch armenische Kleinstädte.

So mancher Freiwilliger ist also doch mehr als drei Stunden am Tag sinnvoll beschäftigt (vorgeschrieben ist eine 40-Stunden-Woche, was an vielen Einsatzstellen allerdings utopisch viel ist). Ich für meinen Teil konzeptioniere Webseiten (www.sunchild.org, www.tv.sunchild.org und edu.sunchild.org) und setze sie technisch um. Ein anderer Weltwärts’ler macht Englisch-Unterricht und bringt Kindern in einem Waisenhaus Gitarre bei. Andere (kulturweit) leiten eine Theaterwerkstatt, eine BA-Studentin unterrichtet Deutsch an der staatlichen Uni. Im Hinterkopf bleibt der Vorwurf der mangelnden Qualifikation für das, was wir tun. Ohne pädagogische Grundbildung Unterricht zu erteilen, mag seine Befürworter haben: Besser als kein Unterricht! Und seine Gegenargumente. Haben Sie schon mal versucht, die Präteritumsformen des Deutschen zu erklären? Oder die Aussprache von „ch“ in Bach oder gleich?

„Wir machen hier alle vieles zum ersten Mal“, tröstet mich meine Chefin manchmal. Meine Organisation: Zum ersten Mal eine Reality-Show mit Jugendlichen in der kaukasischen Natur. Ein Umweltfestival im Südkaukasus alle zwei Jahre seit 2007. Eine Schutzzone nahe eines Naturschutzreservates. In Vorbereitung: Ein College, eine Forschungsstätte, ein neuer Zoo. Wir alle lernen bei Versuch, diese Welt ein wenig mehr ins Gleichgewicht zu bringen. Wir, die armenische Organisation, und wir, die deutschen Freiwilligen.

Ob aus Weltwärts’lern allerdings später Entwicklungshelfer werden oder zumindest Menschen, die sich „insbesondere auch nach ihrer Auslandszeit tatkräftig entwicklungspolitisch engagieren“, wie es sich das BMZ wünscht, wird sich zeigen. Ebenso, ob sich dadurch für das Einsatzland etwas Bemerkenswertes ergeben kann. Der Satz: „wir machen etwas zum ersten Mal“, kann bedeuten, dass die Aktion Pionierarbeit ist. Oder von mangelnder Vorbereitung bedingt. Was am Ende eben doch einen Unterschied macht.

Yerevan, Mitte Oktober 2010

Der Herbst drängt sich in die Stadt, statt in bunte Herbstlichkeit scheinen die Bäume sich ins Grau der Häuser zu fügen. Als der Oktober zehn Tage alt war, hatten sie bereits die Farbe der ausgewaschenen Polizeiuniformen angenommen. Am Mittag fiel Regen, am Nachmittag spiegelte sich die Sonne im Wasser jener Pfützen, die sie noch nicht aus der Stadt getupft hatte.

Anfang des Monats hatte jemand ein Theaterfestival organisiert, eine Woche lang armenisches, georgisches, ukrainisches, russisches, rumänisches und iranisches Theater nach Yerevan geholt. Jeden Abend fanden parallel in der Innenstadt verteilt die Aufführungen statt. Ich sah eine Besucherin, eine kleine Frau mit kurzem, schwarz gefärbtem Haar, dessen weißen Ansatz sie nicht zu scheren schien, bei jeder Veranstaltung. Sie rauchte, während sie wartete, dass man ihr Zutritt zu den Sälen gewährte. Wir warteten viel. Yerevan: Nichts beginnt zur angekündigten Zeit. Ich sah den Monolog einer Rumänierin über Mutterschaft, modernes Theater: „Entschuldigen Sie meine Ausdrucksweise, das ist modernes Theater, also zeitgenössische Texte, Sie verstehen schon, es tut mir leid!“ und eine georgische Müllkippenbegegnung: Zwei Menschen auf einer Müllhalde, die Aufgabe der Dinge als Befreiung – ohne Aussicht, stattdessen endend im Tode.
Eine tschechische Komödie ließ die Dinge, die Menschen und Geschichten ständig ineinander übergehen, sich drehen, wachsen und verschwinden. Guten Appetit. Dankeschön! Wie fröhlich das Publikum nach drei Worten Armenisch applaudierte.
„The interpreter of the Apocalypse“, ein voll Kraft strotzender Monolog auf Russisch erzählte die Bibel nach, in einer ungewöhnlichen Sprache und voller Energie, ein einziger Mann auf der Bühne war der Höhepunkt des Festivals. In einem Raum, wo die Menschen auf dem Boden saßen, auf den Aufgängen standen und gebannt wurden, von dem Drama des Theaterstudios ASB aus Russland. Der Text schien aus dem Mann herauszubrechen, zu strömen ohne Unterlass, zuweilen schwall Musik an, Melodisches, während der Text weiter floss, untergehen zu schien, bevor er sich doch behauptete. Nach der Vorstellung fragte ich einen jungen Armenier, ob er für mich den Text nacherzählen könne. Unmöglich, sagte er, aber strahlende Kunst!
Die letzte Vorstellung, die ich einen Tag später sah, war eine Inszenierung, die nicht wusste, in welcher Zeit sie sich verortet, ob der deutsche Rammsteintext zu den Bildern passt, die gegen die Wand geworfen werden. Zwei Stunden lang freute ich mich auf den Mord, das Ende. Vor dem Gericht lief ein Igel über die Leinwand, eine alte Kindersendung. Sie war fehl am Platz. Wie beinahe alles in der Vorstellung, so verloren wie Woyzek.

Einige Tage später bin ich eingeladen zu einem Konzert von Dyko, einem Australier, der Deutschlernelektropop macht. Das Konzept sei gut, sagt eine Frau von der Botschaft, mehr konnten wir beide der Veranstaltung nicht abgewinnen. Auf der mickrigen Bühne hampelte ein Mann in rotem Ganzkörperkondom und sang von Vorstädten. Ich dachte an einen Freund, der fragte, ob es in einigen Jahren noch ein Armenien geben werde – oder nur den Stadtstaat Yerevan. Eine von drei Millionen Einwohnern leben derzeit in der Stadt. Manch einer witzelt, wo nichts witzig ist, dass der Rest in Russland sei. Oder anderswo. Die Anzahl der Diasporaarmenier übersteigt die der Inlandsarmenier um ein Vielfaches: den drei Millionen Menschen, die in der Republik Armenien leben, stehen rund 8 Millionen Diasporaarmenier gegenüber.